„Aus ökologischer Sicht wird das meiner Meinung nach katastrophale Folgen haben“, sagt die Anwohnerin Carmen Rampersad gegenüber der BBC. In der Nähe ihres Wohnortes am Stadtrand von London ist ein neues Rechenzentrum geplant. Die Entwickler haben ein Auge auf den sogenannten „Grüngürtel Londons“ geworfen, eine 85 Hektar große Grünfläche, die in der Nähe der britischen Hauptstadt eine Seltenheit ist.
Rampersad nahm zusammen mit anderen Mitgliedern ihrer Gemeinde an einer Protestaktion gegen die Pläne für das Rechenzentrum teil. Ob die Proteste erfolgreich sein werden und das Rechenzentrum verhindert werden kann, bleibt abzuwarten. Aber selbst wenn dieses eine nicht gebaut wird, ist der Druck auf viele andere Gemeinden groß. Der aktuelle KI-Hype treibt den Ausbau an Rechenleistung massiv an, so dass an vielen Orten weltweit neue Rechenzentren gebaut werden. Wie sich das auf die Anwohner:innen und die Umwelt auswirkt, spielt für die Betreiber selten eine Rolle.
„Das neue Öl“: Wie Rechenzentren den Klimaschutz gefährden
Rechenzentren gefährden die Energiewende, verbrauchen kostbare Wasserressourcen und schaden der menschlichen Gesundheit. Können wir ihren Boom verlangsamen, bevor es zu spät ist? Ein Überblick über die aktuelle Situation.
Was aber wäre, wenn wir mehr Macht hätten als nur zu protestieren? Wie wäre es, wenn wir bei den Rechenzentren, die wir nutzen, mitentscheiden könnten? Wenn Anwohner:innen die Kontrolle über den Bau und die Verwaltung von Rechenzentren hätten, könnten Gemeinden von ihren neuen Nachbarn profitieren. Wir haben uns damit befasst, was nötig wäre, damit Rechenzentren unseren Gemeinden dienen, anstatt ihnen zu schaden.
Was sind „Community Data Centers“?
Auf RESET.org haben wir bereits öfter über Rechenzentren berichtet, die auf Nachhaltigkeit setzen. Von 100 Prozent erneuerbaren Energien über die Nutzung der Abwärme bis zum Recycling der Server wissen wir, was Unternehmen tun könnten, um ihre Rechenzentren nachhaltiger zu gestalten. Aber könnten wir als Bürger:innen die Regeln nach unseren eigenen Vorstellungen neu schreiben und Rechenzentren selbst in die Hand nehmen? Das zumindest ist die Idee hinter „Community Data Centers“ bzw. kommunalen Rechenzentren. So, wie sich Menschen zusammenschließen, um als Genossenschaft ihre Häuser mit Solarpanels oder Windturbinen mit Strom zu versorgen, würden in einem kommunalen Rechenzentrum Menschen zusammenarbeiten, um die Server zu betreiben, die für ihre Internetnutzung erforderlich sind.
Das ist zumindest die ungefähre Idee eines kommunalen Daten-Zentrums. „Es gibt viele unterschiedliche Auffassungen [davon, was ein kommunales Rechenzentrum ist] in Bezug auf Governance, Eigentumsverhältnisse und die Einbeziehung oder Ausgrenzung von Kunden“, sagt Rainer Rehak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut. Einige sind der Meinung, dass der Staat nicht beteiligt sein darf, andere sehen als Voraussetzung für ein kommunales Rechenzentrum, dass es auch im Besitz dieser Gemeinschaft sein sollte. Für manche reicht es vielleicht aus, dass ein Rechenzentrum gemeinnützig ist, während andere verlangen, dass ein Rechenzentrum als Kollektiv betrieben wird. „Das Konzept der ‚community-owned‘ Rechenzentren ist kein fester Begriff“, so Rehak.
Dr. André Ullrich stimmt dem zu. Er leitet die Forschungsgruppe „Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Partizipation“ am Weizenbaum-Institut und ist zusammen mit Rainer Rehak Teil der Forschungsgruppe zu „Community Data Centers“. Es gebe eine „konzeptionelle Unschärfe“, wenn es um kommunale Rechenzentren geht. Sie wären jedoch definitiv „lokal verwurzelt“ und ihnen zugrunde läge wahrscheinlich ein demokratisches Governance-Modell zur Verwaltung des Gebäudes, der Hardware, der Support-Systeme und der Software. Außerdem würden sie die Rechts- und Governance-Strukturen von Genossenschaften nachahmen und auf den Prinzipien der Commons basieren. Dabei geht es darum, dass die Gemeinschaft die Ressourcen, die sie nutzt, selbst verwaltet.
Gemeinschaftliche Rechenzentren in der Praxis
Gemeinschaftliche Rechenzentren mögen wie eine neue Idee klingen. In Deutschland reicht das Konzept jedoch bis ins Jahr 1963 zurück, als die Gesellschaft für automatische Datenverarbeitung (GAD) gegründet wurde. Die GAD war das erste genossenschaftliche Rechenzentrum, das von seiner Gründung bis 2015 Rechenzentren für Genossenschaftsbanken in Deutschland betrieb.
Ein weiteres Beispiel aus Deutschland ist der kommunale Telekommunikationsanbieter Wobcom. Das Rechenzentrum wird von der Stadt Wolfsburg betrieben und versorgt sowohl die Bürger:innen vor Ort als auch die gesamte Region. Ullrich weist jedoch darauf hin, dass dieses Daten-Zentrum zwar einem digitalen Dienst in Gemeinschaftsbesitz nahekomme, da sie nicht von einem privaten Unternehmen betrieben wird. Aber es würde nicht das Kriterium erfüllen, dass „die Macht bei den Menschen liegen sollte, die das Rechenzentrum betreiben, warten und nutzen“.
