Die Blockchain-basierte Plattform Textile Trust will Lieferketten der Textilbranche transparenter machen

hannah-morgan-ycvfts5ma4s-unsplash
©
Hannah Morgan/ Unsplash License

Die einzelnen Schritte von den Rohstoffen bis zum fertig genähten Kleidungsstück sind für Verbraucher*innen meist unübersichtlich. Eine neue Plattform will Transparenz in die Lieferketten bringen.

Autor Leonie Asendorpf, 22.02.21

Übersetzung Leonie Asendorpf:

Ob Hose, T-Shirt oder Schal – wenn wir ein neues Kleidungsstück in den Händen halten, dann ist es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich herauszufinden, wo und unter welchen Produktionsbedingungen und Umweltstandards es hergestellt wurde. Licht ins Dunkel bringen soll eine Reihe von Zertifikaten und Textilsiegeln, doch der Großteil der Textilunternehmen hat diese nicht integriert. Und noch immer gibt es in vielen Lieferketten der Textilbranche fehlende Umweltstandards oder menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen beim Ressourcenabbau oder der Produktion.

Eine Kooperation aus verschiedenen Unternehmen und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) plant, die Lieferketten in der Textilbranche auf einer offen zugänglichen Plattform zukünftig übersichtlicher zu machen. Auf Texile Trust sollen wichtige Parameter wie Produktionsstandards und Zertifikate angezeigt werden und damit langfristig zu mehr Transparenz im Materialfluss und vereinfachten Verwaltungsprozessen und Zertifizierungen beitragen.

Plattform benutzt Blockchain-Technologie

Die Plattform Textile Trust basiert auf einer Blockchain. Als „Blockchain“ wird eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen, „Blöcken“ (blocks) genannt, bezeichnet. Die Technologie ermöglicht es, die einzelnen Transaktionen innerhalb eines Prozesses (als Datenblöcke) chronologisch in Form einer Kette (chain) aneinander zu hängen und mit entsprechenden Inhalten zu füllen. Im Fall der Textillieferkette soll die Plattform Informationen über die jeweiligen Produktionsprozessschritte speichern. Beim Bau der Blockchain-basierten Plattform wird das Projekt vom Unternehmen IBM Blockchain unterstützt.

Federführend im gesamten Projekt sind die Unternehmen Cotonea und Kaya&Kato. Cotonea verarbeitet ausschließlich Biobaumwolle und stellt daraus nach eigenen Angaben nur fair produzierte Textilien her. Nachdem das Unternehmen selbst an dem Aufbau eigener Anbauprojekte für Biobaumwolle mitgewirkt hat, bringt es nun die inhaltliche Expertise mit ins Projekt. Das Unternehmen Kaya&Kato stellt Arbeitskleidung aus nachhaltigen Stoffen wie Biobaumwolle oder einem Polyester-Baumwollgemisch aus Meeresplastik her. Auf seiner Website gibt das Unternehmen einen Überblick über die Herkunft und Produktion der Kleidungstücke, die ausschließlich in Europa hergestellt werden.

„Ein Projekt wie Textile Trust muss alle Stufen der textilen Kette einbeziehen“, so Cotonea- Geschäftsführer Roland Stelzer. „Das Knowhow kommt entweder von mehreren Mitwirkenden, die ihre jeweiligen, bereits komplexen Produktionsschritte vertreten und ein gemeinsames Verständnis aufbauen müssen. Eine ambitionierte Aufgabe. Oder die Inhalte liefert einer der wenigen übergreifend arbeitenden Hersteller von Biobaumwolltextilien wie Cotonea, der auch die Schnittstellen kennt.“

Das Projekt, bestehend aus der Browseroberfläche und einer dazugehörigen App, soll bis Mitte 2022 fertiggestellt sein. Nachdem erstmal eine Demoversion entwickelt wurde, beginnt nun die Phase der Verfeinerung und es werden weitere Interessierte aus der Textilbranche gesucht, die sich am Entwicklungsprozess beteiligen.

© Cotonea So soll die App aussehen: Informationen über Herstellungsort, Transportwege und Produkt sollen beim nachhaltigen Einkauf helfen.

Lieferkettengesetz und Gefahr des Greenwashing

Mehr Transparenz in die Lieferketten der Textilbranche zu bringen ist ein wichtiger Schritt, um das Thema für Unternehmen selbst und für Verbraucher*innen zugänglicher und übersichtlicher zu machen. Doch noch wichtiger als die Transparenz ist es, dass sich tatsächlich etwas in der Textilbranche verändert und Unternehmen, die ihrer Verantwortung für Umwelt und Menschen nicht nachkommen, dafür zur Verantwortung gezogen werden. Schon seit längerem setzt sich das BMZ für die Durchsetzung eines Lieferkettengesetzes ein, um Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen in den Lieferketten von Unternehmen einzuschränken. Bisher ist das Gesetz jedoch an fehlenden Mehrheiten und großer Kritik der Unternehmen gescheitert.

