Die 15-Minuten-Stadt: In der nachhaltigen Stadt der Zukunft ist alles um die Ecke

Wie können wir digitale Technologien nutzen, um nachhaltigere und besser zugängliche städtische Räume zu schaffen? Vielleicht sind 15-Minuten-Städte die Antwort.

Autor Laura Preising:

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut, 25.04.23

Wenn alles, was du zum täglichen Leben brauchst, direkt um die Ecke liegt, kann das ziemlich bequem sein. Fallen lange Weg weg, spart das viel Zeit. Und wenn für die wenigen Meter zum Supermarkt, Arzt oder Büro kein Auto bewegt werden muss, dann gehen auch die verkehrsbedingten CO2-Emissionen runter. Genau das sind einige der Grundideen der 15-Minuten-Stadt. Der Ansatz, der erstmals von Carlos Moreno von der Pariser Universität Pantheon Sorbonne vorgestellt wurde, stellt die Zeit, die Menschen zu den verschiedenen Knotenpunkten benötigen, bei der Stadtplanung in den Vordergrund. Nur so könnten menschliche Aspekte wie Sozialisierung, Selbstverwirklichung, kulturelle Bedürfnisse und Gesundheit entsprechend berücksichtigt werden, so Moreno. Daher müssten städtische Einrichtungen und Infrastrukturen so platziert werden, dass sie für alle Bewohner*innen eines bestimmten Quartiers bequem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sind – eben innerhalb von höchstens 15 Minuten.

Aus Nachhaltigkeitsperspektive entscheidend ist, dass so weniger Pkws für die Fortbewegung in der Stadt benötigt werden und Platz für Geh- und Radwege frei wird. Das Konzept der 15-Minuten-Stadt ist damit ein weitreichender Paradigmenwechsel, denn in den Stadtplanungsmodellen der letzten Jahrzehnte – und leider auch noch heute – hat ein flüssiger Verkehr oberste Priorität. Das Ergebnis kennen wir alle: Mit Pkws verstopfte Straßen, eine in den meisten Städten noch immer schlechte Infrastruktur für Fußgänger*innen und Radfahrer*innen und hohe CO2-Emissionen. Von einer echten Mobilitätswende sind damit noch weit entfernt.

Die Vorteile der 15-Minuten-Stadt für Klima und Lebensqualität liegen daher auf der Hand – und in Städten wie Barcelona und Wien wird bereits daran gearbeitet, das neuartige Stadtkonzept umzusetzen.

Das Superblock-Konzept in Barcelona

Das Superblock-Konzept aus Barcelona ist das meist zitierte Beispiel, wie die 15-Minuten-Stadt Realität werden könnte. Innerhalb ausgewählter Stadtblöcke werden in der spanischen Stadt im Rahmen des Konzepts ein Drittel der Straßen in fußgängerorientierte, verkehrsberuhigte Bereiche mit zusätzlichen Grünflächen sowie Raum für soziale Interaktion, Spiel und Freizeit umgewandelt. Durch die Neuaufteilung des Straßenraums will die Stadt die Lebensqualität ihren Bewohner*innen erhöhen und gleichzeitig den Weg zu einer klimaangepassten, gesunden und widerstandsfähigen Stadt ebnen.

Im österreichischen Projekt TuneOurBlock geht es vor allem darum, praktische Schritte für die internationale Umsetzung des Superblock-Konzepts zu entwickelt. Dazu wird erforscht, wie neue Strategien für die Einbeziehung verschiedener Interessengruppen und konkrete Schritte für die Umsetzung aussehen, die dann in ganz Europa getestet und validiert werden sollen.

Digitale Werkzeuge als Teil des Konzepts

Obwohl die Digitalisierung ursprünglich nicht zu den Kernprinzipien der 15-Minuten-Stadt gehörte, können Smart-City-Technologien eine wichtige Rolle bei der Planung und Umsetzung spielen.

Tools wie Ride-Sharing-Apps und Bike-Sharing-Dienste zum Beispiel erleichtern als Teil neuer Mobilitätskonzepte die Zugänglichkeit zu verschiedenen Teilen der Stadt. Und Dienste wie das Cargobike-Sharing können dazu beitragen, dass auch Transporte über mittelgroße Entfernungen in 15 Minuten mit dem Fahrrad möglich sind.