In Belgien bietet die Nubo Cooperative einen E-Mail-Dienst, Cloud-Speicher und Domainnamen an, die alle auf lokalen, Nubo-eigenen Servern betrieben werden. Wer einen dieser Dienste erwirbt, wird Mitglied von Nubo und kann als Teil der Genossenschaft an Entscheidungen mitwirken. „Dadurch können die Nutzer Vertrauen in die Struktur setzen, die die Dienste verwaltet”, schreibt Nubo auf der eigenen Website. Bei einem privaten Unternehmen dagegen würde die „mangelnde Transparenz Vertrauen unmöglich“ machen. Die Genossenschaft verpflichtet sich außerdem, Gewinne für soziale Zwecke einzusetzen, anstatt sie zur Bereicherung von Aktionär:innen zu verwenden.
Das Schweizer Rechenzentrum Infomaniak wird derzeit zwar nicht von seinen Nutzer:innen verwaltet, aber die Mitarbeitenden sind als Genossenschaft organisiert. Neben dem Modell der Mitarbeiterbeteiligung versorgt Infomaniak ganzjährig 6000 Haushalte mit Wärme und verwertet 100 Prozent der von ihm verbrauchten Energie wieder. In Zukunft könnte Infomaniak sogar zu einem Rechenzentrum in Gemeindebesitz werden. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen: „Letztendlich werden unsere Kunden auch Teile des Unternehmens erwerben können.“
Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?
Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:
Würde gemeinschaftliches Eigentum die Einstellung zu Rechenzentren verändern?
Vor einigen Jahren wussten viele Menschen noch nicht, was Rechenzentren sind. Aber mit dem KI-Boom wächst das Bewusstsein für Rechenzentren – und den Schaden, den sie anrichten können. Überall auf der Welt protestieren Bürger:innen gegen Rechenzentren, die ihre Grünflächen verschlingen, den Energie- und Wasserverbrauch ganzer Städte haben und die Luft verschmutzen.
Ist es möglich, den schlechten Ruf von Rechenzentren mit Modellen in Gemeinschaftsbesitz zu verbessern? Laut Rehak „besteht die Chance auf Integration, Koexistenz und Vorteile für die Bürger, wenn die lokale Gemeinschaft ein Mitspracherecht beim Betrieb von Rechenzentren hat“. Zu diesen Vorteilen könnte die Nutzung von überschüssiger Wärme für Schwimmbäder, Saunen oder Algenfarmen oder das Angebot von Rabatten für NGOs gehören. Ullrich weist darauf hin, dass „es auf die spezifischen Motive [der Gemeinschaft] ankommt“. Wenn sie eine bestimmte Grünfläche erhalten wollen, würden sie ihre Meinung nicht unbedingt ändern, nur weil sie das Rechenzentrum besitzen könnten. In anderen Fällen könnte es jedoch „einen Unterschied machen, wenn die von einem Rechenzentrum Betroffenen ein Mitspracherecht bei Entscheidungen über Wasserverbrauch, Lärm, Bau und Einrichtung erhalten“.
Bei nachhaltiger KI geht es um mehr als grüne Rechenzentren
Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Jedes KI-Modell hat bereits ein langes „Leben“ hinter sich, bevor es überhaupt zum Einsatz kommt – mit massiven Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Wirklich ressourcenschonende und gemeinwohlorientierte KI-Nutzung und -Entwicklung muss daher den gesamten Lebenszyklus im Blick haben.
Digitale Souveränität und Dateneigentum
„Community Data Centers“ bedeuten mehr als nur die Rückgewinnung von Landbesitz von Big Tech. Diese Systeme können Bürger:innen auch mehr Souveränität über ihr digitales Leben ermöglichen. Wie Ullrich es ausdrückt: „Grundlegende digitale Dienste sollten wie öffentliche Versorgungsleistungen behandelt und daher auch als solche geregelt und reguliert werden.“
Wenn wir uns bei der Verwaltung und Kontrolle unserer Daten auf gewinnorientierte Big-Tech-Unternehmen verlassen, setzen wir uns dem Risiko von Ausfällen, Datenverlusten und Verletzungen der Privatsphäre aus. „Das Ziel sollte eine ‚Demokratisierung von allem‘ sein“, so Ullrich, „in der Technologie eine gerechtere Verteilung von Macht und Ressourcen ermöglicht.“ Die Kombination von kommunalen Rechenzentren mit gesünderen Informationsökosystemen wäre der ultimative Weg für Bürger:innen, die Kontrolle über ihre Kommunikationskanäle und Daten zu erlangen.
Die oben genannten Dienste sind zwar ein gutes Beispiel. Aber es ist noch ein langer Weg, bis unser digitales Leben vollständig in Gemeinschaftsbesitz ist – wenn wir jemals dort ankommen. Ullrich weist darauf hin, dass „viele der aktuellen wirtschaftlichen Anreize und Marktstrukturen globale Monopole unterstützen [und den Profit in den Vordergrund stellen]“. Da die Schäden durch Rechenzentren jedoch eine zunehmende Bedrohung für das Klima und die Bürger:innen darstellen, könnten „Community Data Centers“ eine praktikable Lösung für eine wirklich nachhaltige digitale Zukunft sein.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!
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