Eine einfache Lösung könnte gefährdete Meerestiere retten und Fischer*innen mehr Geld einbringen

LED-Leuchten an Netzen werden schon seit langem als Methode diskutiert, Beifang zu verringern. Aber erst jetzt wurde eine umfassende Studie darüber durchgeführt.

Autor Mark Newton:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 26.01.22

In der kommerziellen Fischerei geht es oft um alles oder nichts. Die wirtschaftlichen Zwänge des Gewerbes bedeuten, dass die Trawler mit einem Rumpf voller Fisch zurückkehren müssen, damit sich die Expedition lohnt. Mitunter ist jedes Mittel recht, um die Chancen auf eine maximale Ausbeute zu erhöhen, und nicht selten kommen Grundschleppnetze, Langleinen und Kiemennetze zum Einsatz – egal, ob diese im jeweiligen Fischereigebiet erlaubt sind oder nicht.

Diese Methoden führen jedoch auch zu großen Mengen an Beifang, also Fischen und anderen Meeresbewohner, die nicht auf dem Teller landen sollen. Für die Fischereien hat der Beifang keinen kommerziellen Wert und wird aus den Netzen befreit und über Bord geworfen. Allerdings sind die meisten Tiere bereits tot oder verletzt, bis sie wieder im Meer landen. Schätzungen zufolge sind bis zu 40 Prozent aller gefangenen Fische Beifang, und nicht selten fangen die Trawler sogar mehr Beifang als die anvisierten Fische.

Für die biologische Vielfalt der Ozeane ist das natürlich ein großes Problem. Viele der Meerestiere, die unbeabsichtigt in den Netzen gefangen werden, sind gefährdete Arten wie Schildkröten, Haie, Rochen und Meeressäuger. Und vor großen Kiemennetzen sind sogar Seevögel nicht sicher. Doch auch für die Fischerei sind große Mengen Beifang ein Problem, denn es kostet Zeit und Geld, den Beifang auszusortieren und zu entsorgen. Daher haben auch viele Trawlerbesitzer*innen ein Interesse daran, Beifang zu reduzieren.

Seit Jahren experimentieren Naturschützer*innen mit verschiedenen Methoden, um Beifang zu vermeiden. Kleine Lichter an den Netzen anzubringen wird seit langem sporadisch eingesetzt, aber es gab bisher keine umfassende Studie über die tatsächlichen Auswirkungen dieser teureren Netze.

Forschende der Arizona State University, der Wildlife Conservation Society, des National Fisheries and Aquaculture Institute of Mexico und der NOAA Fisheries haben vor kurzem eine Studie veröffentlicht, in der sie untersuchen, wie einfache LED-Leuchten den Beifang reduzieren können. Um den Ansatz zu testen, brachten sie an Kiemennetzen von lokalen Fischer*innen an der Pazifikküste von Baja California Sur in Mexiko alle 10 Meter kleine grüne LED-Leuchten an. Gleichzeitig wurde eine Kontrollgruppe von Trawlern ohne Lichter ausgesendet. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Mit der einfachen technischen Lösung landeten deutlich weniger gefährdete Tiere im Netz.

Die Ergebnisse, die in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass der Beifang insgesamt um 63 Prozent reduziert werden kann, wenn beleuchtete Kiemennetze verwendet werden. Bei einigen Tierarten sind die Auswirkungen sogar noch größer: Mit beleuchteten Kiemennetzen wurde der Fang von Haien, Rochen und Rochen um 95 Prozent und von Humboldt-Kalmaren um 81 Prozent reduziert.

Eine gute Idee für Fischer*innen?

Damit solche Lösungen von den Trawlern eingesetzt werden, müssen sie sich allerdings auch als wirtschaftlich erweisen. Die Gewinnspannen vieler Trawler sind bereits sehr gering und die Netze werden häufig beschädigt und gehen verloren. Das bedeutet, dass teurere Netze für die lokale Fischer*innen und Fischereibetriebe nicht sehr attraktiv sind. Die in der Studie verwendeten Lampen kosteten etwa sieben bis neun USD pro Stück, eine Summe, die das Budget vieler kleiner Fischerinnen im globalen Süden ziemlich sicher sprengt. Es gibt jedoch billigere Lampen, die etwa anderthalb USD pro Stück kosten. Ein weiteres Problem sind die wiederkehrenden Kosten für Batterien. Daher hat das Team auch mit solarbetriebenen Versionen experimentiert.

Die Studie ergab jedoch, dass Kiemennetze mit LED-Beleuchtung die Fangleistung tatsächlich verbessern können; die Fangquoten und der Marktwert der gefangenen Fische wurden beibehalten. Zudem hatten die Netze noch weitere Vorteile. Die Beleuchtung erleichtert es, Netze einzuholen und verkürzte die dafür benötigte Zeit um 57 Prozent. Hinzu kommt, dass die Trawler-Besatzung weniger Beifang entfernen muss – eine mitunter gefährliche und schwierige Aufgabe – und die Fischer*innen konnten rund eine Stunde der zuvor unrentablen Arbeit einsparen. Insgesamt könnte der Einsatz solcher Netze also auch die Effizienz der Fischerei insgesamt erheblich verbessern.

Hoyt Peckham, Mitverfasser der Studie und Direktor für Kleinfischerei bei der Wildlife Conservation Society, erklärt, dass viele von einer Lösung profitieren können, bei der der Schutz der Bestände mit einem wirtschaftlichen Mehrwert Hand in Hand geht:

„Kiemennetze sind allgegenwärtig, weil sie billig sind und alles fangen, was ihnen in die Quere kommt. Diese Arbeit ist spannend, weil sie eine praktische Lösung bietet, um die Selektivität von Kiemennetzen zu erhöhen und ihren Beifang zu vermeiden. Neue Technologien sollten uns dabei helfen, diese Art von Beleuchtung in Kiemennetzmaterialien zu integrieren, so dass es für die Fischer ein Leichtes sein wird, diese Lösung zu übernehmen.“

In der Vergangenheit hat RESET auch über andere kostengünstige Lösungen zur Verringerung des Beifangs berichtet. Ein solcher Ansatz war zum Beispiel die Verwendung von „Pingern“ – an Netzen befestigte Geräte, die regelmäßig hochfrequente Schallwellen aussenden.

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