Digitale Identitäten und Blockchain vereinfachen den Zugang zu wichtigen Leistungen

Die Blockchain und andere Distributed Ledger-Technologien könnten eine sichere Infrastruktur für digitale Identitäten bereitstellen - und es so für NGOs, gemeinnützige Organisationen und staatlichen Institutionen einfacher denn je machen, benachteiligten Menschen Zugang zu essentiellen Leistungen und Services zu verschaffen.

Autor Marisa Pettit, 21.11.18

Was ist das Problem?

Nach Schätzungen der Weltbank haben ca. 1,1 Milliarden Menschen weltweit keine offiziell anerkannte Identität. Die Mehrheit dieser Menschen lebt in schlecht versorgten Regionen in Asien und Afrika. Am meisten davon betroffen sind marginalisierte Gruppen – Frauen und Kinder, indigene Völker und ethische, sprachliche oder sexuelle Minderheiten. Unter ihnen sind auch viele der weltweit 25 Millionen Geflüchteten, die nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre legale Identität, ihren Besitz und ihre Qualifikationen hinter sich gelassen haben.

Ohne eine nachweisbare Form der Identität ist es schwierig, an essentielle Leistungen zu kommen, wie z.B. Gesundheitsversorgung, Wahlrecht, Bildung und Banking – Menschen ohne Identität sind sozial, finanziell und juristisch ausgeschlossen, ohne grundlegenden Schutz und Rechte. Gleichzeitig ist es auch für viele Organisationen eine große Herausforderung, Leistungen effizient zu verteilen und sicherzustellen, dass die Gelder auch dahin gelangen, wo sie benötigt werden, ohne genaue Daten über die Bevölkerung zu haben. Eine Identität ist daher grundlegend für die soziale und wirtschaftliche Integration und eine nachhaltige Entwicklung. Daher haben die Vereinten Nationen in den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (SDGs) auch verankert, dass bis 2030 alle Menschen über eine rechtlich gültige Identität verfügen sollen.

Die digitale Identifikation kann eine wichtige Rolle dabei spielen die SDGs zu erreichen. Damit können die weltweit ärmsten und verletzlichsten Menschen einen Zugang zu wichtigen Dienstleistungen erhalten, von Bildung über Gesundheitsversorgung bis zu Banking, während gleichzeitig ihre juristischen und politischen Rechte gestärkt werden”, sagt die stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Amina Mohammed.

Was ist die Lösung?

Es gibt keine einheitliche Lösung für dieses Problem. Aber in einer immer besser vernetzten Welt und neuen digitalen Technologien tun sich neuartige Registrierungsmethoden und Interaktionsmöglichkeiten zwischen Organisationen, Einzelpersonen und ihren Daten auf. Diese könnten konventionelle, papierbasierte und von der Regierung autorisierte Identitätsnachweise umgehen.

Eine Vielzahl an Projekten wurde in der jüngsten Zeit ins Leben gerufen – darunter auch Partnerschaften zwischen NGOs, privaten Organisationen und Think Tanks, wie z.B. die ID2020-Allianz der UN und die ID4D-Plattform der Weltbank, beide 2017 gelauncht – um an der Entwicklung von digitalen Identitäten für die soziale Inklusion zu arbeiten.

Lösungen, die auf der Blockchain und anderen Distributed Ledger-Technologien basieren, sind aus einer Reihe an Gründen besonders interessant. Die verteilten Systeme, die nicht auf zentrale Vermittler angewiesen sind, um Daten zu verarbeiten, sind  in der Lage, unabhängig von traditionellen Drittanbietern wie Regierungen oder Banken digitale Identitäten zu verarbeiten. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Menschen, die nicht über eine von diesen Institutionen geforderte, konventionelle ID verfügen. Da DLTs ein sehr manipulationssicheres System zur Aufzeichnung von Transaktionen sind, können Einzelpersonen im Laufe der Zeit, basierend auf ihren Interaktionen mit verschiedenen Organisationen, ihre Identität herstellen und aufbauen.

Einige Beispiele für blockchainbasierte Projekte zur digitalen Identität sind:

MONI: Finnland nutzt die Blockchain, um die Finanzdienstleistungen für Geflüchtete zu revolutionieren

© Moni

Der finnische Einwanderungsdienst „Migri“ hat sich mit dem Fintech-Startup MONI zusammengetan, um Geflüchteten eine Prepaid-Mastercard anzubieten, die ihnen die Einwanderungsbehörde zur Verfügung gestellt hat und die mit einer digitalen Identität verknüpft ist. Die Blockchain-Technologie zeichnet die mit der Karte getätigten Finanztransaktionen auf und erstellt und verfolgt die Identität jedes Benutzers in einem einzigartigen, unveränderlichen und unabhängigen Datensatz.

