Der digitale Fußabdruck – unser Ressourcenverbrauch im Netz

Der WiFi-Tunnel - Sinnbild dafür, wie wenig wir über unseren digitalen Fußabdruck wissen?

Jede einzelne Suchanfrage, jedes gestreamte Lied oder Video und jede Art von Cloud-Computing, milliardenfach ausgeführt, überall auf der Welt, ist für einen global immer größer werdenden Strombedarf verantwortlich – und damit auch für steigende CO2-Emissionen. Das digitale Zeitalter stellt uns vor große Herausforderungen.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 14.08.19

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut:

Nichts geht mehr ohne digitale Tools und Dienstleistungen – oder kannst du dir noch ein Leben ohne Smartphone, Apps und Chats, ohne Wikipedia, Online-Banking, Routenplaner und eine riesige, immer und nahezu überall verfügbare Auswahl an Musik und Filmen vorstellen? Wahrscheinlich nicht, denn all dies erleichtert unseren Alltag enorm. Doch nicht nur aus dem privaten Bereich ist die Digitalisierung nicht mehr wegzudenken, auch in der Landwirtschaft und Industrie, bei der Energiewende und in Zukunftszenarien unserer Städte spielen digitale Technologien eine immer größere Rolle. Gleichzeitig bietet die Digitalisierung neue Lösungen für den Umwelt- und Klimaschutz und für mehr soziale Gerechtigkeit. Über diese zu berichten sehen wir als einen wichtigen Teil unserer Mission mit RESET.

Doch der Datenverkehr, so unmittelbar und entmaterialisiert er uns auch erscheinen mag, bedarf einer Infrastruktur aus Servern, Rechenzentren, jeder Menge Übertragungstechnologie und natürlich auch entsprechender Geräte. Damit führt unsere digitale Welt schweres Gepäck mit sich: einen stetig wachsenden Energieverbrauch, eine ausbeuterische und umweltschädliche Produktion der smarten Tools und am Ende ihres häufig viel zu kurzen Lebens große Mengen Elektroschrott. Kann die Digitalisierung so tatsächlich zu einer grüneren und gerechteren Welt beitragen oder feuert auch sie den Klimawandel nur weiter an?  

Mit diesem Hintergrundartikel nähern wir uns dem an, was sich hinter dem ökologischen und sozialen Fußabdruck der Digitalisierung verbirgt und welche Lösungsansätze schon jetzt bereitstehen, um diesen zu verkleinern.

Energieverbrauch der Digitalisierung

Die wenigsten machen sich bewusst, dass das Internet aus miteinander verbundenen physischen Strukturen besteht, die Unmengen an Ressourcen verbrauchen. Der Blick auf einige Zahlen zeigt jedoch genau das:

33 Millionen Tonnen CO2 jährlich – diese Emissionen verursacht nach Angaben des SWR alleine Deutschland durch den Betrieb des Internets und internetfähiger Geräte (Stand 2018). Das ist so viel, wie durch den gesamten innerdeutschen Flugverkehr entsteht. Doch wir sind nicht die einzigen, die intensiv auf das Energiekonto der Digitalisierung einzahlen: Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung online. Laut Report der Digital-Agentur We Are Social nutzten 2019 mehr als vier Milliarden Menschen das Internet – und sorgten mit Online-Aktivitäten wie Cloud-Computing, Streaming-Diensten und bargeldlosen Bezahlsystemen für einen stetig wachsenden Energiebedarf.

