Ein Frühwarnsystem aus KI-Bojen zum Schutz der Wale

Um Wale besser schützen zu können, setzt die chilenische Blue Boat Initiative auf neuartige Bojen, die die Meeresriesen mithilfe von KI aufspüren.

Autor Mark Newton:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 21.12.22

Seit der „Rettet die Wale“-Bewegung in den späten 1970er Jahren sind Wale zu den Aushängeschildern für den Schutz der Meere geworden. Doch obwohl es in den letzten Jahrzehnten auch einige positive Entwicklungen gab – die Buckelwalpopulationen haben zum Beispiel fast wieder den Stand vor dem Walfang erreicht) – sind viele Wale immer noch von menschlichen Aktivitäten und zunehmend von den Auswirkungen des Klimawandels bedroht.

Die chilenische Blue Boat Initiative will den größten Lebewesen unseres Planeten auf ihrem Weg zur Erholung helfen. Interessanterweise betont die Initiative nicht nur die Notwendigkeit, diese majestätischen und intelligenten Tiere aus ethischen und ökologischen Gründen zu schützen, sondern auch aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen. Doch dazu später mehr.

Mit Unterstützung der chilenischen Regierung und der MERI-Stiftung, eine Klimaforschungsinstitution, hat die Blue Boat Initiative intelligente Bojen entwickelt, mit denen sich die Wanderungen der Wale verfolgen und die örtlichen Meeresbedingungen bewerten lassen. Die erste Boje mit dem Namen Suyai – oder ‚Hoffnung‘ – wurde im Oktober im Golf von Corcovado, etwa 1.100 Kilometer südlich von Santiago, installiert. Schätzungen zufolge halten sich bis zu zehn Prozent der Blauwalpopulation in diesem Gebiet auf, aber auch andere Arten wie Buckelwale, Seiwale und Südliche Glattwale.

Die Bojen nutzen die Anwendung der Künstlichen Intelligenz Listen to the Deep Ocean (LIDO) und ozeanische Sensoren, um die Anwesenheit von Walen, insbesondere von Blauwalen, in diesem Gebiet zu erkennen. Diese Informationen werden dann an Frühwarnstationen an Land weitergeleitet, die Schiffe, die in der Region unterwegs sind, über die Anwesenheit der Wale informieren können. Die Übermittlung der Walrouten soll dann Schiffe dazu veranlassen, diese Gebiete zu meiden, so dass die Wanderrouten der Meeresriesen seltener unterbrochen und Schiffskollisionen vermieden werden.

Geplant ist, dass zu dieser ersten Boje noch mindestens fünf weitere dazukommen. Die Blue Boat Initiative hofft, dass sie irgendwann die gesamte Migrationsroute in die antarktischen Gewässer abdecken kann.

Das grüne Potenzial der Blauwale

Wale, insbesondere Blauwale, spielen nicht nur eine wichtige Rolle für das Gleichgewicht der Ökosysteme, sondern auch für den Klimaschutz und die Verringerung des Kohlenstoffausstoßes.

Das hat damit zu tun, dass viele Wale zu den „Schirmspezies“ gehören, was bedeutet, dass ihr Schutz indirekt auch andere Arten schützt. Außerdem tragen sie über ihre Ausscheidungen, die die Produktion von Phytoplankton ankurbeln, zum Gleichgewicht und zur Sauerstoffanreicherung der Ozeane bei. Es gibt bereits Versuche, mithilfe von künstlichen Walausscheidungen diesen Prozess zu ‚biomimetisieren'“.

Eine weitere, oft übersehene Rolle der großen Wale ist die Kohlenstoffbindung. In seinem Leben kann ein einziger Blauwal 33 Tonnen CO2 binden. Stirbt das Tier, sinkt sein Körper in der Regel in die Tiefsee, wo dieser Kohlenstoff jahrhundertelang gebunden bleibt – möglicherweise bis zu 2.000 Jahre. Aufgrund des hohen Drucks und der niedrigen Temperaturen in der Tiefsee könnte sie sogar ein idealer Ort für die langfristige Speicherung von Kohlenstoff sein. Wir haben bereits über ein Projekt berichtet, dass sich diesen Mechanismus zunutze macht.

