Green-IT: So transformieren wir unsere Hardware hin zu mehr Nachhaltigkeit

Hardware hat einen deutlichen negativen CO2-Fußabdruck. Viele Computerhersteller verwenden daher bei der Produktion ihrer Notebooks, PCs und Tablets Recycling-Materialien. Aber ist Green-IT wirklich so einfach? Wir ziehen nach etlichen Interviews und Erfahrungen ein Resümee.

Autor*in Benjamin Lucks, 17.12.25

Übersetzung Kezia Rice:

Wusstest du, dass viele als nachhaltig gelabelte Notebooks einen vergleichsweise hohen CO2-Fußabdruck mitbringen. Denn obwohl Hersteller sie anteilig aus Recycling-Materialien produzieren, fallen sie in Aspekten wie der Reparierbarkeit oder der Möglichkeit, sie bei unzureichender Leistung aufzurüsten, durch. Heißt: Wenn sie herunterfallen oder nach einigen Jahren der Nutzung zu leistungsschwach sind, werden sie zu Elektroschrott.

Beim Thema „Green-IT“ gibt es viele Fallstricke, die wir uns in diesem Artikel einmal genauer anschauen wollen. Im Rahmen unseres Schwerpunktthemas zu Möglichkeiten einer nachhaltigen Digitalisierung haben wir erkundet, wie ein nachhaltiger Umgang mit Hardware funktionieren kann. Diese Ergebnisse fassen wir hier zusammen. Denn: Ein konsequenter, nachhaltiger Umgang mit IT-Hardware muss mehrere Ansätze gleichzeitig verfolgen.

Umweltfolgen unserer Hardware – was ist überhaupt das Problem?

Wer an der digitalen Welt teilnehmen möchte, der benötigt ein digitales Endgerät. Also ein Notebook, ein Smartphone, einen Desktop-PC, ein Tablet oder eine smarte Brille mit Internetzugriff. Egal, wie diese Hardware ausgestaltet ist, sie basiert immer auf Prozessoren, für die wir wiederum Halbleiter benötigen.

Halbleiter werden an vergleichsweise wenigen Standorten auf dem Globus hergestellt. Rund zwei Drittel der Halbleiter stammen von der TSMC, die wiederum in Taiwan ansässig ist. Die USA versucht seit einigen Jahren, mit Herstellern wie Qualcomm aufzuholen. Deutsche und europäische Halbleiterhersteller sollen ihre Kapazitäten bis Ende 2030 auf ein konkurrenzfähiges Niveau bringen.

Während das wirtschaftliche Vorteile haben könnte, ist die Produktion von Halbleitern aus ökologischer Sicht bedenklich. Ein deutsches Forschungsteam zeigt mit einem „Taschenrechner“ für die Umweltfolgen der Halbleiterproduktion, wie viel Energie die Industrie benötigt, auf der unsere gesamte Digitalisierung aufgebaut ist. Neben dem Bedarf an Ressourcen wie Silizium, Germanium und Chrom zeichnet sich die Halbleiterproduktion auch durch einen hohen Wasserverbrauch aus.

Für die Produktion sogenannter Wafer-Scheiben benötigen Unternehmen ultrareines Wasser, das aufwendig aufbereitet werden muss. Die Halbleiterindustrie verschärft daher auch die Wasserknappheit in vielen Gebieten.

Dazu kommt, dass die verschiedenen Komponenten für Computer, Tablet-PCs und Co. in unterschiedlichen Ländern produziert werden. Der Verein Nager-IT hat die Lieferkette für eine einfache Computermaus nachverfolgt. Dabei fand der Verein heraus, dass eine simple Computermaus aus 33 verschiedenen Rohstoffen von unzähligen Zwischenhändlern zusammengesetzt wird. Viele dieser Materialien werden in Ländern mit prekären Arbeitsbedingungen produziert. Gleichzeitig vergiftet die CO2-intensive Entnahme seltener Rohstoffe ganze Gebiete und verschmutzt das Grundwasser in wasserarmen Regionen.

Der Verein „Nager-IT“ hat die Lieferkette einer einfachen Computermaus nachvollzogen.

Betrachten wir Berechnungen für den digitalen CO2-Fußabdruck unserer digitalen Welt, sehen wir die Herstellung von Hardware als die größte Treibhausgasquelle. Und dennoch boomt die Elektronikindustrie, da der Bedarf an Endgeräten und Rechenzentren wächst.

Wir können also schon einmal festhalten: Wir produzieren zu viel Computerhardware und wir tun das zu extraktivistisch und ohne eine konsequente Kreislaufwirtschaft. Für beide Probleme gibt es in der nachhaltigen IT-Welt Lösungen.