Gleichzeitig können Technologien wie das Internet der Dinge und geografische Informationssysteme (GIS) Planer*innen Zugang zu Echtzeitinformationen bieten. Die von diesen Technologien gesammelten und zum Beispiel mit Techniken des maschinellen Lernens verarbeiteten Daten können neue Muster zum Verständnis der Merkmale städtischer Strukturen aufdecken. Außerdem könnte damit auch und eine aktivere Beteiligung der Bürger*innen an der Planung und Entscheidungsfindung gefördert werden.

Geografische Informationssysteme sind ein wichtiges Element der nachhaltigen Stadtplanung

Ein geografisches Informationssystem (GIS) ist ein Werkzeug, das verschiedene Arten von Daten erstellen, verwalten, analysieren und kartieren kann. GIS verbindet Standortdaten (die Orte, an denen sich Dinge befinden) mit verschiedenen beschreibenden Informationen (wie die Dinge an diesen Orten sind) und schafft damit eine Grundlage für die Kartierung und Analyse städtischer Gebiete und der vorhandenen Infrastrukturen.

Schon heute sind geografische Informationssysteme ein wichtiges Element der nachhaltigen Stadtplanung – und können auch bei der Umsetzung von 15-Minuten-Städten helfen. Stadtplaner*innen und Entscheidungsträger*innen können diese Informationen zum Beispiel dafür nutzen, um die Erreichbarkeit von Dienstleistungen in der Nachbarschaft zu bewerten und die Stadtplanung entsprechend anzupassen.

Allerdings kann es für die Akteur*innen im Bereich Mobilität und Verkehr herausfordernd sein, den nachhaltigen Mobilitätsangebote eines Ortes zu bestimmen und Verbesserungsbereiche zu ermitteln. Ein Beispiel: Will ich Daten über die Infrastruktur für Fußgänger*innen oder Radfahren*innen in einem bestimmten Gebiet finden, gibt es in den seltensten Fällen eine einzelne Datenbank, die diese sammelt, sondern ich muss diese Informationen aus den verschiedensten Quellen – Ämtern, privaten Unternehmen sowie Open-Data-Quellen – zusammentragen. Ähnlich ist es mit Informationen über die Qualität der öffentlichen Verkehrsmittel oder überregional verfügbare Dienste für Mitfahrgelegenheiten. Dazu kommt: Auch wenn ich die für mich wesentlichen Informationen gesammelt habe, heißt das nicht unbedingt, dass die Daten einheitlich und dadurch vergleichbar sind.

Mobilitätswende – Smart in Richtung Klimaneutralität

Autonome Fahrzeuge, E-Mobility, intelligente Verkehrsplanung, multimodal durch die Stadt – wie sieht die Mobilität von morgen aus? Wir stellen nachhaltig-digitale Lösungen für eine klimaneutrale Fortbewegung und Logistik vor und diskutieren neue Herausforderungen der „digitalen“ Mobilität: Mobilitätswende – Smart in Richtung Klimaneutralität

Das Projekt NaMix des DLR-Instituts für Verkehrsforschung zielt daher darauf ab, einen standardisierten Index für nachhaltige Mobilität an verschiedenen Orten zu erstellen, indem vorhandene Daten und frühere Analysen verknüpft werden. Dabei werden Faktoren wie „Bikeability“, also die Fahrradfreundlichkeit eines Viertels, die Fahrzeit zum Stadtzentrum oder die Anzahl der nahe gelegenen Supermärkte berücksichtigt. Zu jedem Standort soll so eine Punktzahl bzw. die Zuordnung zu den Kategorien von A bis G (wie bei Energiebewertungen) ermittelt werden. Diese Bewertung soll dann Städte und Kommunen dabei unterstützen, Angebote und Maßnahmen für eine sozial gerechte, umweltschonende Mobilität zu planen.

