Eine Gruppe polnischer Bürger:innen begann im Jahr 2015 damit, öffentlich zugängliche Daten zur Luftqualität zu sammeln. Diese nutzten sie dann, um die Behörden auf die schlechte Luftqualität aufmerksam zu machen. Dabei lösten sie eine Bewegung aus, die letztendlich 90 Prozent Polens mit neuen Anti-Smog-Vorschriften sauberer machte. Polish Smog Alert stellte alle Daten unter Open-Source-Standards zur Verfügung, um auf die hohen Schadstoffwerte in ihren Gemeinden aufmerksam zu machen. Der Fall zeigt: Im Kampf gegen Umweltgefahren sind Informationen nicht nur mächtig. Sie sind ein wichtiger Beschleuniger für Veränderungen.
Inzwischen folgen Journalist:innen und Datenexpert:innen in ganz Europa diesem Vorbild. Dabei ist es auch dringend nötig, komplexe Umweltdaten in zugängliche Informationen umzuwandeln. Denn nur so sind Bürger:innen in der Lage, selbstständig saubere Luft zu fordern. Obwohl Studien schon lange den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und einer höheren Sterblichkeit belegen, hat Europa nach wie vor mit einer Luftverschmutzungskrise zu kämpfen. Von dieser sind fast alle Einwohner:innen des Kontinents betroffen.
Das Ausmaß der Luftverschmutzung in Europa
Das Ausmaß dieser unsichtbaren Bedrohung ist erschreckend. Eine Untersuchung des Guardian aus dem Jahr 2023 ergab etwa, dass 98 Prozent der Europäer:innen „hochgradig schädliche“, verschmutzte Luft einatmen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diese Belastung allein im Jahr 2022 schätzungsweise 239.000 vorzeitige Todesfälle verursacht. Luftverschmutzung ist damit das größte Umweltgesundheitsrisiko des gesamten Kontinents.
Sozioökonomisch schwächere Bevölkerungsgruppen sind stärker von Luftverschmutzung betroffen
Luftverschmutzung schadet nicht allen Menschen gleichermaßen: Sozioökonomisch schwächere Bevölkerungsgruppen sind tendenziell einer höheren Luftverschmutzung ausgesetzt.
In Paris sind die am stärksten benachteiligten Stadtteile überproportional von Luftverschmutzung betroffen, was in direktem Zusammenhang mit einer höheren Zahl vorzeitiger Todesfälle in diesen Gebieten steht.
In Tschechien wurde festgestellt, dass Gruppen mit geringerem Bildungsniveau und höherer Arbeitslosigkeit häufig in Städten mit einer höheren Konzentration von Luftschadstoffen aus Verbrennungsprozessen leben.
Das am stärksten von Luftverschmutzung betroffene Land in Europa ist Nordmazedonien. Hier leben fast zwei Drittel der Bevölkerung in Gebieten, in denen die WHO-Richtwerte für PM2,5 um mehr als das Vierfache überschritten werden. In vier Gebieten, darunter die Hauptstadt Skopje, wurde eine Luftverschmutzung festgestellt, die fast das Sechsfache des derzeit empfohlenen Wertes von 5 µg/m³ beträgt.
Trotz eines Rückgangs der gesamten Luftschadstoffemissionen in den letzten zwei Jahrzehnten sind die Auswirkungen laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) noch immer gravierend. Immer mehr Belege deuten darauf hin, dass Luftverschmutzung – insbesondere durch die aufgrund ihrer geringen Größe gefährlichen PM2,5-Partikel – fast jedes Organ im Körper beeinträchtigt. So hat eine Studie gezeigt, dass junge Menschen, die in Städten leben, bereits Milliarden giftiger Luftverschmutzungspartikel in ihren Herzen haben.
Die Kleinstpartikel stehen dabei in Zusammenhang mit einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen. Von Herz- und Lungenerkrankungen bis hin zu Krebs und Diabetes sowie Depressionen, psychischen Erkrankungen, kognitiven Beeinträchtigungen und einem niedrigen Geburtsgewicht.
Das Unsichtbare sichtbar machen
Einen Fortschritt stellt eine neue Richtlinie zur Luftqualität aus dem Dezember 2024 dar. Das Europäische Parlament glich die EU-Luftqualitätsstandards für 2030 dabei stärker an die Empfehlungen der WHO an. Allerdings könnte allein das Warten auf 2030 bis zu eine Million Todesfälle bedeuten, wenn die derzeitigen Verschmutzungswerte unverändert bleiben. Expert:innen fordern daher, dass dringend gehandelt werden muss.