Modularität, Reparierbarkeit und schlanke Software

In reichen Ländern wie Deutschland, den USA und Großbritannien gibt es kaum noch Haushalte, in denen es nicht mindestens einen Computer oder ein Smartphone gibt. Im Jahr 2022 befand sich in über 92 Prozent der deutschen Haushalte einen PC in stationärer oder mobiler Form. Und weltweit wurden im Jahr 2024 rund 245 Millionen neue Computer abgesetzt.

Die meisten dieser Geräte haben das Potenzial, weitergenutzt zu werden und dabei neue Computerkäufe zu verhindern. Um das zu erreichen, helfen uns freie Betriebssysteme, modernere Module in Form von Festplatten, RAM-Riegeln und Prozessoren sowie der Austausch von Batterien und Akkus.

Keine Ahnung von Technik? Besuche ein Repair-Café!

Dein Computer ist defekt und du kennst dich gar nicht mit Technik aus? Dann schau doch mal, ob es in der Nähe ein Repair-Café gibt.

Repair-Cafés sind Orte, an denen sich Menschen gemeinsamt treffen, um Dinge zu reparieren und instand zu halten. Neben Kleidung, Möbeln und weiteren Gegenständen trifft man hier in der Regel auch auf Technikexpert:innen.

Für die Stadt Berlin gibt es mit repami ein Netzwerk, an dem viele Repair-Cafés gesammelt werden. Ähnliche Angebote gibt es aber auch in anderen Städten

Vor allem Desktop-PCs und Business-Produkte lassen sich aufrüsten und reparieren. Denn viele Unternehmen sehen darin eine Grundvoraussetzung für den Kauf oder die Miete von IT-Hardware. Als erste Regel für grüne IT können wir also festhalten: Es ist auf jeden Fall nachhaltiger, ältere Hardware weiter zu nutzen.

Beim sogenannten „Permacomputing“ wird genau das konsequent umgesetzt. Dabei ist die Frage zentral, wie wir unsere bereits bestehende IT so instand halten können, dass sie unseren aktuellen Leistungsansprüchen genügt. Oder im Umkehrschluss unsere Leistungsansprüche durch eine sparsame Programmierung so anzupassen, dass ältere Hardware in Betrieb bleiben kann.

Der Bedarf an Rechenleistung, den Betriebssysteme und Programme benötigen, ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Das Betriebssystem Windows ist etwa in 30 Jahren um das zehnfache größer geworden. Windows 11 bietet aber nicht annähernd einen zehnmal größeren Funktionsumfang. Denn auch mit Windows 95 war es bereits möglich, im Internet zu surfen, E-Mails zu schreiben und Filme zu schauen.

Unternehmen wie Microsoft und Apple programmieren ihre Betriebssysteme nicht mehr so „sparsam“ wie noch vor 30 Jahren. Denn Rechenleistung ist seit den 90er-Jahren um ein Vielfaches günstiger geworden.

Sparsamkeit bedeutet auch mehr Nachhaltigkeit

Diesem Trend sind Nutzer:innen gefolgt. Inzwischen ist es normal, einen Film in der höchstmöglichen Qualität auf einem kleinen Handybildschirm zu streamen. Ob dabei wirklich ein Qualitätsvorteil erkennbar ist, darüber lässt sich sicher streiten.

10 Tipps für einen nachhaltigen Umgang mit PCs

  1. Nutzung von Dark-Modes zur Reduzierung des Stromverbrauchs
  2. Herunterfahren von PCs und Notebooks
  3. Regelmäßiger Datenputz auf Online-Speichern
  4. Dokumente offline bearbeiten statt in der Cloud
  5. Automatische Backups von Fotos und Daten deaktivieren
  6. Musik und Videos herunterladen statt über Mobilfunk zu streamen
  7. Werbeblocker nutzen oder Apps kaufen, um Tracking & Werbung zu minimieren
  8. Streaming-Qualität reduzieren
  9. Nächstes Mal einen Beamer statt einen Fernseher kaufen
  10. KI-Chatbots mit Bedacht verwenden

Bei der Arbeit sind wir zudem permanent mit Rechenzentren verbunden, wenn wir gemeinsam im Home-Office arbeiten. Und wenn der Handyvertrag ausläuft, entscheiden wir uns ohne darüber nachzudenken für ein neues Smartphone. Die Sparsamkeit und Achtsamkeit, die im IT-Bereich früher notwendig war, haben wir uns abtrainiert und die Konsequenzen davon ignoriert.