Kartierungs- und Planungswerkzeuge

Ein weiteres Planungswerkzeug, dass die Umsetzung von 15-Minuten-Städten unterstützen könnte, ist GOAT. Bereits seit 2017 arbeitet eine aktive Community an dem Open-Source-Projekt, das Erreichbarkeitsanalysen mit verschiedenen Verkehrsmitteln erstellt. Mit dem Planungswerkzeug GOAT 3.0 soll es dann möglich sein zu analysieren, wie gut bestimmte Orte mit dem öffentlichen Nahverkehr, dem Auto oder für On-Demand-Verkehr erreichbar sind und ob intermodale Wegeketten – also die nahtlose Verknüpfung von zum Beispiel Rad, Auto und Bahn – möglich sind. Außerdem sollen verschiedene Indikatoren entwickelt werden, beispielsweise ein 15-Minuten-Stadt-Indikator und Analyseoptionen für die Planung von Grün- und Freiräumen.

Die Analysen werden über eine einfach zu bedienende Weboberfläche auf verschiedenen räumlichen Ebenen und zu verschiedenen Zielen – zum Beispiel Bildungseinrichtungen, Grünflächen zur Erholung – integriert. Nach dem Abschluss des Projekts, das im Rahmen der mFUND Förderlinie gefördert wird, soll ein vollumfängliches und interaktives Erreichbarkeits-Instrument vorliegen, über dessen einfache Nutzeroberfläche effizient und effektiv Mobilität und Räume von Morgen geplant, entworfen und bewertet werden können.

15-Minuten-Lieferungen: Fluch oder Segen?

Keine Zeit zum Einkaufen oder der nächste Laden ist zu weit weg? Dann kommt der Einkauf eben zu dir! Mit dieser Idee haben neue Lieferdienste, die in 10 bis 15 Minuten Lebensmittel an die Haustür bringen, in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt. Die Dienste zielen darauf ab, den Zugang zu Lebensmitteln zu erleichtern. Allerdings werden sie wohl kaum das städtische Miteinander bereichern, da sie reale Begegnungen erschweren und mit den lokalen Einkaufsmöglichkeiten konkurrieren. Unklar ist zudem, ob die Lieferdienste das Konzept der 15-Minuten-Stadt ergänzen oder beeinträchtigen.

Viele Städte versuchen bereits, die ultraschnellen Lieferdienste zu regulieren. Barcelona plant zum Beispiel, Lieferflotten mit niedrigem Schadstoffausstoss zu unterstützen und die Verteilerzentren auf innerstädtische Bereiche zu beschränken.

Herausforderungen und Beschränkungen

Neben GOAT 3.0 oder NAMix gibt es noch viele weitere datengestützte Smart-City-Ansätze, die bei der Planung und Umsetzung von 15-Minuten-Städten unterstützen können. Auch beispielsweise Digital-Twin-Ansätze könnten hilfreich sein, indem in einem digitalen Abbild der realen Umgebung verschiedene Maßnahmen und deren Auswirkung simuliert werden.

Für die Projekte selbst ist es wesentlich, dass Echtzeitdaten und andere Datenquellen von verschiedenen städtischen Strukturen leicht verfügbar sind, weshalb Projekten wie NAMix eine wichtige Basis stellen.

Allerdings werden viele der Projekte vor allem im Zusammenhang mit dem Datenschutz nicht immer unkritisch betrachtet, da sie ja darauf basieren, Daten zu sammeln, speichern, analysieren und verwalten. Die Bedenken werden dadurch verstärkt, dass oft gewinnorientierten, privaten Unternehmen der Umgang mit städtischen Daten überlassen wird. Eine Möglichkeit, diese Bedenken auszuräumen, ist es, die lokalen Behörden zu stärken und, wie im Projekt GOAT 3.0, mit Open-Data-Ansätzen zu arbeiten. Gleichzeitig gilt es auf stadtpolitischer Ebene, den Akteur*innen neuer digitaler Lösungen für die nachhaltige Stadt wichtige Daten zugänglich zu machen – ohne den Datenschutz zu vernachlässigen.

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Dieser Artikel gehört zum Dossier „Mobilitätswende – Smart in Richtung Klimaneutralität“. Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers zum Thema „Mission Klimaneutralität – Mit digitalen Lösungen die Transformation vorantreiben“ erstellen.

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