Die kleine Politik

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Bild: allzweckjack/photocase

Was ist schöner, als in der Sonne zu sitzen und eine Tasse Kaffee zu trinken? Die Antwort: In der Sonne zu sitzen, eine Tasse Kaffee zu trinken und dabei die Welt zu verbessern. Den großen Unterschied macht die kleine Entscheidung für fair gehandelten Kaffee. Immer mehr Leute warten nicht mehr auf die Politik – sie verändern die Welt selbst.

Autor Jenny Louise Becker, 01.01.08

Schon „damals“ im Jahre 2005 wurden um 25 Prozent mehr fair gehandelte Waren verkauft als 2004, bei Bio-Bananen waren es 65 Prozent. Solaranlagen boomen und Banken, die ihr Geld nur unter ethischen Bedingungen verleihen, verzeichnen hohe Zuwächse. Es tut sich was: Immer mehr Menschen versuchen, ihre Träume von einer besseren Welt zu leben. 10 Schritte, mit denen wir die Welt mehr verändern können, als wir glauben. Wir haben die Macht!

1) Sich und die Welt fairwöhnen

Bild: Namaste / photocase

Jede Tasse kostet dann zwei Cent mehr als konventioneller Kaffee, doch dieser Preisaufschlag lohnt sich – vor allem für die Kleinbäuerinnen und -bauern, die den Kaffee herstellen, denn sie erhalten einen Mindestpreis. Außerdem bekommt das Transfair-Siegel nur, wer keine Kinder ausbeutet, menschenwürdige Arbeitsbedingungen garantiert und umweltschonend produziert. Meist fließt ein Teil des zusätzlichen Erlöses noch in den Aufbau von Schulen und Gesundheitszentren. Das ist viel – für eine Tasse fairen Kaffees in der Sonne.

 

 

 

 

2) Tu Gutes und verdiene daran

Bild: webworker34 / photocase

Wissen Sie eigentlich, wo sich gerade Ihre Ersparnisse herumtreiben, so Sie welche haben? Wenn Sie diese Frage in Verlegenheit bringt, dann werden Sie jetzt bloß nicht nervös. Sie sind in dieser Verlegenheit nicht allein. Millionen Sparer überlassen ihre Ersparnisse einfach den Banken, und diese entscheiden dann, ob mit dem Geld ihrer Kunden Schulen gebaut oder Arbeitsplätze vernichtet werden. Dabei geht es um viel Geld. 4200 Milliarden Euro haben die Deutschen angespart – Häuser und Versicherungen nicht mitgerechnet.

Doch wer mit seinem Geld seine eigenen Ideale verwirklichen möchte, hat heute mehr Chancen als je zuvor. Mehr als 100 000 Kunden haben über eine Milliarde Euro bei der GLS-Gemeinschaftsbank in Bochum, der Umweltbank in Nürnberg, der Ethikbank in Eisenberg oder der Bank für Orden und Mission in Idstein angelegt. Diese Banken investieren das Geld ihrer Kunden in Schulen, Kindergärten, Biohöfe, Sonnenenergie, Obdachlosenprojekte oder Umweltschutz auf der ganzen Welt – und schaffen dadurch zigtausende zukunftssichere Arbeitsplätze. Und wer Anteile von Oikocredit kauft, investiert sein Geld für die Armen in der Dritten Welt. Und Zinsen gibt es bei diesen Banken auch. Zudem haben praktisch alle Banken rund 80 ethische Aktien- und Rentenfonds im Angebot, die ihre Gelder nur in Unternehmen oder Staatspapiere investieren, wenn diese bestimmte soziale und ökologische Bedingungen erfüllen. Mehr als zehn Milliarden Euro sind dort angelegt. Und man stelle sich nur vor, zehn bis zwanzig Prozent der 4200 Milliarden Euro Spargelder würden nach ethischen Bedingungen investiert – dann würde sich das Banken- und Börsensystem auch an sozialen und ökologischen Zielen orientieren. Dann dient das Geld den Menschen und nicht umgekehrt.

3) Im Einklang mit uns und der Natur

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So einfach war es noch nie, Biolebensmittel zu kaufen. Längst gibt es sie nicht mehr nur beim Biolandwirt, in Naturkostläden und Reformhäusern, sondern auch im Supermarkt. Sogar spezielle Biosupermärkte haben sich in den vergangenen Jahren in vielen Städten etabliert.