Im Jahr 2025 sind Menschen zunehmend vom Energiehunger von Rechenzentren und ihrem Wasserverbrauch beunruhigt. Während es eine positive Entwicklung ist, dass diese Problematik erkannt wird, war auch unser Umgang mit IT in den letzten Jahrzehnten keineswegs unproblematisch. Menschen im globalen Süden leiden schon seit Jahrzehnten unter den Folgen der Digitalisierung der reichen Länder im globalen Norden. Ein Problem, das der KI-Boom seit einigen Jahren noch einmal deutlich verstärkt.

Refurbishment birgt großes CO2-Sparpotenzial

Vielen der genannten Aspekte – der Ressourcenhunger neuer Elektrogeräte und das Elektroschrottproblem – können wir durch Refurbishment entgegenwirken. Dabei handelt es sich um die professionelle Aufbereitung von Elektrogeräten und dem anschließenden Weiterverkauf. Die wiederaufbereiteten Produkte werden dabei in der Regel mit einem Rückgaberecht und einer neuen Garantie-Gewährleistung verkauft.

Viele Refurbished-Geräte stammen dabei aus Rahmenverträgen von Unternehmen oder Bildungseinrichtungen. Diese mieten Notebooks und PCs häufig für bestimmte Zeiträume bei IT-Dienstleistern an und ersetzen sie dann nach Ende des Vertrages mit einem neuen Gerät. Refurbished-Notebooks und PCs finden sich in Deutschland bei Anbietern wie Green-IT oder Refurbed. Auch im Einzelhandel gibt es inzwischen immer häufiger gebrauchte Geräte oder Refurbished-Produkte.

Und trotzdem: Auch Recycling gehört zu Green IT

Auch wenn wir die Weiternutzung von Geräten aus ökologischer Sicht empfehlen, gehört eine konsequente Kreislaufwirtschaft zu Green IT dazu. Denn wenn Hardware defekt ist oder sich schlichtweg nicht mehr upgraden lässt, sollte sie über Recycling als Rohstoffquelle für neue Geräte dienen.

Aus einer Tonne alter Computer und Notebooks lassen sich Schätzungen zufolge 70 Kilogramm Kupfer, 140 Gramm Silber und 30 Gramm Gold zurückgewinnen. Besteht die Tonne Elektroschrott aus ausgedienten Smartphones, sind es sogar 240 Gramm Gold, zweieinhalb Kilogramm Silber und 92 Kilogramm Kupfer.

Und obwohl Elektroschrott eine so ergiebige Quelle für Rohstoffe ist, verstauben hierzulande rund 2,3 Millionen ausgediente Smartphones in Schubladen. Dabei müssen Supermärkte in Deutschland ab einer Größe von 800 Quadratmetern Verkaufsfläche alte Geräte annehmen und sie dem Recyclingkreislauf zuführen. Woran scheitert das Recycling von Elektrogeräten also?

Ein entscheidender Aspekt ist womöglich, dass wir auf unserer Computerhardware äußerst sensible Daten speichern. Aufgrund der fehlenden Modularität können wir Festplatten allerdings nicht einfach entfernen oder so weit beschädigen, dass die Daten nicht mehr auslesbar sind.

nachhaltige Digitalisierung

Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?

Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint  die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:

Die Verbraucherzentrale hat einige Möglichkeiten zusammengestellt, wie sich Daten auf verschiedenen Festplatten sicher löschen lassen. Das Umweltbundesamt hat zudem Informationen für kommunale Sammelstellen zusammengestellt, bei denen man sich über das Recycling-Verfahren informieren kann. Werden Elektrogeräte direkt nach der Annahme geschreddert, werden dabei auch die gespeicherten Daten sicher gelöscht.

Fazit: Kreislauf statt Lebenslinie

Der deutsche Smartphonehersteller Shiftphone hat sich auf nachhaltige Elektronik spezialisiert. Im Rahmen eines Vortrags an der Universität Osnabrück, an dem auch RESET teilgenommen hat, fasste Shiftphone die Herausforderung von Green-IT wie folgt zusammen:

„Der Produktzyklus von Elektronikgeräten wird in der Regel als Zeitstrahl dargestellt. Er beginnt mit der Produktion und endet im besten Falle mit einem Zyklus – genau diese Darstellung wollen wir verändern.“ – Leon von Zepelin / Shiftphone

Shiftphone schlägt vor, das Leben eines Elektronikgerätes in mehreren Zyklen darzustellen. Das Recycling ist dabei zwar immer noch das gewünschte Lebensende, es gibt entlang des Lebens aber mehrere Zyklen der Wiederaufbereitung und Wiederverwendung.

Modularität, eine bessere Reparierbarkeit, das Wiederverwenden- und Wiederverkaufen von Elektronik sowie eine Anpassbarkeit der installierten Software sind allesamt Strategien, die den Lebenslauf von Elektronik von einem Zyklus hin zu mehreren transformieren können.

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Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!

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