Außerdem betont die Blue Boat Initiative, dass gesunde Walpopulationen auch zu einer gesunden Wirtschaft führen. Wale tragen zu gesunden Fischbeständen bei, die für die lokale Wirtschaft unerlässlich sind, während ihre Kohlenstoffbindung und Ozeandüngung ebenfalls einen wirtschaftlichen Wert haben. Diese „Dienstleistungen“ schätzt die Initiative auf 845.000 bzw. 16 Millionen USD.

Und dann ist da noch der Ökotourismus. Die Walbeobachtungsindustrie erwirtschaftet schätzungsweise 2 Milliarden USD pro Jahr, davon 3,7 Millionen allein in Chile.

Natürlich ist der Schutz der Wale an sich schon ein lohnendes Unterfangen, aber wenn man diese Tiere in einen wirtschaftlichen Kontext stellt, können auch zurückhaltende Regierungen und Organisationen zum Handeln bewegt werden, so zumindest die Hoffnung der Blue Boat Initiative. Anstatt den Schutz von Tieren als „wohltätige“ Kosten mit geringem unmittelbaren Nutzen zu betrachten, ist es wichtig, viele Bemühungen als Grundlage für ein langfristiges wirtschaftliches wie auch ökologisches Überleben zu sehen.

Übrigens setzt nicht nur die chilenische Initiative auf künstliche Intelligenz zum „Abhören“ von Walen. Ein Forschungsprojekt versucht, die Rufe einiger Wale in eine für den Menschen verständliche Sprache zu übersetzen. Auch wenn der Erfolg dieser Bemühungen noch in weiter Ferne liegt, könnte unsere Fähigkeit, zu verstehen, was unter den Wellen vor sich geht, neue Einblicke in ein immer noch weitgehend geheimnisvolles Reich geben.

Können wir mithilfe von KI mit Pottwalen „sprechen“?

Ein multidisziplinäres Projekt nutzt maschinelles Lernen, um die komplexen Rufe der Pottwale zu entschlüsseln. Sind wir damit auf dem Weg, mit den faszinierenden Meeresriesen zu kommunizieren?

Künstlicher Walkot soll den natürlichen Rhythmus der Meere wiederherstellen

Walkot ist der Ausgangspunkt vieler Nahrungsketten im Meer. Forschende versuchen nun, Exkremente aus dem Labor als Dünger einzusetzen – und damit auch die CO2-Speicherung in den Ozeanen zu erhöhen.

ARC: Luftblasen und KI-Roboter befreien verschmutzte Flüsse von Plastik

Eine von Student*innen geleitete Initiative in Zürich will die Plastikverschmutzung in Flüssen mit einem Roboterschiff bekämpfen, das Abfälle sammeln, sortieren und analysieren kann.

Wie kann die Mobilitätswende an Fahrt aufnehmen?

Der Verkehrssektor ist nach wie vor für enorme CO2-Emissionen verantwortlich. Eine Mobilitätswende ist dringend nötig. Was aber sind die wesentlichen Schritte und welche Rolle spielt die Digitalisierung dabei?

UrbanTide
UrbanTide will Städte mithilfe von KI beim Umgang mit Krisen unterstützen

Mangelnde Elektrifizierung, hohe CO2-Emissionen durch den Verkehr – in Städten weltweit sind die Herausforderungen groß. UrbanTide will lokalen Behörden und Organisationen ein einfach zu verwendendes KI-Paket zur Verfügung stellen, um Lösungen anzugehen.

Trufi: Mit einer App die Sackgassen des öffentlichen Verkehrs auflösen

Mit den Öffis von A nach B ist die nachhaltigste Fortbewegung. Aber ohne zuverlässige Informationen über Haltestellen, Routen und Fahrpläne wird es kompliziert. Die NGO Trufi entwickelt digitale Lösungen für den ÖPNV weltweit.

Hedera macht den Impact von Mikrokrediten transparent

Mikrokredite können für einkommensschwache Haushalte ein großer Segen sein, aber ihre volle Wirkung zu erfassen ist oft schwierig. Hedera will dies mithilfe digitaler Tools ändern.

Interview: Eine nachhaltige Digitalisierung braucht kooperatives Lobbying von Bits und Bäumen

Vergangenen Oktober sind wieder tausende Menschen auf der Bits-und-Bäume-Konferenz zusammengekommen, um über Nachhaltigkeit und Digitalisierung zu diskutieren. Friederike Rohde (IÖW) über Entwicklungen und Erfolge der Konferenz und wichtige nächste Schritte für eine nachhaltige Digitalisierung.