Elektroschrott – „e-waste“

Der Durchschnittscomputer eines westlichen Nutzers hat eine Halbwertszeit von wenigen Monaten. Dann muss ein Neuer her: mehr Arbeitsspeicher, neue Grafik- und Soundkarten oder ein "cooleres" Design werden benötigt. Der alte Rechner wird ausgemustert. Das gleiche Schicksal ereilt Handys, DVD-Player, Drucker, Scanner. Doch was passiert mit dem Elektronikschrott?

Autor Jenny Louise Becker, 11.04.13

Der Durchschnittscomputer eines westlichen Nutzers hat eine Halbwertszeit von wenigen Monaten. Dann muss ein Neuer her: mehr Arbeitsspeicher, neue Grafik- und Soundkarten oder ein „cooleres“ Design werden benötigt. Der alte Rechner wird ausgemustert. Das gleiche Schicksal ereilt Handys, DVD-Player, Drucker, Scanner. Doch was passiert mit dem Elektronikschrott?

Für einen großen Teil der weltweiten Müllberge ist mittlerweile Elektroschrott verantwortlich. Warum gerade hier so viel weggeworfen wird? Die Gründe sind vielfältig: Einerseits hat das damit zu tun, dass viele von uns mit ihren Smartphones, Tablets und Notebooks immer auf dem aktuellen Stand sein wollen. Da wie bei der Mode mindestens einmal jährlich neue Produktserien auf den Markt kommen, ist das aktuelle Gerät schnell veraltet.

Gleichzeitig ist bei vielen elektronischen Geräten kein Unfall Ursache für ein frühes Ende, sondern eine schlechte Verarbeitung. In diesem Zusammenhang wird auch von der serienmäßig mitgelieferten „geplanten Obsoleszenz“ gesprochen. Ein anderer Begriff dafür ist auch die „Soll-Bruchstelle“. Gemeint ist damit eine seitens der Hersteller eingebaute Schwachstelle, die meist früher als später dafür sorgt, dass dein Gerät nicht mehr funktioniert. Den Rest der Geschichte kennt jeder: Man bringt das kaputte Gerät zum nächsten Shop und bekommt hier die Auskunft, dass eine Reparatur entweder gar nicht möglich ist oder so teuer, dass sie sich im Vergleich zum Preis eines neuen Gerätes kaum lohnt. Und schon landet wieder ein Smartphone, Drucker oder Tablet auf dem Müll.

Fatal wird das Ganze in dem Moment, wo der Elektroschrott nicht entspechend recycelt wird, sondern zur „Weiterverwertung“ illegal in afrikanischen Ländern, Indien oder China verschifft wird. Viele der Geräte werden hier oft noch repariert und einige Jahre weitergenutzt. Aber irgendwann landen sie doch auf meist illegalen Müllkippen und werden auf Kosten von Menschen und Umwelt zerlegt. Außerdem gehen so kostbare Ressourcen unwiderbringlich verloren, da weit weniger Rohstoffe aus den Geräten gewonnen werden, als würden sie professionell recycelt.

Elektroschrott pro Jahr? Eine Müllwagenschlange, die um die halbe Erde reicht!

Elektroschrott ist einer der am schnellsten anwachsenden Teile des weltweiten Müllberges – und gleichzeitig einer der bedenklichsten. Die europäische Umweltbehörde hat berechnet, dass die Menge an Elektroschrott – jährlich nahezu 40 Millionen Tonnen – rund dreimal schneller wächst als jede andere Art von Hausmüll. Füllt man den jährlich weltweit anfallenden Elektroschrott in Müllwagen, ergäbe dies eine Schlange, die sich um den halben Erdball erstreckt.

Immer kürzere Produktezyklen lassen den Elektroschrottberg immer rasanter anwachsen. Im Jahr 2004 stand in jedem zweiten deutschen Haushalt ein PC, Ende 2006 waren bereits 75 Prozent aller deutschen Haushalte damit ausgerüstet. Japan ist ähnlich gut mit PCs versorgt, im Gegensatz zu 0.07 Prozent aller Haushalte in Niger, 1.2 Prozent in Indien, 2.3 Prozent in Bolivien und 4.1 Prozent in China. Das Wachstumspotenzial für Elektrogeräte ist also – vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern enorm. Die Elektroschottberge dürften sich dadurch kaum verringern.

