Die Ozeane sind für unseren Planeten lebensnotwendig und stehen gleichzeitig unter wachsendem Druck. Die internationale Gemeinschaft hat sich daher 2022 auf der UN-Biodiversitätskonferenz zum Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 30 Prozent aller Meere unter Schutz zu stellen. Das UN-Hochseeschutzabkommen, das am 17. Januar 2026 in Kraft trat, ist ein zentrales Instrument auf dem Weg dahin: Es schafft erstmals einen verbindlichen rechtlichen Rahmen zum Schutz der Hochsee. Das umfasst jene Meeresgebiete, die außerhalb nationaler Gewässer liegen, etwa zwei Drittel der Weltmeere ausmachen und bislang weitgehend unreguliert waren. Bis konkrete Maßnahmen beschlossen werden, dürfte jedoch noch Zeit vergehen. Die erste Vertragsstaatenkonferenz wird zwischen August 2026 und Januar 2027 erwartet; Deutschland befindet sich derzeit in der Ratifizierung des Abkommens.
Die gute Nachricht: Es stehen bereits Lösungen bereit, die die Umsetzung des Abkommens effizient unterstützen können. Eine davon ist die digitale Plattform eOceans, die Umweltdaten sammelt, analysiert und so aufbereitet, dass Entscheidungen im Meeresschutz schneller und fundierter getroffen werden können. Im Interview berichtet Gründerin Dr. Chris Ward-Paige über das Tool, seine Funktionsweise und was aus Sicht der Meeresforscherin für einen effektiven Schutz der Meere nötig ist.
Warum Daten allein nicht reichen
Ein Projekt, drei Jahre Arbeit, 700.000 Dollar – und am Ende stand die Erkenntnis, dass die untersuchten Schutzmaßnahmen für Kabeljau-Bestände seit zehn Jahren nicht funktionierten. Für die Meeresforscherin Ward-Paige war das einer der Momente, in denen ihr klar wurde: So kann es im Meeresschutz nicht weitergehen. “Entscheidungen über die Meere umfassen eine Vielzahl von Dimensionen – Bedrohungen, Lebensgrundlagen, sozioökonomische Werte – und müssen schnell getroffen werden, um mit den Veränderungen der Ozeane Schritt zu halten“, erläutert die Forscherin gegenüber RESET.
Der Kabeljau-Schutz war kein Einzelfall. Das eigentliche Problem war struktureller Natur – und lag nicht am Mangel an Daten, sondern an ihrer Fragmentierung. Regierungsbehörden, Forschungseinrichtungen, NGOs und Industrieakteure arbeiteten weitgehend isoliert voneinander. „Daten werden mit unterschiedlichen Methoden erhoben, in verschiedenen Formaten gespeichert und sind über viele Organisationen verteilt. Lachse, Wale, Schildkröten, invasive Arten, Hummer, Aale, Fischerei, Offshore-Energie, Aquakultur und Transportprojekte haben alle separate Arbeitsabläufe und Datensätze. Diese Fragmentierung verlangsamt die Umwandlung von Beobachtungen in verwertbare Erkenntnisse“, erklärt Ward-Paige.
Datenintegration als Schlüssel für besseren Meeresschutz
Für einen effektiven Schutz der Meere braucht es laut der Forscherin jedoch Datenintegration, gemeinsame Standards und interdisziplinäre Zusammenarbeit: „Ein ganzheitliches Bild, gepaart mit interoperablen Daten und transparenter Governance, ist unerlässlich.“ Auch die wirtschaftliche Dimension dahinter ist beträchtlich: Eine von Ward-Paige durchgeführte und im Fachjournal IEEE veröffentlichte Studie schätzt, dass verbesserte Ozeandatensysteme und digitale Infrastruktur ein wirtschaftliches Potenzial von rund 291 Milliarden US-Dollar erschließen könnten. Ein Großteil davon entsteht dadurch, dass Daten heute noch immer für jede Fragestellung separat erhoben und verarbeitet werden, anstatt sie übergreifend zu verknüpfen und wiederzuverwenden. Um genau diese Lücke zu schließen, gründete Ward-Paige 2017 eOceans.