Die Daten zur Luftverschmutzung sind öffentlich zugänglich, müssen aber der Öffentlichkeit auf leicht zugängliche Weise vermittelt werden. Hier kommt der datengestützte Journalismus ins Spiel. Wenn Bürger:innen die Daten zur Luftverschmutzung verstehen, können sie einerseits Maßnahmen ergreifen, um ihren Beitrag zur Verschmutzung zu verringern, indem sie beispielsweise weniger Fahrzeuge nutzen. Vor allem aber können sie so fundierte Entscheidungen darüber treffen, welche Vorsichtsmaßnahmen sie kurzfristig ergreifen können. Auch wenn es nicht immer möglich ist, den Wohnort frei zu wählen, kann die Überprüfung der Luftprognosen beim Verlassen des Hauses oder der besten Zeiten für Sport im Freien einen großen Unterschied hinsichtlich der Schadstoffbelastung ausmachen.
Langfristig gesehen ist es jedoch vielleicht noch wirkungsvoller, dass das Verständnis der Luftverschmutzungsdaten Bürger:innen dazu befähigt, ihre Stimme zu erheben und sich für systemische Veränderungen einzusetzen.
Journalist:innen befähigen, Verschmutzungsquellen aufzudecken
Olaya Argüeso Pérez, ehemalige Chefredakteurin des Recherchenetzwerks Correctiv, hat einen klaren Fahrplan für Journalist:innen erstellt, um die Verschmutzungsquellen zu untersuchen, die ihre Gemeinden beeinträchtigen. Ihr Ansatz konzentriert sich auf das Europäische Schadstofffreisetzungs- und -transferregister (E-PRTR), eine öffentlich zugängliche Datenbank mit Umweltdaten zu Industrieanlagen in ganz Europa.
Unternehmen müssen Emissionen von 91 verschiedenen Schadstoffen in Luft, Wasser und Boden offenlegen, wenn diese bestimmte Schwellenwerte überschreiten. Diese Schadstoffe lassen sich in sieben Kategorien einteilen: Treibhausgase, sonstige Gase, Schwermetalle, Pestizide, chlorierte organische Substanzen, sonstige organische Substanzen und anorganische Substanzen.
Daten aus dem E-PRTR und anderen öffentlichen Registern haben in Kombination mit den Analysen von Expert:innen bereits zu wirkungsvollem Journalismus geführt. Im Jahr 2019 verwendeten Forscher:innen der Universität Utrecht in den Niederlanden und des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts eine Kombination aus hochauflösenden Satellitendaten, Messstationen zur Überwachung der Luftverschmutzung und Informationen zur Landnutzung, um die jährlichen Durchschnittswerte für PM2,5 in ganz Europa zu modellieren. Die Forschung erfolgte im Rahmen eines von der EU finanzierten Expanse-Projekt. Der Guardian nutzte diese Daten wiederum im Jahr 2023, um eine interaktive Karte zu erstellen, welche die am stärksten betroffenen Gebiete Europas zeigt.
Neben der Arbeit von Argüeso Pérez zur Stärkung von Investigativjournalist:innen wurden die Daten aus dem E-PRTR anschließend vom Correctiv-Team genutzt, um die Öffentlichkeit zu informieren. Schau dir die Artikel an:
„Industrial air pollution costs Europe 265 billion euros in one year“
„Hard To Breathe: Livestock Emissions And The Long Road Towards Sustainability“
In Polen zeigten die Reformen und Programme, die wir eingangs erwähnt haben, deutliche Wirkung. Die Zahl der Regionen mit überhöhter Feinstaubkonzentration sank von 38 auf 46 im Jahr 2021 auf nur noch 14 von 46 im Jahr 2022. Das hat Leben gerettet. Die Zahl der vorzeitigen Todesfälle aufgrund von Luftverschmutzung im Jahr ist im selben Zeitraum um geschätzte 20 Prozent zurückgegangen. Das entspricht 10.000 weniger Todesfällen pro Jahr. Ihr Erfolg brachte ihnen im Jahr 2023 eine Nominierung für den Earthshot-Preis von Prinz William ein.
Freie Informationen führen zu Reformen
Die Lehre aus diesen Erfolgen ist klar: Während wegweisende Rechtsvorschriften wie die überarbeitete Richtlinie über die Luftqualität wichtige Rahmenbedingungen schaffen, sind informierte Bürger:innen der eigentliche Motor für Veränderungen.
Offene Daten und datengestützter Journalismus sind wichtige Instrumente, um komplexe Umweltinformationen in ein mündiges Bürgerbewusstsein umzuwandeln, das in der Lage ist, saubere Luft für alle einzufordern. Wie Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, feststellt: „Auch wenn sich die neuen [europäischen Luftverschmutzungs-]Grenzwerte nur schrittweise den deutlich niedrigeren Empfehlungen der WHO annähern, wird jede Verbesserung der Luftqualität zu einer Verringerung des Gesundheitsrisikos für die gesamte Bevölkerung führen.“
Im Kampf gegen die Luftverschmutzungskrise in Europa sind Informationen nicht nur Macht – sie sind die Grundlage für Bürgerinitiativen, die das Leben unserer Familien und Nachbarn retten können.