Das Gold ist im Müllberg vergraben

In Deutschland gibt es seit 2015 ein neues Entsorgungsgesetz für Elektronikschrott, dass den Händler vorschreibt, Altgeräte zurückzunehmen und sie zu recyclen. Aufhorchen lässt jedoch, dass etwa dreimal so viel Elektronik verkauft wird, wie als E-Müll bei den Erfassungsstellen landet. Sicherlich verstauben viele Geräte in Kellern und Garagen, doch die meisten Kleingeräte landen im Hausmüll. In den USA gelangen nach Schätzungen sogar mehr als 70 Prozent der weggeworfenen Computer und Monitore sowie 80 Prozent der Fernseher auf den Müllkippen – obwohl auch dort immer mehr Bundesstaaten die Entsorgung von E-Müll regeln.

Die Konsequenzen sind dramatisch. Durch E-Geräte auf den Müllkippen gelangen Blei, Quecksilber, Arsen, Kadmium, Beryllium und andere Giftstoffe in den Boden. Außerdem verschwenden wir mit jedem Produkt mit einer Batterie oder einem Stecker, das wir auf den Müll werfen, wertvolle Ressourcen. Und: Wer alte Elektronikgeräte bei einem Recyclingunternehmen oder einer kommunalen Sammelstelle abgibt, kann nicht davon ausgehen, dass sie auch umweltgerecht entsorgt werden. Sicher gibt es auch vorbildliche Firmen, doch viele verkaufen den E-Müll an Makler, die das Zeug in Drittweltländer mit laxen Umweltstandards exportieren. Dort werden unsere ausgemusterten Geräte entweder repariert und weiterverkauft oder illegal entsorgt. Teilweise werden von Müllsammlern Metalle aus den Geräten entnommen. Was  nicht recycelt werden kann, wird verbrannt. Das führt nicht nur dazu, dass wieder verwertbaren Komponenten unwiederbringlich zerstört, sondern auch Menschen und Umwelt erheblich geschädigt werden. Fehlende Abwasserfilter sorgen dafür, dass Chemikalien das Grundwasser vergiften und übersäuerte Böden für landwirdschaftliche Zwecke unnutzbar machen.

Spannend dazu: Greenpeace hat die Reise eines Fersehers aufgedeckt, das Projekt Trash Track versucht die verschlungenen Wege unseres Mülls nachzuvollziehen.

Neben Edelmetallen wie Gold, Palladium und Silber spielen seltene Elemente eine immer wichtigere Rolle bei der Herstellung elektronischer Bauteile. Beispielsweise Indium, ein Nebenprodukt des Zinkabbaus, das jährlich in mehr als einer Milliarde Elektroprodukten wie Flachbildschirme und Handys verwendet wird. In den letzten fünf Jahren ist der Indiumpreis am Weltmarkt um das Sechsfache gestiegen – inzwischen ist es teurer als Silber. Obwohl die Indiumvorräte langsam zur Neige gehen, wird das seltene Metall nur in wenigen Fabriken in den USA, Belgien und Japan recycelt. Indium ist kein Einzelfall; auch Wismut, das in bleifreien Loten zum Einsatz kommt, ist heute doppelt so teuer wie noch 2005. Und der Preis für Ruthenium, verwendet in Festplattenlaufwerken und elektrischen Widerständen, ist sogar um das Siebenfache gestiegen – in nur einem Jahr.

Der massive Preisanstieg zeigt vor allem die Endlichkeit dieser Ressoucen. Um so wichtiger ist es, endlich gut funktionierende Recyclingverfahren zu entwicklen.

