Global Fishing Watch: Fischmonitoring von oben

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© Global Fishing Watch
Die Karte zeigt Fischerei-Aktivitäten im Pazifik.

Noch vor einem Jahrzehnt wäre es unmöglich gewesen, ein genaues Bild der weltweiten Fischerei zu erstellen. Doch durch Fortschritte in der Satellitentechnologie, im Cloud-Computing und beim maschinellen Lernen ist das mittlerweile möglich.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 22.03.21

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut:

Gesunde Ozeane regulieren unser Klima, sind eine lebenswichtige Nahrungsquelle für rund drei Milliarden Menschen und sichern den Lebensunterhalt von Millionen Menschen. Doch nicht-nachhaltige Fischereimethoden fordern einen hohen Tribut, denn dadurch werden marine Ökosysteme zerstört und schrumpfende Fischbestände bedrohen die Ernährungssicherheit. Schon jetzt gelten laut FAO weltweit 30 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt.

Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) beinhalten unter anderem auch das Ziel, den Fischfang zu regulieren und die Überfischung zu beenden, damit sich die Bestände wieder erholen können. Doch auch wenn viele Fischereien bereits reguliert sind, ist schwer zu kontrollieren, was in den riesigen Weiten der Ozeane tatsächlich vor sich geht – besonders auf hoher See, jenen Gebieten außerhalb der Gerichtsbarkeit eines Landes, die fast die Hälfte der Oberfläche des Globus bedecken.

Informationen über Fischereiaktivitäten sind für eine effektive, nachhaltige Fischereipolitik jedoch unerlässlich. Die unabhängige Organisation Global Fishing Watch setzt auf Satellitendaten, um die Öffentlichkeit über die Überfischung der Weltmeere zu informieren und den kommerziellen Fischfang transparenter zu machen. Dazu erstellt Global Fishing Watch nahezu Echtzeit-Karten, auf denen Fischereiaktivitäten verfolgt werden können.

Mit Satellitenbildern illegale Fischerei sichtbar machen

Eine wichtige Informationsquelle von Global Fishing Watch sind die von Fischereifahrzeugen auf See gesammelten Daten. Dazu gehören die Schiffsüberwachungssysteme AIS und VMS:

AIS-Daten (Automatic Identification System) sind unverschlüsselte Funksignale, die von Schiffen ausgesendet werden, um Kollisionen zu vermeiden und Behörden die Überwachung des Schiffsverkehrs zu ermöglichen. Jede ausgestrahlte AIS-Meldung enthält die Schiffsidentität, den Fanggerätetyp, die Geschwindigkeit, den Kurs und die Position. AIS ist auf Fischereifahrzeugen mit mehr als 300 Bruttotonnen vorgeschrieben, daher ist nur ein kleiner Teil der weltweit etwa 2,9 Millionen Fischereiboote mit dem System ausgestattet – der aber für einen unverhältnismäßig großen Teil des gefangenen Fisches verantwortlich ist.

VMS (Vessel Monitoring System) ist ein satellitengestütztes Überwachungssystem für Fischereifahrzeuge und wird von einzelnen Regierungen betrieben. Da die Signale verschlüsselt sind, können nur die jeweiligen Regierungen darauf zugreifen. Aktuell erhält Global Fishing Watch durch Partnerschaften die VMS-Daten von den Regierungen Indonesiens, Perus, Panamas und Chiles; weitere Vereinbarungen mit anderen nationalen Regierungen werden angestrebt.

Auch nachts erfasst Global Fishing Watch Daten, und zwar mit einem scannenden Radiometer, dem sogenannten VIIRS (Visible Infrared Imaging Radiometer Suite), das sich an Bord eines Wetter- und Umweltsatelliten befindet. Ursprünglich für Wetterbeobachtungen eingesetzt, kann VIIRS die hellen Lichter von Schiffen in der Nacht erkennen – und es werden auch Schiffe erfasst, die kein AIS oder VMS senden.

Aus diesen Daten erstellt Global Fishing Watch Livestream-Karten, die online öffentlich und kostenfrei zur Verfügung stehen. Auf den interaktiven Karte ist jederzeit erkennbar, wo und wie lange in Fischfanggebieten gefischt wird; illegale Fänge in Schutzzonen können in Echtzeit sichtbar gemacht werden. Zudem wird auch erfasst, wenn Schiffe ihr AIS ausschalten, um beispielsweise unbemerkt in geschützte Bereiche einzufahren.

Zum ersten Mal wird dabei auch das Ausmaß der Fischerei deutlich: Die Analysen der Organisation haben gezeigt, dass die Fischerei mehr als 55 Prozent der Meeresoberfläche bedeckt und damit flächenmäßig mehr als viermal so groß ist wie die Landwirtschaft.

Ein wichtiges Werkzeug für effektive Schutzmaßnahmen

Entstanden ist Global Fishing Watch aus einer Partnerschaft zwischen Oceana, SkyTruth und Google. Die unabhängige Organisation unterstützt international anerkannte Forschungseinrichtungen dabei, neue Erkenntnisse über die komplexen Herausforderungen unserer Ozeane zu gewinnen. Zudem arbeitet die Organisation mit Regierungen zusammen, um Regulierungen besser zu überwachen und deren Durchsetzung zu unterstützen. Indonesien war beispielsweise 2017 die erste Nation, die Global Fishing Watch ihre VMS-Tracking-Daten zur Verfügung stellte und damit 5.000 kleinere kommerzielle Fischereifahrzeuge, die kein AIS verwenden, sofort auf die Karte setzte. Dies bringt neue Erkenntnisse über Schiffe, die in indonesischen Gewässern länger als für die ihnen zugewiesene Zeit fischen oder mehr als das gesetzliche Limit fangen.

Das Potenzial der Daten und Visualisierungs-Tools ist aber noch viel größer: Lieferant*innen von Meeresfrüchten und Einzelhändler*innen können damit überprüfen, ob die Ware, die sie beziehen, von legal und verantwortungsvoll arbeitenden Booten stammt. Forschende können mithilfe der Daten gefährdete Gebiete identifizieren oder die Effektivität der Schutz- und Fischereipolitik bewerten. NGOs und Journalist*innen können sie helfen, sich für einen stärkeren Schutz wichtiger Ökosysteme einzusetzen. Und Fischereibetriebe schließlich können damit nachweisen, dass sie legal und verantwortungsvoll arbeiten.

Voraussetzung für diesen größeren Nutzen ist aber natürlich, dass die Verantwortlichen die Datenbasis anerkennen und diese Werkzeuge auch tatsächlich für wirksame Maßnahmen einsetzen.

Der Artikel ist Teil des Dosssiers „Satelliten und Drohnen – Wertvolle Helfer für eine nachhaltige Entwicklung“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier Satelliten und Drohnen

Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen.


Mehr Informationen hier.

 

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