GIZ-Interview: Ein besseres globales Miteinander per Blockchain?

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© CIFOR
Die Blockchain birgt vor allem dort Potenzial, wo es um Dezentralisierung geht.

Kann die Blockchain in den Bereichen Klimawandel, Demokratie und Wassermanagement sinnvoll eingesetzt werden? Genau daran forscht das GIZ Blockchain Lab. Wir haben mit der GIZ-Expertin Salomé Eggler darüber gesprochen.

Autor Lydia Skrabania, 17.09.18

Übersetzung Lydia Skrabania:

Blockchain ist mehr als Bitcoin. Die Distributed Ledger Technology (DLT) könnte dazu beitragen, die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zu erreichen. Wo genau das Potenzial liegt und welche Hürden es bei der Umsetzung von Blockchain-Lösungen gibt, haben wir Salomé Eggler gefragt, die sich genau mit dieser Thematik beschäftigt: Sie ist Blockchain Governance Expert im Blockchain Lab der GIZ in Berlin. Ihr besonderes Interesse gilt Fragen technologischer Innovation für Social Impact und internationale Ordnungspolitik. Im Lab untersucht sie mögliche Anwendungen der  Blockchain für die Bereiche Klimawandel, Demokratie und Wassermanagement.

Salomé, was steckt hinter dem GIZ Blockchain Lab und was sind die Ziele des Labs?

Im Blockchain Lab der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH beschäftigen wir uns mit den vielversprechendsten Blockchain-Anwendungen, die für das Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) von Bedeutung sind. Wir arbeiten an der Schnittstelle von Startup-Ökosystem, Privatsektor, Forschungseinrichtungen und Regierungsinstitutionen mit dem Ziel, sogenannte Betriebsmodelle für diese Blockchain-Lösungen zu entwickeln. Wir analysieren die rechtlichen, ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen, welche notwendig sind, damit die technischen Lösungen ihr Potenzial entfalten können. In anderen Worten: Das Lab versucht durch Blockchain – oder um genauer zu sein, Distributed Ledger Technology – die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen.

Wie genau geht ihr denn vor, um das transformative Potenzial von Blockchain-Anwendungen bezüglich der SDGs zu untersuchen?

Eine Reihe von bestehenden DLT-Anwendungen, wir nennen sie Use Cases, haben direkte oder indirekte Auswirkungen auf das Erreichen der SDGs gezeigt. So ist beispielsweise der Geldtransfer von Migrant*innen zurück in ihre Heimat dank Blockchain-basierten Kryptowährungen billiger geworden denn je und der Verkauf von Blutdiamanten konnte durch die dezentrale Nachverfolgbarkeit von Lieferketten signifikant verringert werden. In der ersten Phase des Blockchain Labs haben wir mehr als 150 Blockchain-Anwendungen untersucht. Aktuell fokussieren wir uns auf die rund 15 vielversprechendsten dieser Anwendungen für die SDGs und analysieren sie hinsichtlich des Mehrwerts von Dezentralisierung, gesellschaftlichem Nutzen sowie technologischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Machbarkeit.

Und in welchen Bereichen befinden sich diese Anwendungen mit dem aus eurer Sicht größten Potenzial für nachhaltige Entwicklung?

Unsere Top 15 Blockchain Use Cases umfassen alle drei Ebenen, die für die Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung wichtig sind: die ökonomische, soziale und ökologische. Da muss ich also weit ausholen! Für die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung unseres Planeten weist DLT insbesondere in den Bereichen finanzielle Inklusion, nachhaltige Lieferketten und dezentrale Energiemärkte großes Potenzial auf. Beispielsweise kann durch die Blockchain-Technologie der Zugang zu Finanzdienstleistungen für rund zwei Milliarden Menschen ermöglicht werden, die aktuell aus verschiedensten Gründen keine Möglichkeit haben, am Finanzsystem zu partizipieren.

Für die soziale Dimension der SDGs verheißt Blockchain unter anderem Vorteile für den öffentlichen Dienstleistungssektor. Durch Dezentralisierung können nicht nur korrupte und ineffiziente Akteure umgangen, sondern auch eine höhere Transparenz und Rechenschaftspflicht erreicht werden – sei dies im öffentlichen Finanzwesen oder etwa bei der Grundbuchführung. Georgien hat zum Beispiel gemeinsam mit dem Startup Bitfury für die Verwaltung von Grundbucheinträgen eine Blockchain-Lösung eingeführt. Dadurch haben sie es geschafft, auch dank der Unterstützung durch die GIZ, eine komplett transparente und fälschungssichere Datengrundlage zu schaffen. Konkret bedeutet das für die Bevölkerung einen Zugewinn an Rechtssicherheit, denn für alle ist nun einsehbar, wem welches Stück Land gehört.

Und wie sieht es auf der ökologischen Ebene aus?

Im Umgang mit Natur und Umwelt können mit Hilfe von DLT beispielsweise neue dezentrale Lösungen entwickelt werden, um den CO2-Emissionshandel effizienter zu gestalten. Durch die Eigenschaften von Blockchains könnte insbesondere Zertifikatsbetrug oder -missbrauch reduziert werden. Perspektivisch ließe sich damit sogar ein globaler „Klimaemissionsmarktplatz“ herstellen sowie Projekte zur Vereinheitlichung von CO2-Handelssystemen und Verminderung von Abholzung miteinander verknüpfen. Außerdem kann ein blockchainbasierter CO2-Handel eine zusätzliche Einkommensquelle für Länder des Globalen Südens darstellen, die oft über natürliche Speicher von Kohlenstoff, wie etwa Regenwälder, verfügen.