Die Non-Profit-Organisation The Shift Project (PDF) wertete knapp 170 internationale Studien zu den Umweltauswirkungen digitaler Technologien aus. Den Expert*innen zufolge hat sich deren Anteil an den globalen CO2-Emissionen zwischen 2013 und 2018 von 2,5 auf 3,7 Prozent erhöht. Damit hat die Nutzung digitaler Technologien global gesehen sogar die Luftfahrtindustrie in Sachen CO2-Ausstoß überholt. Deren Anteil lag Schätzungen zufolge bei rund 2,5 Prozent (Tendenz steigend). Von Studie zu Studie mögen diese Zahlen variieren, da der Energieverbrauch der Digitalisierung nur schwer zu fassen ist; einerseits, weil zu wenige Daten zugänglich sind, andererseits ändern sich diese durch technologische Fortschritte und sich verändernde Konsumgewohnheiten schnell und sind stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen (beispielsweise der Art der Stromerzeugung) abhängig. Forschende einer neuen Studie kritisieren zum Beispiel, dass die Zahlen des Shift Projects aus veralteten Daten errechnet worden seien. Die Kurzstudie „Klimaschutz durch digitale Technologien“ des Borderstep Instituts vergleicht verschiedene Studien und kommt zu dem Ergebnis, dass die durch die Herstellung, den Betrieb und die Entsorgung digitaler Endgeräte und Infrastrukturen verursachten Treibhausgas-Emissionen zwischen 1,8 und 3,2 Prozent der weltweiten Emissionen liegen (Stand 2020).

Auch wenn die Zahlen nicht eindeutig ermittelt werden können, ist klar: Der Stromverbrauch unserer digitalen Welt ist hoch, insbesondere, wenn man nicht nur die Nutzung, sondern auch die Herstellung unserer digitalen Tools mit einbezieht.

Wer sind die größten Energiefresser der digitalen Welt?

Oeko-Institut e.V. Die Zahlen zeigen nur eine Größenordnung Sie sind großzügig gerundet, denn eine Genauigkeit gibt es aktuell nicht.

Jens Gröger, Senior Researcher am Öko-Institut, schätzt die mit einer Suchanfrage verbundenen CO2-Emissionen auf 1,45 Gramm. Nutzen wir die Suchmaschine daher mit 50 Suchanfragen pro Tag, so verursacht dies rund 26 Kilogramm CO2 pro Jahr.

Das hört sich wenig an? Ja, einzeln betrachtet schon. Doch Google selbst beziffert in seinem Umweltbericht 2017 seinen CO2-Fußabdruck für das Jahr 2016 mit 2,9 Millionen Tonnen CO2e und seinen elektrischen Energieverbrauch mit 6,2 Terawattstunden (TWh).

Und Suchanfragen sind längst nicht der Kern des Problems: Einer der größten Stromfresser ist das Musik- und Video-Streaming. „Mehr als 75 Prozent des Datenverkehrs im deutschen Internet machen Videos aus“, so Ralph Hintemann, Forscher am Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. Und nach Berechnungen von The Shift Project sausen 80 Prozent aller Daten als Bewegtbild durchs Netz. Demzufolge haben Online-Videos am weltweiten Datentransfer einen Anteil von fast 60 Prozent. Das sind vor allem Videos, die ohne vorherigen Download online auf separaten Endgeräten angesehen und von Plattformen bereitgestellt werden. Und diese Übertragung von Bewegtbildern benötigt riesige Datenmengen. Der durchschnittliche CO2-Verbrauch durch solche Online-Videos liegt laut The Shift Project bei mehr als 300 Millionen Tonnen pro Jahr (Messzeitraum 2018). Ungefähr genau so viel emittiert ganz Spanien in einem Jahr.

Eine andere Analyse legt nahe, dass das Streaming eines Netflix-Videos im Jahr 2019 typischerweise 0,12-0,24 kWh Strom pro Stunde verbraucht hat, also etwa 25- bis 53-mal weniger als vom Shift-Projekt geschätzt. Ralph Hintemann betont, dass Videostreaming hohe Treibhausgasemissionen verursacht – wie hoch die Zahlen aber genau sind, wisse niemand. Konkrete Zahlen sind unter anderem schwer zu ermitteln, da die Ergebnisse stark von der Wahl des Gerätes, der Art der Netzwerkverbindung und der Auflösung abhängen.
 Am allermeisten Strom werde bei einer Mobilfunkübertragung verbraucht, da Freiraumdämpfung, Gebäude, Vegetation und Witterung die elektromagnetischen Wellen schwächen und zu Verlusten führen. Deshalb sei eine hohe Sendeleistung nötig. Aber auch bei alten Kupferkabeln müsse man das Signal verstärken, insbesondere über lange Distanzen. Die eindeutig effizienteste Übertragungstechnik stellen Glasfaserkabel dar, die die Signale per Licht weiterleiten. Angetrieben durch den aktuellen weltweiten durchschnittlichen Strommix würde das Streaming einer 30-minütigen Sendung auf Netflix 28-57 Gramm CO2 freisetzen. Dies ist etwa 27- bis 57-mal weniger als die 1,6 kg aus dem Shift-Projekt. Ralph Hintemann hat mit seiner Forschungsgruppe berechnet, dass eine Stunde Video-Streaming in Full-HD-Auflösung etwa 220 bis 370 Wattstunden elektrische Energie benötigt, je nachdem ob über Tablet oder Fernseher gestreamt wird. Das ergibt rund 100 bis 175 Gramm Kohlendioxid und wäre in etwa so viel, wie wenn wir einen Kilometer mit einem kleinen Auto fahren.