Per Bioservice kann man sich Obst und Gemüse auch direkt nach Hause liefern lassen. Bioprodukte erfahren im Lebensmitteleinzelhandel derzeit höchste Umsatzsteigerungen. Und das macht Laune. Denn wer Bioprodukte kauft, tut sich und der Umwelt etwas Gutes: Sie schmecken besser, weil in ihnen keine künstlichen Aromen, Farbstoffe oder Süßstoffe und weniger Rückstände aus Agrochemikalien stecken. Auch Gentechnik ist tabu. Zudem wirtschaften Biobauern im Einklang mit der Natur, achten auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und auf die artgerechte Haltung von Nutztieren. Durch den Verzicht auf chemischen Dünger schützen sie das Grundwasser – davon profitieren wir alle.

Auch wenn der Marktanteil von Bioprodukten im vergangenen Jahr wieder um 15 % Prozent gewachsen ist – er ist immer noch recht gering. Gerade einmal 4,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden nach den Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. Mit jedem Einkauf entscheiden wir über diesen Anteil mit. Ökologisch einkaufen beschränkt sich natürlich nicht nur auf Lebensmittel, sondern gilt auch für Kleidung, Reinigungsmittel und vieles mehr.

Ökologisch einkaufen bedeutet, vor allem regional einzukaufen. Bei Lebensmitteln erleichtert das Siegel »Bio« die Auswahl (Demeter oder Bioland sind noch strenger), bei Haushaltsgeräten lohnt sich die Energieklasse A: geringster Energieverbrauch. Bioprodukte sind meist etwas teurer. Aber sie sind auch wertvoller – für uns, unsere Kinder und für die Natur. Wer sich beim Lebensmittel – Einkauf zudem schon häufig ein „weniger ist mehr“ bei den Verpackungen gewünscht hat, den interessiert vielleicht auch dies: RESET – „Original Unverpackt“ einkaufen nun möglich

4) Sonne aus der Steckdose

Bild: alex- / photocase

Strom ist gelb? Falsch. Sonnenstrahlen kommen aus der Steckdose? Richtig. Zumindest, wenn man den Strom von einem Anbieter bezieht, der ihn unter anderem aus Sonnenenergie gewinnt. Das ist bei den meisten Ökostrom-Anbietern der Fall. Nicht aber bei den großen Konzernen E.On, EnBW, RWE und Vattenfall Europe, die sich drei Viertel des Strommarktes in Deutschland teilen. Sie setzen auf Atomkraft und Kohle. Das ist gefährlich und klimaschädlich. Dabei geht es auch anders, wenn Strom aus Sonne, Wind, Wasser, Biomasse oder Erdwärme oder aus besonders effizienter Kraft-Wärme-Kopplung gewonnen wird.

Seit 1998 steht es jedem frei, von seinem bisherigen Energieversorger zu einem Ökostrom-Anbieter zu wechseln. Zum Beispiel zu Greenpeace Energy, Lichtblick oder EWS Schönau (Infos unter RESET – Ökostrom). Dazu genügt es, sich online oder per Postkarte beim Ökostrom-Anbieter anzumelden. Alles andere erledigt dieser dann.

Aber das Ganze geht auch ohne Umweg: Man kann selbst zum Kraftwerk werden. Hausbesitzer können sich eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach installieren. Der so gewonnene Solarstrom wird komplett in das öffentliche Stromnetz eingespeist. Auf Grundlage des »Erneuerbaren Energien-Gesetzes« wird das vergütet. Strom für den Eigenbedarf muss der Hausbesitzer von einem Energieversorger beziehen. Da der Einspeisetarif über dem Verbrauchstarif liegt und es öffentliche Fördermittel und Darlehensprogramme gibt, lässt sich eine Photovoltaik-Anlage recht gut finanzieren.

