„Geiz ist geil“ gegen gutes Gewissen – Ethik im Konsumalltag

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Jeden Tag treffen wir tausende Entscheidungen. Damit wir regelmäßig wiederkehrende Fragen nicht täglich neu beantworten müssen, haben wir in vielen Bereichen Gewohnheiten entwickelt.

Autor*in Frank Wichert, 18.02.11

Jeden Tag treffen wir tausende Entscheidungen. Damit wir regelmäßig wiederkehrende Fragen nicht täglich neu beantworten müssen, haben wir in vielen Bereichen Gewohnheiten entwickelt.

Wir nehmen zum Beispiel immer den gleichen Weg zur Arbeit und machen zur gleichen Zeit Mittagspause. Und auf dem Heimweg biegt manch einer routinemäßig zum Discounter ab, wo sich bequem alles auf einmal erledigen lässt. Auch so bleiben noch genug Entscheidungen übrig: Was soll gekocht werden? Welche Zutaten benötigen wir? Ist eine Packung genug? Alles notwendige, harmlose Entscheidungen. Was aber ist mit den wichtigeren Entscheidungen, die bei so einem Einkauf parallel ablaufen? Den konkludenten Entscheidungen für bestimmte Händler und ihre Produkte, für bestimmte Produktionsbedingungen? Der Philosophie eines Herstellers hinsichtlich des Umgangs mit Tieren, Angestellten und der Umwelt? Diese Entscheidungen werden gerne verdrängt.

Wenn wir nur einmal darüber nachdenken, ist uns bewusst, dass es nicht nur für unsere Gesundheit einen Unterschied bedeutet, ob wir im Reformhaus zu Biofleisch greifen oder der Maxime „Geiz ist geil“ folgen. Nur denken wir eben ungern darüber nach. Wir vermeiden den Gedanken, dass unser Steak bis vor kurzem noch ein Schwein war und wir seinem unwürdigen Leben und qualvollen Tod unseren kurzen Genuss verdanken. Einige werden das bestreiten. Sie werden argumentieren, man könne sehr wohl die Zustände in der Massentierhaltung kennen und trotzdem ruhigen Gewissens seinen Hackbraten genießen. Auch wenn das bei näherer Betrachtung zweifelhaft erscheint, ist die Frage, welche Konsequenzen man zieht, nicht das Wesentliche. Wesentlich ist, dass wir überhaupt eine Entscheidung treffen.

Erst Wissen schaffen, dann Essen fassen

Wir müssen uns informieren, statt die Augen zu verschließen und uns von Bequemlichkeit und Routine leiten zu lassen. Einmal „aufgewacht“, kommt man nicht umhin, sich bewusst auf die eine oder die andere Seite zu schlagen: Konventionell produzierte Lebensmittel oder Bio? Regionales Gemüse oder Tomaten aus Spanien? Kaffee und Schokolade aus fairem Handel oder Massenware? Giftige Billiglohn-Kleidung oder in Deutschland produzierte? Unterstützt man Tierversuche? Und wofür arbeitet eigentlich unser bei der Bank angelegtes Geld? Nicht unwahrscheinlich, dass es hilft, Waffen für eine Diktatur dieser Welt zu produzieren. Hat man erst einmal erkannt, dass wir mit jedem Einkauf gleichzeitig ein Statement abgeben – für oder gegen die Massentierhaltung, für oder gegen Kinderarbeit, Menschenwürde, Gentechnik – fragt man sich, warum dieser Gedanke keine Konjunktur hat.

Durch unser Alltagsverhalten treffen wir Entscheidungen darüber, wie unsere Gesellschaft und die Zukunft der von Klimaerwärmung, Hunger und anderen Übeln bedrohten Welt aussehen soll. Wir stimmen ab mit unserem Magen und unserem Geldbeutel, jeden Tag. Unser Konsumverhalten gibt uns eine Macht wie das Wahlrecht dem Bürger in einer Demokratie. Und die Fragen, über die wir abstimmen, sind mindestens genauso wichtig wie politische. Genauer gesagt: Indem wir Konsumentscheidungen treffen, machen wir Politik.

Kompromisse

Es ist nicht einfach, sich ethisch korrekt zu verhalten. Zu viel liegt im Argen – viele Missstände sind bekannt, aber es gibt wahrscheinlich ebenso viele, von denen wir nichts wissen. Für manche Produkte gibt es keine Alternativen, und es bleiben Fragen offen: Wie verhält man sich im Restaurant? In der Kantine oder Mensa? Als Gast?

Kompromisse sind notwendig; welche, muss jeder für sich selbst entscheiden. Verzichtet man auf Flugreisen? Ernährt man sich vegetarisch, oder sucht man sich ein Hintertürchen für seine Gelüste (Bio-Fleisch)? Wie auch immer man sich entscheidet: Man hat sich aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit, nämlich Uninformiertheit, befreit und handelt entsprechend seinen persönlichen Werten. Denn das unterscheidet den Menschen von dem Tier, das er so gerne isst: die Fähigkeit zu moralischem Handeln. Er kann als intelligentes Wesen Phänomene in einen komplexen Zusammenhang einordnen, bewerten und das Verhalten seiner „Herde“ kritisch hinterfragen.

Nutzen wir unsere Intelligenz, um im Alltag die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und tauschen wir uns darüber aus. Denn obwohl wir nur uns selbst gegenüber verantwortlich sind – etwas verändern können wir nur als Herde.

(gekürzte Fassung des gleichnamigen Artikels von Maren Schöne in MinD-Magazin 80, Februar 2011, mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

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