Googles „Project Loon“ platzt, doch es gibt Alternativen zur Überwindung der digitalen Kluft

Project Loon sollte abgelegene ländliche Gebiete mit Internetzugang versorgen, wurde aber kürzlich eingestellt.

Google gibt sein „Project Loon“ auf, den ehrgeizigen Plan, über riesige schwebende Ballons Internet in netzferne Gegenden zu bringen. Verschiedene Akteure testen jedoch alternative Lösungen zur Überwindung der digitalen Kluft.

Autor Mark Newton:

Übersetzung Mark Newton, 08.02.21

Ende Januar kam die Nachricht, dass Google die Arbeit an „Project Loon“ einstellt, einem ehrgeizigen, mehrjährigen Projekt, das darauf abzielte, mittels selbstnavigierender Ballons in großer Höhe weltweit Zugang zum Internet zu ermöglichen.

Das Projekt, das von Googles Muttergesellschaft Alphabet unterstützt und in den X Labs des Unternehmens entwickelt wurde, startete ursprünglich im Jahr 2013 und schien auf dem besten Weg zu sein, sein Ziel zu erreichen. Am 22. Januar 2021 veröffentlichte Loon-Chef Alastair Westgarth jedoch eine Erklärung, die nahelegt, dass das Unternehmen Schwierigkeiten hatte, das Konzept wirtschaftlich tragfähig zu gestalten:

„Obwohl wir auf unserem Weg eine Reihe von interessierten Partnern gefunden haben, fanden wir keine Möglichkeit, die Kosten niedrig genug zu halten, um ein langfristiges, nachhaltiges Geschäft aufzubauen.“

Das Ziel von Project Loon schien immer sehr ehrgeizig. Riesige tennisplatzgroße Ballons sollten am Rande der Stratosphäre schweben und Internetverbindungen in ländliche und unterversorgte Gebiete herunterbeamen. Die Vision war ein Netzwerk aus Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Ballons, die den Globus umrunden und dabei ihre eigene, an Bord befindliche moderne Software für Navigation und Windvorhersage nutzen. Es hieß, dass jeder Ballon, der bis zu zwölf Kilometer über dem Meeresspiegel schweben würde, ein 5.000 Kilometer großes Gebiet mit einer funktionierenden 4G-Verbindung abdecken könnte, um so auch offline lebende Communities mit dem World Wide Web zu verbinden.

Das letzte bedeutende Update des Projekts war die Zusammenarbeit von Loon mit Kenyan Telkom, um 4G-Ballon-Internet über abgelegene Teile des Landes bereitzustellen. Um dies in großem Umfang zu tun, hatte Loon auch mobile „Autolauncher“ entwickelt, die alle 30 Minuten einen Ballon aussetzen können, um schnell ein Netzwerk aufzubauen und zu unterhalten. Der offizielle Start der Zusammenarbeit erfolgte mit jahrelanger Verspätung Mitte 2020, als eine Flotte von rund 35 separaten Flugfahrzeugen begann, ein fast 50.000 Quadratkilometer großes Gebiet im Westen und Zentrum Kenias zu versorgen. Trotz des Endes der offiziellen Google-Unterstützung für das Projekt wird Loon seinen kenianischen Vertrag bis März 2021 weiter bedienen und außerdem zehn Millionen US-Dollar für den Aufbau zusätzlicher Infrastruktur bereitstellen.

Zum Pech für Loon waren zwar mehrere Telekommunikationsunternehmen und Regierungsbehörden an dem Konzept interessiert, aber wie der CEO in seinem offiziellen Statement erklärte, bestand die größte Herausforderung darin, dass Loon nicht auf der Suche nach der nächsten Milliarde Nutzer*innen war, sondern stattdessen „das schwierigste aller Probleme bei der Internetanbindung verfolgte: die letzte Milliarde User“.