Wer zu einem Ökostrom-Anbieter wechselt und Solarzellen aufs Dach baut, vermindert den Ausstoß des klimaschädlichen CO2-Gases. Und trägt dazu bei, dass Atomkraftwerke früher abgeschaltet werden können. Solarenergie-Verein, www.sfv.de; Tel. 0241/511616

5) Regionales Geld

Bild: complize / photocase

Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen das Drucken von eigenem Geld? Diese Frage erinnert an Bert Brechts berühmten Satz »Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?«

In 30 Regionen Deutschlands beantworten Verbraucher die Frage auf originelle Weise: Sie bezahlen mit »Carlos«, »Markgräflern«, »Kann Was«, »Chiemgauern«, »Sterntalern«, »Urstromtalern« oder anderen Scheinen. Zwar reichen layouterische Fähigkeiten und ein Drucker im Keller nicht aus, um die regionale Wirtschaft mit eigenem Geld zu bereichern. Interessierte müssen einen Verein gründen und die Sache professionell angehen. Erfolgreich wird die Initiative, wenn möglichst viele Verbraucher und jede Menge Einzelhändler, Apotheker, Metzger, Bäcker, Handwerker und Landwirte beitreten. Dann können die Verbraucher einen Euro in die lokale Währung umtauschen und damit in den Geschäften einkaufen, die dem gleichen Verein angehören.

Der Trick besteht darin, dass der regionalen Währungsinitiative weder McDonald’s noch Lidl oder andere Großkonzerne beitreten werden, sondern nur lokale Unternehmen. Und die profitieren von der regionalen Währung. In Rosenheim und Umgebung sind inzwischen 700 000 Chiemgauer unterwegs. Für die beteiligten Geschäfte wurde eine Umsatzsteigerung von fünf Prozent errechnet. »Das kann für ein lokales Geschäft den Unterschied zwischen Leben und Sterben ausmachen«, sagen die Initiatoren des Chiemgauers.

Und in einer Zeit, in der globale Konzerne und Discounter mit anonymen Strukturen regionale Betriebe verdrängen, brauchen die lokalen Unternehmen mit ihren Arbeitsplätzen jede Form von Unterstützung. Regionales Geld ist eine davon. Regionetzwerk – Arbeitsgemeinschaft regionaler Währungen: Regiogeld

6) Fit, entspannt und ökologisch

Bild: Marcel1976 / photocase

Auch Reisen können entspannen. Man nimmt Platz, holt sich einen Becher Kaffee, schaut aus dem Fenster, beobachtet die Leute, liest ein Buch oder erledigt seine Arbeit – und nach wenigen Stunden ist man am Ziel. Fünf Stunden im Zug und doch entspannt gereist. Ach was, werden viele sagen, immer Verspätung und reisen kann ich auch nicht, wann ich will. Und teuer ist es noch dazu. Dann steigen sie ins Auto, koste es, was es wolle. Und die Kosten sind hoch – für die Autofahrer und für die Umwelt.

Wer jährlich 15 000 Kilometer mit einem Golf fährt, zahlt 4936 Euro. Dagegen ist die Bahncard 100 mit 3400 Euro geradezu billig. Sie erlaubt ein Jahr lang kostenlose Fahrten im ganzen Bundesgebiet – einschließlich der S-Bahnen. Wer die Bahncard 100 besitzt, behält gegenüber dem Golf noch so viel Geld übrig, um sich ein schönes Fahrrad zu leisten und ab und zu mal ins Taxi zu springen. Und zur Entspannung und den geringeren Kosten kommt noch die Entlastung der Umwelt. Denn der Verkehr produziert ein knappes Drittel des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid – der größte Teil davon stammt aus dem Straßenverkehr und aus Flugzeugen.

Zugegeben, viele Leute können nicht auf das Auto verzichten – vor allem, wenn sie in ländlichen Regionen leben und Kinder haben. Es gibt einfach zu wenig Alternativen. Aber auch hier gilt: Auf Strecken unter vier Kilometern ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel. Zudem hält es fit. Auf langen Strecken lohnt sich die Fahrt mit dem Auto zum nächsten Bahnhof, um sich dann im Zug zu entspannen. Kinder bis 14 Jahren reisen kostenlos mit. Und im Urlaub zu Fuß zu gehen oder Fahrrad zu fahren schont uns und unsere Kinder: Es hält gesund, verbraucht wenig Rohstoffe und heizt die Erde nicht auf. RESET – Tipps zum nachhaltigen Reisen

7) Mehrfach nutzen statt einfach besitzen

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Das gibt es eigentlich nur im Film: Eine Frau und ein Mann sitzen im Waschsalon und warten, bis ihre Wäsche fertig ist. In der Zwischenzeit kommen sie ins Gespräch und verlieben sich schließlich. In der grauen Wirklichkeit haben beide ihre eigene Waschmaschine und begegnen sich nie. In Zeiten, in denen alle zwei Jahre ein neuer Computer angeschafft wird, klingt die Frage fast ketzerisch: Müssen wir alle Konsumgüter, die wir nutzen, auch besitzen? Braucht jede Familie in einem Mehrfamilienhaus wirklich eine Bohrmaschine – für zwei Anlässe im Jahr? Können sich die Mitglieder eines Kleingartenvereins nicht einen gemeinsamen Rasenmäher anschaffen? Müssen Stadtbewohner ein eigenes Auto besitzen und einen Parkplatz besetzen – oder können sie nicht Car-Sharing betreiben?