Auch das Musikstreaming schneidet ziemlich schlecht ab: Eine neue Studie der Universitäten von Glasgow und Oslo zeigt, dass Musikstreamingdienste etwa 200 bis 350 Millionen Kilogramm Treibhausgas-Emissionen in den Jahren 2015 und 2016 verursacht haben. Damit ist die Nutzung von Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music durch vergleichsweise hohe CO2-Emissionen in vielen Fällen klimaschädlicher als die Produktion und Entsorgung von CDs oder Schallplatten.

Ein weiterer großer Stromfresser ist das Cloud-Computing. Bei dieser Art der Datenspeicherung und des -transfers werden Daten nicht mehr lokal auf einem Computer oder Smartphone gespeichert, sondern auf Servern, die an jedwedem Ort weltweit stehen können. So kann immer und überall auf diese Daten zugegriffen werden.

Auch die meisten Kryptowährungen verschlingen große Mengen Energie. Ein Beispiel hierfür ist Bitcoin, die wohl bekannteste digitale Währung, die über eine Blockchain verwaltet wird und durch Mining entsteht. Hierbei lösen Computer komplizierte mathematische kryptographische Rätsel. Dafür bedarf es großer Rechenleistungen – und damit auch enorm viel Strom. Dies gilt auch für Überweisungen in dieser Währung. Nach Berechnungen des Bitcoin Energy Consumption Index (2018) verbraucht eine einzige Bitcoin-Transaktion rund 819 kWh. Ein Kühlschrank mit 150 Watt könnte damit etwa acht Monate lang betrieben werden. Und die TU München hat in einer Studie 2018 ermittelt, dass das gesamte Bitcoin-System rund 22 Megatonnen Kohlendioxid pro Jahr verursacht. Das entspricht dem CO2-Fußabdruck von Städten wie Hamburg, Wien oder Las Vegas.

Doch nicht nur die Bitcoin-Blockchain ist energieintensiv. Auch andere Blockchains und Distributed Ledger Technologies (DLTs) sind aus ökologischer Sicht kritisch zu betrachten. In dem RESET-Spezial Blockchain und nachhaltige Entwicklung – wie passt das zusammen? geben wir einen Überblick.

Unseren digitalen Energieverbrauch bestimmt nicht nur, was wir tun. Auch die Software, die wir nutzen, hat einen großen Einfluss. Ein weniger effizientes Textverarbeitungsprogramm benötigt zum Beispiel viermal so viel Energie für die Bearbeitung des gleichen Dokuments wie ein effizientes. Gleichzeitig führen Software-Updates oft dazu, dass Computer oder Smartphones langsamer werden oder gar nicht mehr funktionieren – die Konsument*innen sich dann gezwungenermaßen neue Hardware anschaffen.

Für einen weiter wachsenden Strombedarf der Digitalisierung wird mit Sicherheit auch die Zunahme an smarten Technologien sorgen, wie wir sie vermehrt zu Hause (Smart Home), im IoT-Bereich, in der Industrie (Industrie 4.0) oder in unseren Städten (Smart Cities) einsetzen.

Alle Wege führen zu Rechenzentren

Jede Suchmaschinenanfrage, jede E-Mail, jede noch so kleine Aktion, die online ausgeführt wird, wandert als Datenpaket durch Rechenzentren und deren Server. Daher lässt deren Stromverbrauch Rückschlüsse darauf zu, wie energiehungrig die Digitalisierung ist – allerdings nur theoretisch. Denn wie hoch aktuell der Energiebedarf aller Rechenzentren weltweit ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Verschiedene Berechnungen reichen von 200 bis 500 Milliarden Kilowattstunden. Und auch beim Blick in die Zukunft unterscheiden sich die Prognosen erheblich – für das Jahr 2030 werden Zahlen zwischen 200 Milliarden und 3.000 Milliarden Kilowattstunden vorhergesagt.

