Eine kleine japanische Stadt könnte bald zu 100 Prozent abfallfrei sein

Kamikatsu im Süden Japans soll bis 2020 völlig ohne Abfälle auskommen. Was machen diese Pioniere anders? Und könnte ihr Ansatz auch in anderen Städten funktionieren?

Autor Ana Galán Herranz, 25.06.18

Im (englischen) Alphabet der Abfallvermeidung gibt es eigentlich nur einen Buchstaben, und den gleich drei mal: Reduce, Recycle, Reuse. Nur wenn wir uns an die drei „R“ halten, können wir unseren persönlichen ökologischen Fußabdruck maximal minimieren. Dass wir daran scheitern, hat oft mehrere Gründe. Grund Nummer eins: Bequemlichkeit. Denn obwohl wir uns in vielen Bereichen bewusst sind, was ökologisch sinnvoll ist und was nicht, kann die Bequemlichkeit siegen. Beim Einkaufen greifen wir auf eine Plastiktüte zurück, weil wir die wiederverwendbare vergessen haben, die Plastikverpackung landet im Bioabfall und wir werfen ein altes Paar Jeans in den Müll, weil wir keine Zeit haben, sie zu reparieren. Grund Nummer zwei: Auch wenn es uns gelingt, den Abfall ordnungsgemäß zu entsorgen, können wir nicht sicher sein, dass sich der Aufwand lohnt. Sicher, wir werfen den sorgsam getrennten Müll in den richtigen farbigen Behälter, aber was passiert danach? Selbst mit effektiven Recyclingprogrammen und Abfallmanagement – der Gedanke an einen abfallfreien Lebensstil scheint auf individueller Ebene möglich zu sein, aber auf Ebene einer Stadt scheint das so gut wie unmöglich. Oder?

Kamikatsu zeigt neue Wege im Abfallmanagement

Es ist 15 Jahre her, dass die Bewohner der kleinen Stadt Kamikatsu auf der Insel Shikoku beschlossen haben, ein Null-Abfall-Programm zu starten. Der Wechsel war nicht von rein ökologischen Motiven inspiriert; nachdem die Regierung neue Vorschriften erlassen hatte war die Stadt Anfang der 2000er Jahre gezwungen, ihre Verbrennungsanlage zu schließen. Mit der nächsten Anlage in einigen Kilometern Entfernung wurde es billiger, Abfall zu recyceln, anstatt ihn zu transportieren und dann zu verbrennen. Die Bewohner waren gezwungen, ihr Entsorgungsprogramm zu überdenken.

Anstatt ihren Müll in Müllverbrennungsanlagen oder Deponien zu entsorgen, konzentrieren sie sich jetzt darauf, so viel wie möglich zu recyceln. „Was wir als Ressourcen verkaufen können, wird zu Stadteinnahmen -[alles andere] versuchen wir kostengünstig zu verarbeiten. Wenn alle gesammelten Abfälle zu Ressourcen werden, ist es kein Abfall mehr“, sagte Kazuyuki Kiyohara, der Leiter der städtischen Abfallstation, gegenüber ABC News.

Allerdings ist der Recyclingprozess damit verbunden, dass die Bewohner Kamikatsus ihre Abfälle in 34 (!) verschiedene Kategorien aufteilen. Eine Müllabholung gibt es nicht – die einzelnen Haushalte sind dafür verantwortlich, ihre Abfälle selbst zum Recyclingzentrum zu bringen. Dort sortieren sie die Verpackungsmaterialien und andere zivilisatorische Überbleibsel in die verschiedenen Kategorien – wie Aluminiumdosen, Stahldosen, Papierkartons und Papierflieger. Im Zweifelsfall stehen ihnen die Mitarbeiter des Recyclingzentrums zur Seite.

Die Recycling-Station hat auch einen Tauschladen, in dem Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, wie z.B. Kleidung, Spielzeug, Haushaltsgeräte oder sogar Möbel, zurücklassen und andere Dinge, die man dort findet, mit nach Hause genommen werden können. In der Nähe stellen einheimische Frauen in einer lokalen Fabrik Dinge aus Abfallprodukten her, abgelegte Kimonos werden hier z.B. zu Teddybären.

Mit dem Programm spart die Stadt nicht nur Geld – etwa ein Drittel der Kosten, die ihr durch die Verbrennung entstanden sind -, sondern sie schärft auch das Bewusstsein der Bürger. Die starke Eigeninitiative fordert die Bürger heraus, über ihren Abfall nachzudenken, im besten Fall schon vor dem Kauf und wenn sie Dinge wegwerfen. „Ich habe das Gefühl, mich um die Dinge zu kümmern“, erzählte Ladenbesitzer Takuya Takeichi Great Big Story. „Es ist seltsam, aber ich denke darüber nach, bevor ich irgendetwas wegwerfe. Wir haben vielleicht eine größere Last, aber ich glaube, wir haben alle einen Reichtum im Kopf.“

Von Kamikatsu in die Welt?

Es ist interessant zu überlegen, ob ein solches System in einem anderen Land funktionieren könnte. Könnte auch jede andere Stadt das Recycling so aufwändig gestalten, dass es den Lebensstil und die Denkweise der Menschen verändert und sie von unnötigem Konsum abhält?

Auf jeden Fall gibt es bereits einige Städte, die sich ähnlich großes vorgenommen haben wie  Kamikatsu: Ljubljana , die Hauptstadt Sloweniens, ist eine Vorreiterin in der EU, mit Recyclingquoten, die innerhalb eines Jahrzehnts weit über die EU-Ziele hinausgeschossen sind, San Francisco hat mehr als 80 Prozent seines Mülls im Rahmen seines eigenen Plans, bis 2020 abfallfrei zu sein, von den Deponien abgezweigt und auch New York und San Diego haben das Ziel, ihre Abfälle auf Null zu setzen.

Allesamt sind das ehrgeizige Pläne. Doch was ist neben der staatlichen Gesetzgebung, dem Engagement der Verbraucher und effektiven Recyclingprogrammen erforderlich? Auch die Hersteller müssen Verantwortung übernehmen und bessere, nachhaltigere Produkte anbieten, in denen der gesamte Lebenszyklus mitbedacht ist – einschließlich Recycling und Rücknahme. Das Stichwort ist hier Kreislaufwirtschaft oder auch „Circular Econmy“!

Dies ist eine Übersetzung von Sarah-Indra Jungblut. Das Original erschien zuerst auf unserer englischsprachigen Webseite.

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