Eigentlich wissen wir es alle: Unsere Vorliebe für Meeresfrüchte bringt eine ganze Reihe von Umweltproblemen mit sich. Überfischung beeinträchtigt marine Ökosysteme, während verlorene Fischereiausrüstung zu rund zehn Prozent des Plastiks im Ozean beiträgt. Ganz zu schweigen davon, dass Verschmutzungen aus Fischzuchtanlagen ins Meer gelangen und zu zerstörerischen Algenblüten führen.
Die landbasierte Fischzucht könnte daher eine Alternative zur Fischerei im offenen Wasser sein. Da die Fische in geschlossenen Becken wachsen, gibt es keine Ausrüstung, die verloren gehen könnte, und Abfälle gelangen nicht in das Ökosystem unserer Ozeane. Aber ob damit alle Probleme gelöst sind, hängt stark von der konkreten Umsetzung ab.
In Umeå, im Norden Schwedens, entwickeln Forschende eine zirkuläre Fischzuchtanlage an Land. Das Besondere daran ist, dass in der Anlage verschiedene Arten zusammenleben. Dadurch kann eine Fischart die Ausscheidungen einer anderen Art verwerten. Zudem wird die Anlage mit der Abwärme des Kraftwerks von Umeå beheizt, wodurch die Heizemissionen reduziert werden.
Im Rahmen des EU finanzierten Projekts soll im Frühjahr 2026 eine erste Pilotanlage entstehen, die innerhalb eines Jahres auf eine größere Anlage ausgeweitet werden kann. Dabei arbeitet die Stadtverwaltung von Umeå mit Umeå Energi, RISE und dem Umeå Plant Science Centre an der Universität Umeå zusammen.
Fischzucht an Land ahmt unser natürliches Ökosystem nach
In der Fischzuchtanlage werden Garnelen und tropische Fische wie Tilapia gezüchtet und nach den Prinzipien der IMTA (Integrated Multi-Trophic Aquaculture) gemeinsam aufgezogen. Die zirkuläre Fischzucht ahmt dabei unser natürliches Ökosystem nach und sorgt so dafür, dass jeder Nährstoff verwertet wird. Abfall kommt in diesem System nicht vor. Gleichzeitig wird die Wärme aus dem Kraftwerk von Umeå sowohl als Luft als auch als Flüssigkeit aufgefangen und dann über Fernwärmesysteme zur Beheizung der Fischzuchtanlage weitergeleitet.
Server heizen Fische: Abwärmenutzung von Rechenzentren
Nicht nur Kraftwerke können zur Beheizung von Fischzuchtanlagen genutzt werden. Auch Server in Rechenzentren geben viel Wärme ab, die aufgefangen und in Fischzuchtanlagen, Schwimmbädern oder zur Beheizung von Wohngebäuden wiederverwendet werden kann.
Ein weiteres zentrales Prinzip des Projekts ist es, „importierte Lebensmittel durch lokale Produktion zu ersetzen“, so Hans Lindberg, Vorsitzender des städtischen Exekutivausschusses. „[Das] stärkt unsere Selbstversorgung, erhöht die Widerstandsfähigkeit und reduziert die Klimagasemissionen.“
Olivier Keech, außerordentlicher Professor am Institut für Pflanzenphysiologie der Universität Umeå, erklärt gegenüber RESET, dass das Projekt darauf abzielt, ein selbsttragendes System zu schaffen. „Schweden importiert 70 Prozent der im Land konsumierten Frischwaren“, so Keech. „Im Krisenfall ist Schweden in Bezug auf die Lebensmittelversorgung sehr anfällig, insbesondere angesichts der schwierigen klimatischen Bedingungen wie lange Winter und kurze Vegetationsperioden.“
Außerdem könnte das Projekt auch Schwedens CO2-Bilanz verbessern. Also, wenn das Land durch die lokale Produktion von Fisch tatsächlich weniger Meerestiere aus weit entfernten Ländern importiert. Da die EU laut Seas At Risk nur 37,5 Prozent des verzehrten Fischs selbst produziert, könnte das Pilotprojekt in Umeå zudem wertvolle Erkenntnisse für andere EU-Länder liefern.
Das Potenzial für nachhaltige Fischzucht in großem Maßstab
Derzeit optimiert das Projekt in Umeå seine Techniken. „Wir erstellen mathematische Modelle, die verschiedene Strategien für Verbesserungen liefern, sowohl hinsichtlich der Nachhaltigkeit als auch der Wirtschaftlichkeit des Projekts“, so Keech. Die nächsten Schritte seien dann, weitere Tests und Modellierungen über verschiedene Pilotprojekte durchzuführen und die Fütterungsstrategie sowie die Systemgestaltung zu optimieren.
Zwar ist das Ziel letztendlich eine Skalierung. Doch laut Keech sei diese nicht linear. „Was im kleinen Maßstab funktioniert, lässt sich nicht direkt auf einen großen Maßstab übertragen.“
Umeå hat jedoch eine solide Grundlage für eine neue Art von zirkulärem Aquakultursystem geschaffen. Wie Keech es ausdrückt: „Wir verfügen über die überschüssige Wärme, das Forschungsumfeld und die Partnerschaften, die erforderlich sind, um die Fischzucht auf echte, nachhaltige Weise zu skalieren.“
Doch selbst wenn wir in den nächsten Jahren vermehrt an Land gezüchtete Meerestiere in den Auslagen finden, wird diese mit Sicherheit nie den aktuell hohen Bedarf decken können. Ein maßvoller Fischgenuss bleibt mit Sicherheit entscheidend, um unsere marinen Ökosysteme zu erhalten.