Die Idee hinter Zertifikaten und Textilsiegeln für Umwelt- und Menschenrechtsstandards sind ebenfalls ist gut. Es gilt jedoch auch genau hinzuschauen, was jeweils dahintersteckt. Über mögliche Schlupflöcher ist sich auch der Geschäftsführer von Cotonea, Roland Stelzer, bewusst: „Wir bei Cotonea sehen Vertrauenswürdigkeit – Trust – als einen der wichtigsten Werte“, sagt er. „Die Nachfrage nach umweltfreundlichen Produkten, deren Herstellung auf faire Weise und zum Vorteil aller Beteiligten geschieht, steigt. Das macht eine Fälschung von Zertifikaten, Greenwashing oder einfach nur das Weglassen von Fakten immer attraktiver.“ Deshalb sei es wichtig, mit „wasserdichten Trackingsystemen“ zu arbeiten. Das Projekt Textile Trust will genau das bieten: fälschungssichere Daten über die Herstellung und Produktion einzelner Produkte.

MARKIERT MIT
Tip me: Ein digitales Trinkgeld für die Produzent*innen deiner Kleidung

Wie wäre es, wenn du den Menschen, die deine Produkte herstellen, deine Wertschätzung zeigen könntest, indem du ihnen ein Trinkgeld gibst? Tip me ermöglicht das.

An Hauswänden angebrachte Textilfassaden könnten künftig die Stadtluft von Stickoxiden reinigen

Sie verschlimmern Asthma, lassen Pflanzen gelb werden und machen den Boden sauer – Stickoxide sind weder gut für unsere Umwelt noch für uns selbst. Ein Doktorand aus Aachen entwickelt zurzeit eine Häuserfassade, die diesen Schadstoff aus der Luft filtert und nebenbei noch Nährstoffe für den Boden erzeugt.

img_20170624_171933_706
Maren Berthold
Künstliche Intelligenz hilft beim Recycling von Kleidung

„Fast Fashion“ belastet unser Klima enorm. Das Projekt „Circular Textile Intelligence“ forscht nun an einer automatisierten Methode, um weiterverwertbare Kleidungsstücke aufzuspüren und das Recycling zu vereinfachen.

bildschirmfoto_2020-07-14_um_10
© Threadcounts
Threadcounts: Nachhaltige Mode mit Hilfe der Blockchain

Das Berliner Startup Threadcounts verfolgt die Geschichte von Textilien - von der Farm über die Konsument*innen bis zum Recycling. Mit einer Blockchain wird ein Produktpass erstellt, aus dem hervorgeht, wie nachhaltig ein Kleidungsstück ist.

Transparenz, Bürokratieabbau, Korruptionsbekämpfung: Was die Blockchain leisten könnte

Blockchain hat ein großes Potenzial, nicht nur im Finanzsektor – zum Beispiel Bürokratien abbauen, Transparenz in Lieferketten bringen und Korruption bekämpfen.

Blockchain – Großer Hype oder die nächste digital-soziale Revolution?

Die Blockchain-Technologie steckt noch in den Kinderschuhen und es gibt einige Herausforderungen zu bewältigen. Als sinnvolles Tool hat sie sich vielerorts dennoch schon bewiesen.

Interview: MineSpider will mit Hilfe der Blockchain Konfliktmineralien aus Lieferketten verbannen

Ein Berliner Startup nutzt verteilte Datenbanksysteme, um ein komplexes Problem anzugehen: die Nachverfolgung der Mineralien, die in unseren smarten Geräten verbaut werden.

provenance-blockchain-thunfisch
© Provenance
Provenance: Eine Blockchain für transparente Lieferketten

Das Startup Provenance möchte einen Blockchain-Mechanismus etablieren, der es Produzenten, NGOs, weiterverarbeitenden Unternehmen und Händlern ermöglicht, gemeinsam die Lieferkette transparent und eindeutig zu dokumentieren.

Zero Waste Fashion – das Slow Food der Textilbranche

Weihnachten, Silvester, Geburtstag – jeder Anlass schreit nach einem neuen Fummel. 72 Milliarden geben die Deutschen jährlich für Bekleidung aus. Doch in der Ökobilanz fordert die Fast Fashion Industrie einen hohen Preis. Zero Waste setzt zum Gegenschlag an.