Diese Fragen werden umso wichtiger, je mehr Menschen weniger Einkünfte haben und je teurer Rohstoffe und Energie werden. Denn: Die Wegwerfgesellschaft verschlingt ungeheure Mengen an Energie und Rohstoffen – durch die Massenproduktion und durch den Abfall. In den USA landen pro Jahr 130 Millionen Mobiltelefone auf Müllbergen – mit giftigen Stoffen wie Arsen, Blei und Quecksilber. Dabei löst, wer Waren teilt, gleich zwei Probleme. Es ist ein Akt der Befreiung, weniger Geräte im Haushalt verwahren zu müssen und sie nur bei Bedarf zu leihen. Gleichzeitig sparen die reichen Konsumenten Rohstoffe und Energie, so dass den Ärmeren dieser Welt mehr davon bleibt. RESET – Sharing is Caring

Und wer will, dass aus seinen Geräten keine riesigen Mengen an Gift, sondern Rohstoffe für die Zukunft abfallen, hat jetzt gute Chancen: Seit März 2006 müssen die Bauhöfe Elektroschrott unentgeltlich annehmen.

8) Mit Giraffenohren hören

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Stell dir vor, es ist Streit und keiner verliert … Geht das? Die eigenen Interessen durchsetzen, ohne andere zu verletzen? Die eigenen Bedürfnisse befriedigen, ohne andere zu schädigen? Grenzen setzen, ohne Gewalt anzuwenden? Immer mehr Menschen glauben, dass das möglich ist, und trainieren deshalb »Gewaltfreie Kommunikation« (GfK).

Der Begründer dieser Kommunikationsmethode, Marshall Rosenberg, arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich als Mediator in vielen Krisenregionen – mit Kindern und Erwachsenen, Schülern und Lehrern, Polizisten und Gangstern. Schon Kinder können den Unterschied zwischen »Giraffensprache« und »Wolfssprache« lernen, denn das Prinzip ist einfach. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, Situationen nicht wertend zu beschreiben, Gefühle auszudrücken und Bitten zu formulieren.

Das Geheimnis dieser Methode liegt im Erkennen von Bedürfnissen – der eigenen so wie auch die anderer. Denn im Innersten sind wir gar nicht so verschieden, wie wir oft meinen: Jeder Mensch braucht Nahrung, körperliches Wohlbefinden, Unterkunft, Sicherheit, Empathie, Kreativität, Liebe, Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn. Der Unterschied zwischen »Wölfen« und »Giraffen« besteht darin, dass Giraffen es wagen, sich verletzlich zu zeigen. Statt andere zu kritisieren, ihnen Vorwürfe zu machen, sie herumzukommandieren oder zu manipulieren, haben sie den Mut, Bitten zu äußern.

In der Praxis ist GfK ein lebenslanger Übungsweg, der Beziehungen intensiver machen, Partnerschaften bereichern, Kindererziehung erleichtern und die Schule revolutionieren kann. Wer sich auf den Weg macht, die »Giraffensprache« zu lernen, wird entdecken, um wie viel reicher das Leben sein kann – für ihn und die Anderen. Gewaltfrei in Niederkaufungen RESET – Nachhaltige Kommunikation

9) Engagement schafft Freu(n)de

Bild: micjan / photocase

Wer sich für eine bessere Zukunft einsetzt, lebt glücklicher und gesünder. Denn wer sich engagiert, gewinnt Freunde und erfährt, dass er oder sie etwas Sinnvolles tut. Und »irgendein Ziel muss man doch haben und ansteuern. Der Sinn des Lebens kann doch nicht darin bestehen, am Ende die Wohnung aufgeräumt zu hinterlassen, oder?« (Elke Heidenreich). Auch wenn es Kraft kostet, ist es doch »keine Mühsal, sondern macht Spaß«, wie die Cap-Anamur-Mitgründerin Christel Neudeck sagt.