Warum liegen die Expertenmeinungen so weit auseinander? Das liegt zum einen daran, dass es für Rechenzentren bisher keine offiziellen Zahlen gibt, wie sie das Statistische Bundesamt oder Eurostat für andere Bereiche zur Verfügung stellt. Dazu kommt, dass viele Betreiber aus Sicherheits- und Wettbewerbsbedenken nur ungern Auskünfte über ihren Energieverbrauch geben. Den wirklichen Zahlen können sich Forschende daher nur über Umwege annähern, wie etwa über die Verkaufszahlen von Servern oder Abschätzungen aus Befragungen.

Für den Energiebedarf der Rechenzentren in Deutschland hat das Borderstep Institut relativ belastbare Zahlen veröffentlicht. Die Datengrundlage sind hier die Verkaufszahlen von IT-Hardware wie Server, Storage und Netzwerkkomponenten, zusätzlich werden Betreiber von Rechenzenten regelmäßig befragt. Im Jahr 2017 belief sich der Energiebedarf aller Rechenzentren hierzulande demnach auf rund 13 Milliarden Kilowattstunden. Im Vergleich zu 2010 benötigten die Rechenzentren in Deutschland damit rund 25 Prozent mehr Strom.

Was macht Rechenzentren so energiehungrig?

An erster Stelle ist eine Menge Strom nötig, um die enormen Datenströme zu verarbeiten, die wir permanent über unsere Geräte aussenden und empfangen. Während der Datenverarbeitung entsteht zudem – eigentlich als Abfallprodukt – Wärme. Damit die Server dadurch nicht überhitzen, wird zusätzliche Energie für deren Lüftung und Kühlung benötigt. Im Schnitt ist das mechanische Kühlen für rund 25 Prozent des gesamten Stromverbrauchs eines Rechenzentrums verantwortlich. Und die Abwärme? Verpufft meistens ungenutzt.

Rechenzentren mit niedrigem Energie- und Ressourcenverbrauch – wie geht das?

Den Energieverbrauch von Rechenzentren herunterzufahren ist ein wichtiger Schritt, um die Digitalisierung nachhaltiger zu gestalten. Wesentliche Stellschrauben sind hier eine effiziente Kühlung, die intelligente Nutzung der Abwärme und der Einsatz von möglichst CO2-neutralem Strom.

Ein Rechenzentrum produziert das gesamte Jahr über Wärme. Diese sollte im Idealfall stetig abgenommen werden. Daher ist die Suche nach geeigneten Abnehmern eine große Herausforderung bei der Abwärmenutzung. Viele neuere Rechenzentren verwenden die Abwärme innerhalb des Rechenzentrums selbst. Um das Potenzial der Abwärme jedoch besser auszuschöpfen, muss umfassender gedacht werden. Vorreiter ist hier Schweden. Das skandinavische Land gilt aufgrund seines kühlen Klimas als idealer Standort für Rechenzenten, da dadurch weniger Strom für die Kühlung anfällt. Gleichzeitig setzt das Land bei seiner Energieversorgung auf Fernwärme. Das macht es leicht, die Abwärme der Rechenzentren systematisch zu nutzen, da sie leicht in das Fernwärmenetz eingespeist werden kann und so die angeschlossenen Wohnungen erwärmt. Das Rechenzentrum Elementica ist das neueste Beispiel. Voll ausgebaut soll das Rechenzentrum pro Jahr bis zu 112 Gigawattstunden Wärme zurückgewinnen und damit den Wärmebedarf einer Stadt mit 20.000 Einwohnern decken.