Laut eines Berichts der GSM Association stieg die Verfügbarkeit von mobilem Internet in den letzten zehn Jahren von 75 Prozent der Welt auf 93 Prozent. Das bedeutet natürlich nicht, dass 93 Prozent der Menschen das ihnen zur Verfügung stehende Internet auch tatsächlich nutzen. Es gibt immer noch Barrieren, die durch Ballons und andere Konnektivitätsanbieter nicht gelöst werden können: die Tatsache, dass die benötigten teuren 3G- oder 4G-Mobiltelefone schlicht nicht erschwinglich sind, dass das Internet nicht genügend Inhalte in der eigenen Sprache anbietet oder weil die Menschen nicht mit den nötigen digitalen Fähigkeiten ausgerüstet sind, um die Technologie zu nutzen.

Auch von anderer Seite gab es Kritik an dem Projekt. Für einige Kritiker*innen waren die Ballons einfach nur Drohnen unter einem anderen Namen und bezogen sich auf bereits bestehenden Bedenken über Googles Rolle in der globalen Überwachung. Andere Stimmen meinten, das Projekt würde im Wesentlichen digitale Monopole in bestimmten Regionen schaffen und wichtige Infrastruktur in die Hände von potenziell wankelmütigen multinationalen Unternehmen legen.

Bei aller Kritik – das Loon-Konzept hatte auch seinen Nutzen. Eine der größten Erfolgsgeschichten der Unternehmung war jedoch nicht die Bereitstellung von Internetzugängen für entlegene ländliche Regionen, sondern die Unterstützung bei Naturkatastrophen. Im Jahr 2017 setzte das Unternehmen seine Ballons ein, um Rettungskräfte und Zivilist*innen zu unterstützen, die von Überschwemmungen in Peru betroffen waren, und um Puerto Rico nach dem Hurrikan Maria mit Internet zu versorgen. Möglicherweise könnte die Google-Technologie in diesem Bereich den größten Nutzen bringen und auf eine breitere Akzeptanz stoßen, insbesondere wenn sie von Regierungsbehörden eingesetzt wird, die außerhalb eines Geschäftsmodells arbeiten.

Die Jahre, die für dieses Ballonabenteuer investiert wurden, waren zumindest nicht völlig umsonst, wie das Unternehmen versicherte. Einige der technischen Lösungen, die für die Ballons entwickelt wurden, werden bei der Entwicklung anderer Projekte zum Einsatz kommen. Erst kürzlich, im Dezember 2020, veröffentlichten ein Ingenieurs-Team bei Loon einen Artikel in Nature, in dem beschrieben wird, wie die Technologie neue Deep-Learning-Techniken hervorgebracht hat. Diese werden genutzt, um die Ballons dabei zu unterstützen, unter den schwierigen Bedingungen, die in der Stratosphäre herrschen, autonom Netzwerke zu bilden. Ein weiterer Durchbruch von Loon, das Senden von Hochgeschwindigkeitsdaten über Lichtimpulse, wird bereits in einem anderen X-Projekt, Taara, eingesetzt, das ebenfalls Internetverbindungen in unterversorgte Regionen bringen soll.

LEO-Satelliten und solarbetriebene Router: Andere Technologien treten an, um die digitale Kluft zu überwinden

Project Loon war bei Weitem nicht der einzige Versuch, um Internet in ländlichen Gebieten zu bringen. In den letzten Jahren sind mehrere andere Technologien entstanden. Eine, die viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist das Satelliten-Internet im Low Earth Orbit (LEO). Im Juni 2020 hat Elon Musks SpaceX im Rahmen des Starlink-Programms 58 Satelliten in eine niedrige Erdumlaufbahn geschossen, die über Tausende von Kleinsatelliten, die in Kombination mit Transceivern am Boden arbeiten, Satelliteninternet bereitstellen sollen. Da sich diese Art von Satelliten näher an der Erde befinden, können sie Internetverbindungen mit weniger Verzögerung als herkömmliches Satelliteninternet bereitstellen. Es gibt aber auch Nachteile; dazu gehört, dass die Satelliten in der Umlaufbahn verschleißen und regelmäßig ausgetauscht werden müssen, sowie der Fakt, dass sie – zumindest derzeit – nur eine bestimmte Menge an Datenverkehr bewältigen können.