Möglichkeiten, sich für eine bessere Zukunft zu engagieren, gibt es so viele, wie es Menschen gibt – je nach Geschmack, Fähigkeiten, Interessen und Zeitbudget. Sich für eine bessere Zukunft zu engagieren kann heißen, benachteiligten Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, um ihre Bildungschancen zu erhöhen, oder sich mit Attac für eine andere Globalisierung einzusetzen. Es kann heißen, mit anderen zusammen einen Bach von Müll zu säubern oder sich einer örtlichen Bürgerinitiative anzuschließen. Es kann heißen, bei einer Tafel Brot und Gemüse an Bedürftige auszugeben oder einer Partei oder Wählergemeinschaft beizutreten. Es kann heißen, als Hospizhelferin Sterbende zu begleiten oder einmal in der Woche mit einem Kind auf den Spielplatz zu gehen, um dessen Eltern zu entlasten. Es kann heißen, für ein Ende der Atomnutzung zu demonstrieren, wenn wieder ein Castor-Transporter radioaktiven Müll quer durch Europa verfrachtet oder in seinem Landkreis eine regionale Währung einzuführen.

Das Schöne beim sozialen Engagement: Es tut gut. Nicht nur anderen, sondern auch einem selbst. Und niemand soll sagen: »Was kann ich schon ausrichten?« Denn: »Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Angesicht der Erde verändern« (afrikanischer Spruch). RESET – Verantwortung übernehmen – bürgerschaftliches Engagement

10) Gelassen gegen die Resignation

Bild: Manja / photocase

Meldet sich bei Ihnen das schlechte Gewissen? Haben Sie das Gefühl, Sie müssten viel mehr tun für eine bessere Zukunft? Sich zum Beispiel stärker sozial engagieren, endlich den Stromanbieter wechseln und die gerade gebuchte Flugreise doch wieder stornieren? Sich außerdem für einen fairen Welthandel und friedliche Konfliktlösungen stark machen? Gut so! Innere Unruhe und Unzufriedenheit stehen am Anfang vieler Veränderungen. Doch Vorsicht: Zu große Ziele können verhindern, überhaupt den ersten Schritt zu tun. Und zu große Verbissenheit führt schnell zu Resignation. Deshalb lautet dieser letzte persönliche Schritt: Gelassen und engagiert die Welt verändern.

Ein Widerspruch? Ja, aber ein notwendiger. Gelassen und engagiert meint, ein verbesserlicher Weltverbesserer zu sein, den Humor nicht zu verlieren und nicht zu vergessen, sich auch mal etwas Gutes zu gönnen. Es meint auch, liebevoll mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen umzugehen. Aber, werden manche einwenden, sind wir nicht viel zu gelassen? Ist es nicht gerade das Problem, dass uns der Hunger der Kinder in der Sahelzone, der Treibhauseffekt und die Arbeitsbedingungen mittelamerikanischer Bananenpflückerinnen viel zu gleichgültig sind? Ja, das stimmt. Und dennoch braucht es das rechte Maß an Gelassenheit. Denn es ist nötig, den langen Atem zu behalten und in seinem Engagement nicht wie ein Strohfeuer zu erlöschen.

Ignatius von Loyola, ein Idealist aus dem 16. Jahrhundert und Gründer des Jesuitenordens, hat das Dilemma zwischen uneingeschränktem Engagement und Gelassenheit beziehungsweise Gottvertrauen so formuliert: »Handle so, als ob alles von dir und nichts von Gott abhinge. Vertraue so auf Gott, als ob alles von Gott und nichts von dir abhinge.«

Dieser Artikel von Wolfgang Kessler, Barbara Tambour und Andrea Teupke erscheint mit freundlicher Genehmigung von Publik-Forum (2006)

Bilder: www.photocase.de

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Die große Politik

Ohnmachtsgefühle lassen sich nicht vermeiden. Da versuchen wir, mit Ökostrom zu kochen und weniger Auto zu fahren, und die Chinesen und die Amis kümmern sich nicht ums Klima. Da kann man nur immer wieder sagen: Nicht den Mut verlieren! Gemeinsam sind wir stark! Gemeinsam können wir etwas bewegen! Die Politik darf nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Schließlich kann kein Einzelner das Rentensystem verändern, den Hunger in der Welt oder die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigen. Gleichwohl kann er oder sie viel bewegen. Denn die Politik bewegt sich, wenn sich die Menschen bewegen.