Serverwärme für Wohnungen, Schwimmbäder und Gewächshäuser

Natürlich ist es auch denkbar, die überschüssige Wärme nicht nur in Nah- und Fernwärmenetze einzuspeisen, sondern auch Gebäude wie Schwimmbäder, Wäschereien oder Gewächshäuser, die permanent Wärme benötigen, damit zu versorgen. Erste Beispiele gibt es auch bereits. In Paris wird ein Schwimmbad mit Wärme der Server des Animationsstudios nebenan beliefert. Und das irische Unternehmen Ecologic Datacentres plant aktuell ein Rechenzentrum, das die Abwärme über die Wasserkühlung für den Gemüseanbau in Gewächshäusern nutzbar macht.

Doch solche Projekte sind meistens nur dann realisierbar, wenn IT-Dienstleister, Energieversorger und Stadtplaner zusammenarbeiten und zum Beispiel IT-Dienstleister gezielt angesiedelt und an das Wärmenetz angeschlossen werden. In Deutschland geschieht das bisher selten.

Gleichzeitig gibt es eine Reihe an Initiativen und Unternehmen, die sich aufgemacht haben, neue Lösungen für die nachhaltige Nutzung der Abwärme zu entwickeln:

  • Im Rahmen des EU-Förderprojekt ReUseHeat des Forschungs- und Innovationsprogramms Horizon 2020 wird an innovativen Lösungen für die Abwärmerückgewinnung gearbeitet. Hierbei sollen sich neun europäische Länder über die nächsten vier Jahre zusammenschließen, um an verschiedenen Standorten in Europa Abwärme nutzbar zu machen.
  • Das Dresdner Startup Cloud & Heat will eines der ersten dezentralen Rechenzentren Deutschlands betreiben, das gleichzeitig Warmwasser produziert. Mit einem Serverschrank, der Wasser erhitzen kann, macht das Dresdner Startup dabei die entstehende Abwärme direkt vor Ort sinnvoll als Heizwärme nutzbar.

Neue Lösungen für die Datenverarbeitung mit grünem Strom

Neben der Abwärmenutzung ist die Versorgung mit weitgehend regenerativ erzeugtem Strom unerlässlich, um Rechenzentren umweltfreundlicher oder sogar klimaneutral zu betreiben, denn Strom aus fossilen Energieträgern hat einen erheblich höheren CO2-Ausstoß. Im deutschen Strommix ist das Angebot an Strom aus Wasserkraft oder Biomasse allerdings begrenzt. Damit gewinnen intelligente Lösungen mit selbst erzeugtem Wind-und Sonnenstrom in Rechenzentren zunehmend an Bedeutung.

  • Das 2018 in Nordfriesland gegründete Unternehmen Windcloud betreibt sein eigenes Rechenzentrum auf dem GreenTEC Campus in Enge-Sande. Für seine Cloud- und Colocation-Services verwendet Windcloud ausschließlich Strom aus lokaler Wind- und Solarenergie
  • Einen anderen Ansatz hat Hostsharing e.G. Der Webhoster ist als Genossenschaft organisiert und setzt auf ressourcenschonendes Webhosting mit genossenschaftlicher Energie und die Nutzung und Unterstützung von Open-Source-Software. Zudem ist die Lieferkette nach ökologischen und sozialen Kriterien optimiert.

Die beiden Beispiele zeigen, dass es möglich ist, mit ausschließlich grünem Strom die Datenverarbeitung zu speisen. Und sie weisen den Weg in eine nachhaltige Digitalisierung.

Auch bei RESET.org verwenden wir einen grünen Webhosting-Dienstleister und Rechenzentrenbetreiber. Hetzner Online verwendet für die Energieversorgung der Server in den Datacenter-Parks Strom aus regenerativen Quellen.

Doch sowohl für die Nutzung der Abwärme als auch für den Einsatz erneuerbarer Energien gilt: Damit alle Rechenzentren mitziehen, ist ein Umdenken in den energiepolitischen Regulierungen unerlässlich. Aktuell bieten diese in Deutschland wenig Anreize für Betreiber von Rechenzentren, die Abwärme nicht ungenutzt verpuffen zu lassen und grünen Strom zu beziehen. 

