Mit der Abluft aus Restaurants heizen und kühlen?

Das schwedische Startup Enjay hat ein System entwickelt, mit dem man die Wärmeenergie aus verdreckter Abluft speichern und wiederverwenden kann.

Autor Lydia Skrabania, 07.06.19

Übersetzung Lydia Skrabania:

Die beiden Schweden Nils Lekeberg and Jesper Wirén, beide seit 25 Jahren in der Entlüftungsbranche tätig, waren über die Jahre immer wieder mit einem Problem konfrontiert: die in diesem Bereich stattfindende ständige Energieverschwendung. Denn für gewöhnlich wird die in Restaurants erzeugte Wärme einfach durch die Abluft in die Umwelt freigesetzt und nicht weitergenutzt. Auf der anderen Seite ist der weltweite Energieverbrauch durch Klimaanlagen und Heizungen enorm. Warum nicht beides verbinden?

Die beiden Schweden nahmen das Ganze selbst in die Hand und gründeten 2015 das Startup Enjay. Hier entwickelten sie den – nach eigenen Angaben – weltweit ersten Energierückgewinnungsventilator für den Einsatz in der Gastronomie.

Wie funktioniert’s?

Abluft aus Restaurants ist oft stark verdreckt, die darin enthaltenen  Fett- und Rußpartikel setzen sich oft an Geräten fest und beschädigen diese. Wie Nils Lekeberg gegenüber RESET erklärte, entwickelte Enjay ein dreistufiges System, um dieses Problem zu lösen: ein besonderes Batteriedesign, ein automatisches Selbstreinigungssystem und der anschließende Abtransport des angefallenen Fetts. 

Zur Energierückgewinnung setzt das schwedische Unternehmen eine Batterie ein, die im Inneren aus hunderten von parallelen Spuren besteht. Wenn die Abluft diese Batterie passiert, kann die Energie aus dem Luftstrom mittels der Spulen gespeichert werden. Der Innenraum der Battierie hat ein besonderes Design, das es den meisten Fettpartikeln ermöglicht, dem Luftstrom leicht zu folgen und so die Batterie zu passieren, ohne mit einer Metalloberfläche zu kollidieren und daran haften zu bleiben.

© Enjay Das Innere des Lepido-Systems

Die wenigen Fettpartikel, die dennoch an den Spulen anhaften, können dann von dem Selbstreinigungssystem entfernt werden, das einmal am Tag aktiv wird. Dabei sind laut Lekeberg weder Chemikalien noch der Einsatz körperlicher Arbeit nötig, sondern es werden die „Kräfte der physikalischen Gesetze“ genutzt. Bei dem vollautomatischen Reinigungsvorgang werden die Metalloberflächen in einer sorgfältig von der Steueranlage überwachten Reihenfolge abwechselnd stark erwärmt und gekühlt. Dabei verlieren die Fett- und Rußpartikel ihre Haftung an den Metalloberflächen und fallen auf den Boden des Batteriekastens. Im dritten Schritt wird das Fett über ein an die Kanalisation angeschlossenes Rohrsystem abtransportiert. Der Reinigungsprozess endet damit, dass die Temperatur des Fetts so verändert wird, dass es sich verfestigt und nicht mehr klebrig ist. Anschließend wird es zusammen mit Kondenswasser über die Kanalisation bis zum Fettabscheider transportiert.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Die mit dem Lepido-System zurückgewonnene Wärmeenergie kann über eine Heizpumpe im gesamten Gebäude wiederverwendet werden, für Heizung, Klimatisierung, Warmwasser oder Lüftung. Nach Unternehmensangaben kann das System mit wenig Aufwand in sämtliche bestehende Lüftungskanäle eingebaut werden.

Restaurant- und Immobilienbesitzer könnten mit der Technologie künftig nicht nur Geld sparen, sondern auch ihre CO2-Emissionen deutlich verringern. Laut Enjay wären beispielsweise in einem Burger-Restaurant Einsparungen bis zu 123.000 kWh möglich. In einem Hotelkomplex mit mehrere Restaurants könnten sogar mehr als 500.000 kWh eingespart werden.

Die Idee, die in Gebäuden anfallende Energie zu nutzen, statt sie zu verschwenden, ist nicht neu. So macht zum Beispiel das macht das Dresdner Startup Cloud&Heat die Abwärme aus Servern nutzbar, um Wasser zu erwärmen und so zugleich die Server zu kühlen. Und das dänische Öko-Startup Refarmed hat ein gebäudeintegriertes Landwirtschaftsprojekt in Kopenhagen entwickelt, bei dem sämtliche „Abfälle“ des Gebäudes weitergenutzt werden und zu einer schonenden Lebensmittelproduktion beitragen.

Redaktionelle Mitarbeit: Sheena Stolz

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