Auch die viel diskutierte, ultraschnelle Funktechnologie 5G wurde als Lösung angepriesen. Vor allem durch die Coronavirus-Pandemie, die viele Schulen dazu veranlasste, auf Online-Formate umzusteigen, wurde die Idee prominent, dass die 5G-Technologie die Fernlernsysteme auf dem afrikanischen Kontinent radikal verändern könnte: Die Qualität des Lernens soll dank der schnelleren Geschwindigkeiten verbessert werden und auch Schüler*innen an abgelegenen Orten soll es ermöglicht werden, in Echtzeit am Unterricht teilzunehmen.

Auch die „White Space“-Technologie könnte ein möglicher Ansatz sein. Zwar hat sie noch nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten wie 5G und LEO-Satelliten, ist aber eine weitere technische Lösung, die bereits im Rahmen von Microsofts Airband-Initiative seit dem Sommer 2017 getestet wird und darauf abzielt, bis Juli 2022 drei Millionen Amerikaner*innen in ländlichen Gebieten, die über kein Breitband verfügen, mit Anschlüssen zu versorgen. White-Space-Internet nutzt einen Teil des Funkspektrums, der als „Weißer Raum“ bekannt ist. Dieser Frequenzbereich entsteht, wenn es Lücken zwischen Fernsehkanälen gibt. Es ist jedoch noch unklar, welche Art von Konnektivität dieses „TV White Space Internet“ bieten wird. Die Geschwindigkeiten könnten mit denen des 4G-Mobilfunk-Internets vergleichbar sein, was sich auf lange Sicht wahrscheinlich als nicht ausreichend erweisen wird.

Wenn es jedoch darum geht, die digitale Kluft in ländlichen Gebieten wirklich zu überwinden, dann sind es im Moment vielleicht eher Low-Tech-Lösungen mit kabelgebundenem Internet, die den Menschen in netzfernen ländlichen Gebieten die besten Möglichkeiten bieten. Einige Ansätze sind We! Hub (Bild oben), das einen zentralen, solarbetriebenen öffentlichen Internetzugangspunkt bietet, oder BRCK, spezielle Hardware-Router, die Wi-Fi auch ohne ständige Stromversorgung liefern können. Andere innovative Dienste, wie zum Beispiel Farmerline in Ghana, liefern vergleichbare, wichtige Informationen, wie sie sonst nur über das Internetzugänglich sind, nutzen aber stattdessen bereits existierende SMS-Netzwerke. Projekte wie diese werden nicht nur oft in Zusammenarbeit mit lokalen Telekommunikationspartnern entwickelt, sondern auch auf die Bedürfnisse und Anforderungen der jeweiligen Gemeinden abgestimmt.

Der Ansatz von Loon ist übrigens nicht gänzlich gescheitert: Ein recht ähnliches Konzept wird derzeit vom dänischen Unternehmen Altaeros entwickelt, das mithilfe seiner sogenannten „SuperTowers“ eine Internet-Anbindung in einem Radius von 60 Kilometern ermöglicht. Im Gegensatz zu den Höhenballons von Project Loon sind die Ballons von Altaeros am Boden festgemacht, arbeiten also in einem eher lokalen Maßstab. Die letzten bedeutenden Neuigkeiten zu diesem Projekt kamen 2019, als die mit Helium gefüllten Plattformen getestet wurden. Die Zeit wird zeigen, ob Altaeros das Konzept wirtschaftlicher und attraktiver gestalten kann als Google.

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von Lydia Skrabania. Das Original von Mark Newton und Marisa Pettit erschien zuerst auf unserer englischen Seite.

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