Ökologischer und sozialer Fußabdruck unserer smarten Geräte

Auch wenn im Silicon Valley bereits an Chips gearbeitet wird, die, einmal unter die Haut gepflanzt, den Zugang zur digitalen Welt ermöglichen sollen: Im Jahr 2019 können wir an den globalen Datenströmen nur dann teilnehmen, wenn wir mit den entsprechenden Tools wie Smartphones, Tablets, Computern und anderen smarten Gadgets ausgerüstet sind – und das sind nicht wenige. Dabei verursacht die Herstellung digitaler Endgeräte erhebliche Treibhausgasemissionen. Die Emissionen entstehen insbesondere durch Prozesschemikalien zur Rohstoffgewinnung und Verarbeitung sowie durch den Energieaufwand zur Halbleiterfertigung. So werden bei der Herstellung eines Laptops rund 250 Kilogramm CO2 ausgestoßen, ein Smartphone oder ein digitaler Sprachassistent (Alexa und Co.) schlagen bei der Produktion schätzungsweise mit jeweils rund 100 Kilogramm zu Buche.

Zudem ist unser Konsum an Elektrogeräten für den am schnellsten wachsenden Anteil am weltweiten Müllberg verantwortlich. Laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind im Jahr 2018 weltweit schätzungsweise 50 Millionen Tonnen Elektroschrott angefallen. Deutschland trägt dazu jedes Jahr etwa 1,7 Millionen Tonnen bei – Tendenz steigend.

Die Folgen für Mensch und Umwelt sind fatal. Mehr als die Hälfte dieses riesigen Müllbergs wird kostengünstig in Länder des globalen Südens verschifft. Dort werden die wertvollen Rohstoffe unter oft inhumanen Arbeitsbedingungen und erheblichen Umweltbelastungen rückgewonnen, die Arbeiter*innen sind dabei enormen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Gleichzeitig stammen die mineralischen Rohstoffe, die in unseren smarten Geräten verbaut sind, zu einem Großteil aus Ländern, in denen oft nicht nur Arbeitsrechte, sondern auch Umweltstandards missachtet werden. Gleiches gilt für den gesamten Herstellungsprozess.

Es gibt jedoch eine wachsende Anzahl an Unternehmen und Initiativen, die sich mit nachhaltigen Materialien, schlauen Recycling-Methoden und einem bewussten Einsatz von Rohstoffen von einer linearen Wirtschaft abgrenzen, um den Wandel zu einer ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft zu unterstützen und für faire Arbeitsbedingungen einzutreten.

Positive Beispiele sind in diesem Bereich noch immer rar, von Siegeln und politischem Bestreben keine Spur. Einige Öko-Pioniere gibt es dennoch: Fairphone und Shiftphone haben sich aufgemacht zu zeigen, dass ein verbraucher- und umweltfreundliches Design durchaus möglich ist, indem die Smartphones modular aufgebaut und einfach zu reparieren sind. Gleichzeitig achten die Unternehmen auf faire Löhne und Arbeitsbedingungen, verzichten auf Kinderarbeit und setzen auf eine ressourcenschonende Produktion. Dem Thema Computermäuse hat sich NagerIT verschrieben. Mit deren fairer Produktion will der Verein die Entwicklung von fairer IT vorantreiben.

Das Berliner Startup MineSpider zieht das Thema von einer anderen Seite auf: Mit Hilfe einer Blockchain will MineSpider verantwortungsvoll geförderte Mineralien und Rohstoffe, die in unseren Handys und Laptops landen, entlang der Lieferkette nachvollziehbar machen.

Monopolisierung und Plattform-Kapitalismus

Während 2007 noch 50 Prozent des Datenverkehrs im Internet von über tausend Webseiten generiert wurden, waren es 2014 gerade einmal 35 Webseiten (Warum brauchen wir Vielfalt?/ Bits & Bäume, S. 86). Und unter den 500 meistbesuchten Websites weltweit ist Wikipedia tatsächlich die einzige, die nicht kommerziell betrieben wird. Damit ist es auch nicht verwunderlich, dass sechs der zehn größten Unternehmen der Welt inzwischen aus der digitalen Wirtschaft kommen: Apple, Alphabet (Google-Mutter), Microsoft, Amazon, Facebook und der chinesische Konzern Tencent. Das ist eine überschaubare Anzahl weniger, mächtiger und gesamtwirtschaftlich führender Weltkonzerne.