Elektroschrott macht krank

Ein Recycling der wertvollen Rohstoffe unumgänglich macht aber nicht nur die Ressourcenknappheit, sondern auch der unsachgemässer und gewissenloser Umgang mit Elektroschrott. Unser Recyclingsystem bietet skrupellosen Geldmachern Schlupflöcher. Immer noch landen große Mengen des Sondermülls in Entwicklungsländern. Bevorzugte Ziele sind Nigeria, Ghana, Pakistan, Indien und China. Dort wird er in den sogenannten „Hinterhofwerkstätten“ von den Ärmsten der Armen, oftmals Frauen und Kindern, mit bloßen Händen auseinandergenommen. Ungeschützt sind sie den Giftstoffen ausgesetzt: Blei, das die Fortpflanzung beeinträchtigen kann, Quecksilber, das Nervenschäden und Cadmium, das Nierenschäden verursacht. Ein Forschungsprojekt der Universität Queensland führte in Zusammenarbeit mit der WHO zudem Wachstums-, Atem- und Verhaltensstörungen auf den Kontakt mit Elektroschrott zurück. Giftstoffe wie Dioxine, Furane und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAKs) entstehen beim Verbrennen von PVC-Kunststoffen und werden von den Arbeitern eingeatmet. All das landet danach in der Umwelt und verschmutzt Böden und vergiftet das Wasser.

Ein weltweit verbindlicher Leitfaden zum Zerlegen von Elektroschrott und zur Maximierung der Recycling-Erträge ist eines der vorrangigsten StEP-Ziele. «Solving the E-Waste Problem» (StEP) ist im Jahr 2004 als neutrale Intitiative mehrerer UN-Organisationen initiiert worden und befördert Partnershaften zwischen Unternehmen, Regierungs- und Nicht-Regierungs-Organisationen sowie dem Wissenschaftsbereich. Ziele sind unter anderem, die Lebensdauer von Computern und anderer elektronischer Gebrauchsgegenstände zu erhöhen, die Umweltverschmutzung bei deren Entsorgung bzw. beim Recycling zu vermindern sowie die Wiederverwertung zunehmend wertvoller Bestandteile des Elektroschrotts zu verbessern.

Video: The Story of Electronics

Und was kannst Du tun?

Wie der Artikel deutlich gemacht hat befinden wir uns in einem Teufelskreis, der auch die Rohstoffgewinnung für elektronische Geräte und deren Herstellung miteinbezieht. Nach wie vor passiert auf Seite der Unternehmen wenig, um entscheidende Verbesserungen auf dem Elektromarkt herbeizuführen. Doch hier und da gibt es Hoffnungsschimmer: Start-Ups wie Fairphone oder Shiftphone haben es sich z.B. zur Aufgabe gemacht, faire Smartphones auf den Markt zu bringen.

Die Art und Weise, wie Mobiltelefone zusammengebaut werden, könnte die Idee des niederländischen Designers Dave Hakkens revolutionieren: Seine Phonebloks sind ein Kozept für ein Smartphone, bei dem jedes Bauteil – Akku, Touchscreen, Speicher, Prozessor, Funk, Wifi, GPS, Kamera, Mikrofon und Lautsprecher ein einzelner Block ist. Und einzeln ausgetauscht werden kann, wenn es nicht mehr funktioniert! Auch wenn die Idee eher Zukunftsmusik ist und noch viele Fragen offen lässt ist sie ein Schritt in die richtige Richtung.

Außerdem lassen sich viele Geräte noch reparieren, auch wenn du im nächstgelegenen Shop eine andere Info erhälst. Hilfreich ist hier die Plattform iFixit: bei iFixit findest du leicht verständliche Reparaturanleitungen für Geräte aller Art und ein großes Angebot an Ersatzteilen. Mehr Infos im Artikel iFixit – Reparieren leicht gemacht

Wenn ein Gerät wirklich unbrauchbar ist, ist die richtige Entsorgung entscheidend. Der Artikel Elektroschrott – Zu wertvoll für die Tonne informiert über die verschiedenen Möglichkeiten.

Und vor dem Kauf: Greenpeace veröffentlicht regelmäßig einen neuen Ratgeber zu Grüner Elektronik. So kannst Du Deine Kaufentscheidung nach dem Ranking der Firma ausrichten.

Autoren: Jenny Louise Becker und Indra Jungblut, RESET-Redaktion (letztes Update: 2016)

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