Ghana setzt auf Citizen Science gegen Plastikmüll

Eine ghanaische Initiative setzt auf von der Öffentlichkeit gewonnene Daten, um die Plastikverschmutzung der Meere zu monitoren und das Problem anzugehen.

Autor Christian Nathler:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 25.09.23

Ghana erzeugt jährlich 1,1 Millionen Tonnen Plastikmüll, gesammelt und recycelt werden davon gerade mal 5 Prozent. Und der Rest? Ein beträchtlicher Teil landet in Gewässern mit empfindlichen Ökosystemen. Auch andernorts ist es kaum besser – die Verschmutzung der Meere durch Plastik ist eine globale Krise und betrifft alle Länder.

Um das Problem anzugehen, arbeitet Ghana mit Forschenden des International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) zusammen. Dabei soll Citizen Science helfen, bessere Abfallbewirtschaftungspraktiken zu entwickeln.

Plastikverschmutzung ist ein komplexes Problem

Plastikmüll bedroht nicht nur Meeresökosysteme, die Tierwelt und die menschliche Gesundheit, sondern auch Wirtschaftsbereiche, die vom Tourismus und der Fischerei leben.

Im Jahr 2022 verabschiedete die Umweltversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung und nahm das Problem in ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) auf.

Doch auch wenn es Willenserklärungen gibt, die Plastikverschmutzung in den Griff bekommen zu wollen: Die Ozeane unseres Planeten sind zu groß und die Bewegung von Plastik zu komplex, als dass herkömmliche Überwachungsstrategien mit dem Problem Schritt halten könnten. Instrumente wie die interaktive WWF-Karte zur Plastikverschmutzung der Meere sind hilfreich, aber es gibt immer noch große Datenlücken.

Mithilfe von Bürgerwissenschaftler*innen zu einem vollständigen Datenbild

Eine Möglichkeit, umfassendere Datensätze zu erhalten und die Datenerfassung zu beschleunigen, sind kollaborative Ansätze, in die viele Menschen eingebunden werden. Citizen Science – auch Bürgerwissenschaft genannt – ist ein solcher Ansatz, bei dem die Öffentlichkeit in die wissenschaftliche Forschung einbezogen wird und bei der Datensammlung unterstützt.

Das Ergebnis ist nicht nur, dass größere Datenmengen in kürzerer Zeit erfasst werden können, sondern die stärkere Einbindung der Gemeinschaft kann auch zu einem Bewusstsein für wichtige Themen führen. Bürgerwissenschaftliche Initiativen nutzen häufig Technologien wie Apps, Sensoren und Online-Plattformen und schließen damit Datenlücken in den verschiedensten Bereichen, von der Volkszählung bei Insekten bis hin zur Sichtbarmachung von Menschenrechtsverletzungen.

„Bürgerwissenschaft ist mehr als nur das Schließen von Datenlücken; sie ist eine mächtige Brücke zwischen der Öffentlichkeit, der Welt der Wissenschaft und der Politik“, betont Dilek Fraisl, Forscherin am IIASA.

ocean plastic on a beach in ghana Nur fünf Prozent der 1,1 Millionen Tonnen Plastikmüll, die in Ghana jedes Jahr anfallen, werden recycelt.

Wie Ghana den Weg vorgibt

Wie Citizen Science zur Brücke zwischen Bürger*innen und Politik werden kann, um gemeinsam das Problem Plastikmüll anzugehen, macht Ghana vor. In dem afrikanischen Land werden bestehende Citizen-Science-Daten und -Netzwerke genutzt, um Datenlücken auf nationaler Ebene zu schließen und so zur globalen SDG-Überwachung und -Berichterstattung beizutragen. Die Wirkungen sind tiefgreifend und gehen über die reine Datenerhebung hinaus: Ghanas Engagement für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Plastikmüll in Verbindung mit einer wachsenden Gemeinschaft von Bürgerwissenschaftlerinnen ebnete den Weg dafür, dass sich das Bürgerengagement zu einer Kraft für positive Umweltveränderungen entwickeln konnte.

Im Rahmen von Initiativen wie dem International Coastal Cleanup wurden standardisierte Methoden zur Datenerfassung von verschiedenen Organisationen übernommen. So konnten beispielsweise bei Strandsäuberungen Problembereiche genauer erfasst werden. Darüber hinaus flossen die Informationen in die Datenbank Trash Information Data for Education and Solutions (TIDES) der Ocean Conservancy ein. Das ist die weltweit größte Sammlung von Daten über Meeresmüll, mit der globale Überwachungsbemühungen unterstützt werden sollen.

Die Kooperation hatte auch Auswirkungen auf die Entwicklung von Ghanas integrierter Küsten- und Meeresmanagementpolitik. Die Partner*innen in der Regierung erhielten wertvolle Einblicke in die Methoden und Daten der Bürgerwissenschaft, was schließlich dazu führte, dass Ghana als erstes Land die Ergebnisse der Bürgerinnen nutzte, um im Rahmen des SDG 14.1.1b über die Plastikmülldichte zu berichten.

Ein replizierbares, anpassungsfähiges Modell

Ghana hat gezeigt, wie von Bürger*innen generierte Daten die Politik informieren und zu Fortschritten bei der globalen SDG-Überwachung beitragen können. Mit dem Näherrücken der Frist für die Erreichung der SDGs der Vereinten Nationen bis 2030 wird die Rolle von Citizen-Science-Initiativen immer wichtiger, darin ist sich Fraisl sicher. „Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Behebung von Datenmängeln und tragen dazu bei, integrative Datenökosysteme, fundierte Entscheidungen und konzertierte Maßnahmen zu fördern.“

Ob es nun um Themen wie Plastikmüll im Meer oder andere Indikatoren wie Luftverschmutzung geht, die Erfahrungen Ghanas bieten wertvolle Lektionen und Anregungen für Länder, die sich die Macht der Bürgerwissenschaft zunutze machen wollen.

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