Aus sozial-ökologischer Perspektive ist diese Monopolisierung und die damit zunehmende Abhängigkeit von einzelnen großen Plattformunternehmen kritisch zu sehen. Zudem legen aktuelle Studien den Schluss nahe, dass digitale Plattformen mit ihrer On-Demand-Kultur und personalisierter Online-Werbung den Massenkonsum ankurbeln und den Ressourcenverbrauch durch Verpackungsmüll und Paketlieferungen sogar zusätzlich steigern.

Die Personalisierung von Werbung und Angeboten, die durch On- und Offlinetracking sowie Big-Data Auswertungen gewonnen wird, beinhaltet neben der Ausweitung des weltweiten E-Commerce noch einen anderen kritischen Aspekt: den Eingriff in die Privatsphäre durch kommerzielle Überwachung. Doch die Digitalisierung kann nur dann nachhaltig sein, wenn sie nicht nur ökologische Aspekte berücksichtigt, sondern auch zur sozialen und ökonomischen Gerechtigkeit beiträgt.

Doch es geht auch anders, wie zivilgesellschaftliche Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung zeigen. Auch wenn sie der Reichweite kommerzieller Plattformen nicht gleichkommen, so gibt es doch einige Plattformen, bei denen nicht der Profit, sondern sozial-ökologische Werte im Vordergrund stehen. Ein Beispiel hierfür ist die Plattform Fairbnb, welche eine faire Alternative zu Airbnb bieten will. Die Plattform wurde von Nachbar*innen und Nutzer*innen als Kooperative gegründet, nicht als Unternehmen. Ein ähnliches Beispiel ist die oben erwähnte Hostsharing eG.

Dass ein anderer Umgang mit sensiblen Daten möglich ist, zeigt die Free- und Open-Source -(FLOSS)-Bewegung. Sie fokussiert auf freie und offene Eigentumsformen, Transparenz und Nutzungsrechte von jeglicher Art von Software.

Digitalisierung – Fluch oder Segen für eine nachhaltige Zukunft?

Es ist schwer abzuschätzen, ob aktuell der Schaden oder Nutzen der Digitalisierung im Bezug auf soziale und ökologische Belange überwiegt. Einerseits kann die Digitalisierung selbst einen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten, indem sie zum Beispiel alternative Formen des gemeinsamen Konsumierens hervorbringt (Sharing-Ansätze), neuartige Produktionsverfahren ermöglicht (3D-Druck) und so den Ressourcenverbrauch senkt oder durch eine schlaue Vernetzung die Energiewende erst ermöglicht. Außerdem können digitale Plattformen und Apps einen ressourcenarmen und damit umweltfreundlicheren Konsum und Lebensstil fördern, indem beispielsweise Informationen über nachhaltige Verhaltensweisen oder Sharing-Optionen leicht zugänglich sind. Dazu kommt, dass auch neue Technologien wie Sensoren und Satelliten dabei helfen, Umweltzerstörungen besser sichtbar zu machen, um so zielgerichtet handeln zu können.

Doch wie in diesem Artikel dargestellt, kommt die Digitalisierung mit einem ökologisch und sozial sehr kritisch zu beurteilenden Fußabdruck daher, denn sie ist, in ihrer aktuellen Form, energiehungrig und ressourcenintensiv. Eine nachhaltige Digitalisierung erreichen wir also nur dann, wenn wir lernen, digitale Tools und Services an den richtigen Stellen maßvoll einzusetzen. Und es gilt, auf die Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus zu achten, weiter am Energiebedarf und den Energiequellen zu schrauben und uns öfter nach Alternativen zu den Big Playern unserer digitalisierten Welt umzuschauen. Ebenso wichtig für eine nachhaltige Digitalisierung ist es, effizientere IT-Produkte zu entwickeln und kenntlich zu machen.

Für eine wirklich nachhaltige Digitalisierung, die ökologische und soziale Kriterien entlang der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigen und sich komplett aus erneuerbaren Energien speist, braucht es ein entschlossenes Handeln auf politischer Ebene. Die Digitalagenda des BMU, die einige der oben genannten Aspekte in seinen mehr als 70 Maßnahmen aufgreift, ist immerhin ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung…

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Quellen und Links

Autorinnen: Sheena Stolz und Sarah-Indra Jungblut/ RESET-Redaktion (August 2019)

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