Blockchain-Lösungen bieten immer dann großes Potenzial, wenn es um Dezentralisierung geht. Kannst Du das genauer erläutern? Welche Vorteile bieten dezentrale Governance-Modelle?

Dezentrale Governance-Modelle, wie sie DLT bieten, sind im Gegensatz zu herkömmlichen Datenbanken viel widerstandsfähiger. Während zentrale Modelle durch einen gezielten Angriff außer Kraft gesetzt werden können, funktionieren dezentralisierte Netzwerke einwandfrei weiter, auch wenn 99,9 Prozent des Systems ausfallen sollten. Da es keinen Single Point of Failure – einen zentral verwundbaren Punkt – gibt, ist das Netzwerk viel besser gegen Bedrohungen wie Stromausfälle, Naturkatastrophen oder Cyber-Angriffe gewappnet. Ein weiterer Punkt ist die Integrität der erfassten Daten. Sind Daten einmal auf die Blockchain geschrieben, können sie nachträglich nicht mehr verändert werden – oder alle Beteiligten wüssten zumindest sofort Bescheid.

Zudem funktionieren DLT über spezielle Konsensmechanismen, also bestimmte Regeln, welche die Daten im verteilten Netzwerk validieren sowie aktuell und synchron zueinander halten. Durch clevere kryptographische Verschlüsselungen und spieltheoretische Anreizstrukturen entsteht Vertrauen durch die Technologie, ohne dass man den Menschen dahinter vertrauen muss. Aus diesem Grund werden Blockchains auch als „Vertrauensmaschinen“ bezeichnet: Alle Beteiligten können darauf bauen, dass das System wie erwartet funktioniert. Ein Vorteil von dezentralen Modellen wie DLT ist schlussendlich auch ihre Inklusivität. In einem verteilten System, das nicht auf einem zentralen Administrator, einem Gatekeeper, beruht, kann jeder mitmachen. Hier muss jedoch angemerkt werden, dass nicht alle DLT immer komplett dezentral sind. Eine Differenzierung zwischen public und private Blockchains ist daher wichtig, da sich beide hinsichtlich Teilnahme oder Konsensmechanismus deutlich unterscheiden können. Blockchain ist also nicht gleich Blockchain.

Welche Hürden gibt es bei der (praktischen) Umsetzung von Blockchain-Lösungen?

Viele DLT-Initiativen stoßen bei der Implementierung auf Hindernisse. So kann zum Beispiel das rechtliche Umfeld mit der Blockchain-Lösung in Konflikt stehen. Diese Problematik ist aber an sich nichts Neues: Meisten hinkt der Rechtsrahmen dem technischen Fortschritt hinterher. Entweder man arrangiert sich also mit den aktuellen Regelungen oder man versucht sie anzupassen. So beriet die GIZ beispielsweise die georgische Regierung im Rahmen ihres auf Blockchain verwalteten Grundbuchregisters. Die GIZ erstellte eine Legal Roadmap, in der die rechtlichen Anforderungen beschrieben werden, um Grundstückstransaktionen in Form von intelligenten Verträgen, den sogenannten Smart Contracts, über eine Blockchain abzuwickeln.

Blockchain-Lösungen werfen auch immer wieder Fragen zu Datensicherheit und -schutz auf. Während Kryptowährungen wie Bitcoin Pseudonymität bieten, erfordern viele potenzielle DLT-Anwendungen klar bestimmbare Identitäten. Technische Lösungen wie Zero-Knowledge-Proofs versuchen zwar Datenschutz auf der Blockchain durch Anonymisierung zu gewährleisten, deren technologischer Reifegrad konnte jedoch bislang nicht in konkreten Anwendungsbeispielen abschließend überprüft werden.

Eine dritte Hürde ist die kulturelle Integration der Technologie. Die Umsetzung von Blockchain-Lösungen setzt Vertrauen in ein dezentrales Netzwerk voraus. Man verlässt sich nicht mehr auf eine klar bestimmbare zentrale Institution. Für Privatnutzer kann dieser Verlust an Kontrolle beunruhigend sein, für staatliche Institutionen würde das in der Konsequenz eine Abgabe von Steuerungsmöglichkeiten bedeuten. Hinzu kommt ein Imageproblem, das Blockchains anhaftet: Derzeit wird die Technologie im gleichen Atemzug mit Bitcoin genannt und dadurch werden Assoziationen mit schattenhaften Geschäften und Geldwäsche geweckt.

Alles in allem – für wie gerechtfertigt hältst Du den Hype um die Blockchain?

Generell muss gesagt werden, dass die Technologie aktuell noch in den Kinderschuhen steckt. Die meisten Use Cases auf Blockchain-Basis laufen gerade an, ihren tatsächlichen Mehrwert kann man wohl erst in naher Zukunft wirklich bestimmen.

Während einige behaupten, dass die Blockchain-Technologie alles revolutionieren wird, von der Funktionsweise der Weltwirtschaft bis dahin, wie wir Entwicklungszusammenarbeit denken, lehnen andere die Technologie als übertriebenen Hype ab, indem sie die Vorteile etablierter Ansätze unterstreichen oder technische Unzulänglichkeiten aufzählen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Nicht alles, was mit einer Blockchain möglich ist, liefert auch wirkliche Mehrwerte und es gibt noch viel zu viele Projekte, die das Label „Blockchain“ aus reinen Marketinggründen verwenden. Aus diesem Grund sehen wir uns im Blockchain Lab auch als „Honest Broker“. Wir verfolgen nicht das Ziel, DLT-Lösungen zu verkaufen und damit Geld zu verdienen, sondern wollen die Fakten im ganzen Blockchain-Hype finden und den wahren Mehrwert von Dezentralisierung für ein besseres globales Miteinander herausarbeiten.

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