Aid:Tech verteilt digitale Identitäten und Spenden mit Hilfe der Blockchain

Aid:Tech hat eine Reihe von Blockchain-basierten Lösungen entwickelt, die digitale Identitäten als Zugang zu Waren und Dienstleistungen nutzen; von der Nothilfe bis zur Gesundheitsversorgung. Aid:Tech stellt den Endverbrauchern digitale Identitäten zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen, schnell und effizient verschiedene Ressourcen zu senden oder zu empfangen und sie bis zum Ziel zu verfolgen. Aid:Tech hat z.B. auch in Tansania mit der Blockchain-Technologie gearbeitet, um die Bereitstellung von Gesundheitsdienstleistungen für schwangere Frauen zu verfolgen.

Humaniq, eine Kryptowährung für die 2,5 Milliarden Menschen ohne Bankkonto

© Humaniq

Humaniq ist eine Blockchain-Plattform und -App, die Kryptowährung, visuelle Einfachheit und biometrische ID kombiniert, um die zwei Milliarden Menschen ohne Bankverbindung mit der Weltwirtschaft zu verbinden. Die Benutzer erhalten Zugang zu einem alternativen Finanzsystem, das auf der eigenen Kryptowährung von Humaniq basiert und werden mit biometrischen, Sprach- und Ortungstechnologien identifiziert. Das bedeutet, dass keine Unterschriften oder staatlich ausgestellten Ausweise erforderlich sind.

Und die Nachteile?

Anwendungen, die mit personenbezogenen Daten von Menschen umgehen, werfen natürlich immer auch Fragen zu Sicherheit und Datenschutz auf. Daher müssen die einzelnen Anwendungen sicherstellen, dass sie die sensiblen Daten ihrer Benutzer schützen – vor Diebstahl, Verlust, Missbrauch oder Zugriff durch Unbefugte.

Einige Kritiker befürchten, dass die Blockchain-Technologie einfach noch zu jung ist, um mit marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu „experimentieren“. Außerdem könnte die Kombination digitaler Identitäten mit biometrischen Informationen auf der Blockchain für Staaten und Unternehmen zu einem neuen Weg werden, um das digitale Leben der Menschen im schlimmsten Fall zu beobachten und so sogar Minderheiten zusätzlich zu gefährden.

Der Wert einer benutzergesteuerten ID wird dadurch begrenzt, wie viele – oder eben wenige – Organisationen und Behörden zustimmen, diese zu akzeptieren. Wenn die Regierungsstellen, Unternehmen und Organisationen, von denen die Unterversorgten abhängen, nicht kooperieren, ist die Blockchain-basierte Identität nur wenig hilfreich.

Und nach der ersten großen Begeisterungswelle, in der viele Startups und Unternehmen versucht haben, irgendwo in ihren Prozessen eine Blockchain oder DLT zu installieren, taucht vermehrt die Kritik auf, dass viele dieser Anwendungen einfach unnötig sind und wir mit bereits bestehende Technologien – wie z.B. zentralisierte Datenbanken – perfekt funktionierende Lösungen haben, die zudem besser skalierbar sind.

Die Zeit wird zeigen, ob die Technologie eingesetzt wird, um Lösungen zu entwickeln, die sicher, praktisch und skalierbar genug sind, um bei denjenigen, die sie am meisten brauchen, eine echte Wirkungs zu haben.

Um den Rest der Interviews, Fallstudien und Hintergrundartikel des RESET-Spezials Blockchain zu lesen, klicke hier.

rechenzentrum-blockchain-server
© 1und1
Blockchain und nachhaltige Entwicklung – wie passt das zusammen?

Alle reden von Blockchain. Aber worum geht es da eigentlich genau? Und was sind Distributed-Ledger-Technologien? Wir geben Antworten auf diese Fragen und zeigen, wie die Technologie für soziale und ökologische Belange sinnvoll eingesetzt werden kann.

Blockchain und DLTs – Worum geht es da eigentlich?

Was genau kann die Blockchain eigentlich – und warum wird sie so gehypt? RESET beleuchtet Stärken (und Schwächen) der Technologie.

Interview: MineSpider will mit Hilfe der Blockchain Konfliktmineralien aus Lieferketten verbannen

Ein Berliner Startup nutzt verteilte Datenbanksysteme, um ein komplexes Problem anzugehen: die Nachverfolgung der Mineralien, die in unseren smarten Geräten verbaut werden.

dezentralisierung-blockchain-sdg-nachhaltige-entwicklung
© CIFOR
GIZ-Interview: Ein besseres globales Miteinander per Blockchain?

Kann die Blockchain in den Bereichen Klimawandel, Demokratie und Wassermanagement sinnvoll eingesetzt werden? Genau daran forscht das GIZ Blockchain Lab. Wir haben mit der GIZ-Expertin Salomé Eggler darüber gesprochen.

Interview: Ein Wald, der sich selbst abholzt? Mit der Blockchain könnten Ökosysteme autonom werden

Können sich natürliche Systeme mit Hilfe der Blockchain selbst verwalten? Diese Frage untersucht ein Team von Entwicklern, Theoretikern und Forschern. Wir haben mit Paul Seidler, einem der Köpfe, gesprochen.

Slock.it: Objekte mit eingebauter Anbindung ans Tauschnetzwerk

Das Startup Slock.it will Sharing-Transaktionen über die Blockchain absichern und seine Technik direkt in die auszuleihenden Gegenstände integrieren.