Es kann so einfach sein: Bose öffnet API und rettet tausende Lautsprecher vor dem Elektroschrott

Nach negativem Feedback ging der Hersteller Bose Anfang des Jahres einen überraschenden Schritt: Lautsprecher der SoundTouch-Serie bekommen dank Open-Source ein zweites Leben. Die Entscheidung zeigt, wie viel Nachhaltigkeitspotenziale in quelloffenem Code steckt.

Autor*in Benjamin Lucks, 21.01.26

Übersetzung Kezia Rice:

Dass immer mehr Geräte mit dem Internet verbunden sind, hat einen entscheidenden Nachteil: Sie kommen mit eingeschränktem Herstellersupport und sind nach Ende dieser Gewährleistung nicht mehr oder nur stark eingeschränkt nutzbar. Unter anderem liegt das an geschlossenen Ökosystemen, die Entwickler:innen und Bastler:innen keine Möglichkeiten einer eigenen Instandhaltung geben.

Dementsprechend interessant ist eine Entscheidung des Audio-Herstellers Bose Anfang des Jahres. Nachdem Bose den Support seiner WLAN-fähigen Lautsprecherserie „SoundTouch“ eingestellt hatte, versuchten Nutzer:innen die Geräte über selbst geschriebene Programme am Leben zu behalten.

Daraufhin stellte Bose selbst die benötigten Systemschnittstellen – kurz APIs – via Open-Source zur Verfügung. Und zeigt dabei: Quelloffener Code verlängert die Lebensdauer von unserer Technik.

Warum endet der Support der Lautsprecher überhaupt?

Bose führte seine SoundTouch-Serie im Jahr 2013 erstmalig ein. In den nächsten zwei Folgejahren erschienen mehrere Lautsprecher, Soundbars und Kompaktlautsprecher. Mit allen war es möglich, Musik über eine Hersteller-App mit dem Handy über das Internet zu streamen. Anders als etwa bei Bluetooth-Lautsprechern nahmen die Daten dabei aber nicht den Umweg über das Handy. Die SoundTouch-Lautsprecher konnten selbst über ein WLAN-Netzwerk Inhalte von Anbietern wie Spotify, Pandora oder Apple Music streamen.

Umweltproblem: Elektroschrott

Smartphones, Lautsprecher und veraltete Rechenzentren: Auch wenn wir ständig von „nachhaltiger “ Elektronik hören, wächst die Menge an Elektroschrott, die wir jährlich produzieren, an.

Zwar wird ein großer Teil dieses besonders rohstoffreichen Abfalles recycelt, dahinter steckt allerdings eine umweltschädliche und ausbeuterische Industrie.

Mehr dazu gibt’s in unserem Sonderartikel zu Elektroschrott sowie in unserem Special zu E-Schrott und KI-Modellen.

Was für Nutzer:innen komfortabel ist und den Akku des Handy schont, bedeutet für Hersteller wie Bose allerdings mehr Arbeit. WLAN-fähige Produkte müssen nach dem Verkauf mit Sicherheits-Updates versorgt sowie auf Änderungen bei Streaming-Anbietern und neue Betriebssysteme von Smartphones angepasst werden. Dementsprechend endet die herstellerseitige Unterstützung für internetfähige Geräte irgendwann. Oder wie Bose es gegenüber Golem formuliert: Man könne „die Entwicklung und den Support der veralteten Cloudinfrastruktur nicht mehr anbieten“.

Ähnlich war es auch beim Support-Ende von Windows 10 im vergangenen Jahr. Zwar ist Windows 10 ein Betriebssystem, es wurde aber seitens des Herstellers aus ähnlichen Gründen eingestellt. Und wie bei Bose sorgte das Support-Ende von Windows für viel Kritik von Kund:innen und Initiativen, die ein Weiterleben des Produkts bewirken sollten.

Initiative aus der Community bringt Bose zum Umdenken

Wie die Seite Golem berichtet, verschob Bose zunächst das Support-Ende um einige Monate auf den 6. Mai 2026. Ab diesem Zeitpunkt liefert der Hersteller keine Sicherheits-Updates mehr, die Anbindung zu den meisten Streamingdiensten entfällt dann ebenfalls.

Darüber hinaus veröffentlichte Bose die Dokumentation der Systemschnittstelle, über die andere Dienste mit den Lautsprechern kommunizieren können. Das hilft Entwickler:innen, die schon seit einigen Monaten über die Plattform GitHub an Eigenlösungen arbeiten, bis zum Mai erfolgreiche Alternativen zur SoundTouch-App zu entwickeln.

Die Kompatibilität zum beliebten Streamingdienst Spotify und zu Apples AirPlay-Dienst bleibt ebenfalls erhalten.

Beispiel zeigt: Open-Source verlängert die Lebensdauer von Technik

Für Bose ist die Öffnung der SoundTouch-API womöglich ein Schritt, um aufgebrachte Kund:innen zu beruhigen – oder mediale Reaktionen. Aus ökologischer Perspektive beweist der Hersteller dabei aber, wie wichtig quelloffene Programmiereungen für einen nachhaltigen Umgang mit Technologie sind.

nachhaltige Digitalisierung

Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?

Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint  die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:

Geschlossene Ökosysteme bedeuten immer, dass es Nutzer:innen und unabhängigen Entwickler:innen erschwert wird, gekaufte Technik bei einem Defekt oder nach dem Support-Ende weiterzunutzen. Sie sind somit maßgeblich daran beteiligt, dass Elektroschrott der weltweit am schnellsten wachsende Müllberg ist.

Im Gespräch mit Philippe Arradon haben wir darüber gesprochen, warum sich immer mehr Geräte nicht mehr ohne Hersteller-Support reparieren lassen. Gleichzeitig erklärt Lucie Hartmann im Gespräch, warum Open-Hardware das Machtgefälle zwischen Unternehmen und Kund:innen verringert.

Für uns zeigt das Beispiel der SoundTouch-Lautsprecher aber vor allem, wie einfach es für Hersteller ist, tatsächlich nachhaltiger zu agieren.

Die Veröffentlichung eines nur knapp 30 Seiten langen Dokuments zu einer App, die in den nächsten Monaten ohnehin eingestellt wird, hat das Potenzial, dass Tausende Kund:innen keine neuen Lautsprecher kaufen müssen. Das verringert die Notwendigkeit neuer Ressourcen, reduziert Emissionen in der Lieferkette und spart womöglich mehr Treibhausgase ein, als Aufforstungsprojekte oder die Verwendung von Recycling-Materialien.

Also, liebe Hardware-Hersteller: Lieber „Bose“ statt böse sein und wichtigen Programmcode nicht geheim halten!

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Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!

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