Wie eOceans funktioniert
eOceans ermöglicht es, digitale Umweltprojekte zentral zu verwalten – von der Überwachung von Offshore-Anlagen über Fischerei und Artenschutz bis hin zum Monitoring von Meeresschutzgebieten. Nutzer:innen speisen Daten ein, die Plattform bereinigt und analysiert sie automatisch, kartiert Ergebnisse und erstellt auf Knopfdruck maßgeschneiderte Berichte. So lassen sich Trends in Echtzeit erkennen und Risiken bewerten.
Die Kontrolle über die Daten bleibt dabei bei den Nutzer:innen. Das Teilen ist optional und erfolgt nur mit ausdrücklicher Genehmigung. Besonders wichtig ist Ward-Paige die Nachvollziehbarkeit des Systems: „Jeder Schritt ist prüfbar. Nutzer:innen können sehen, wie Daten durch das System fließen und wie Ergebnisse entstehen. Das macht die Ausgaben für Wissenschaft, Politik, Compliance und Investitionsentscheidungen belastbar. In einer Zeit, in der das Vertrauen in die Wissenschaft unter Druck gerät, ist diese Transparenz entscheidend.“
Aus diesem Grund entschieden sich Ward-Paige und ihr Team auch gegen die standardmäßige Integration von KI. KI-Funktionen können jedoch optional hinzugefügt werden, wenn sie echten Mehrwert bieten.
Aktuell ist eOceans noch ein Startup mit überschaubarer Größe, aber wachsender Reichweite. Kommerzielle Kund:innen und Pilotprojekte gibt es bereits in Kalifornien, den Malediven, Südafrika, Namibia und Kanada. Die Plattform wird dabei für sehr unterschiedliche Anwendungsfälle genutzt. Meeresschutzgebiete, Freizeitfischerei und Tourismus bildeten den Ausgangspunkt. Inzwischen kommen Offshore-Windenergie, kommerzielle Fischerei und frühe Anwendungen im Bereich des internationalen Hochseeschutzabkommens hinzu. Viele Projekte überschreiten Sektorgrenzen. Etwa, wenn Fischerei innerhalb von Schutzgebieten überwacht oder Biodiversitätsmonitoring mit Tourismus und Offshore-Entwicklung verknüpft wird.
Schutz auf dem Papier – und in der Realität
Derzeit sind weltweit knapp 17.000 Meeresschutzgebiete mit einer Gesamtfläche von etwa 35,5 Millionen Quadratkilometern ausgewiesen. Das entspricht etwa 9,8 Prozent der globalen Ozeanfläche. Um das 30-Prozent-Ziel zu erreichen, müsste sich diese Fläche mehr als verdreifachen. Doch allein die Ausweisung eines Schutzgebiets reicht nicht. Laut dem Marine Protection Atlas stehen nur rund 3,3 Prozent der Weltmeere unter vollständigem oder hohem Schutz.
Wie schützt man wirksam rund 100 Millionen Quadratkilometer Ozean? Das ist die große praktische Herausforderung – und der Grund für die Existenz sogenannter „Paper Parks“. Das sind Schutzgebiete, die offiziell bestehen, in der Realität aber kaum oder gar nicht geschützt werden.
Vermeiden lassen sie sich laut Ward-Paige nur durch Transparenz, Rechenschaftspflicht und Zusammenarbeit. Ein zentrales Ziel bei der Entwicklung von eOceans war es daher, die Leistung von Schutzgebieten nahezu in Echtzeit bewertbar zu machen. „Technologie allein ist nicht die Lösung, aber sie macht diese Prinzipien leichter umsetzbar“, erklärt die Forscherin. „Selbst in seiner einfachsten Form zeigt eOceans, ob Monitoring und Überwachung tatsächlich stattfinden. Wenn ein Standort unbeobachtet oder nur sporadisch besucht wird, wird das Risiko eines Paper Parks sichtbar.“
La Jolla North: Wenn Meeresschutz zur Gemeinschaftsaufgabe wird
Wie eOceans konkret genutzt werden kann, zeigt sich im Schutzgebiet „La Jolla North“ in Südkalifornien.
„Für einen Montag waren viele Kajaks unterwegs, aber die Meereshöhlen waren beeindruckend. Direkt unter dem Kajak-Eingang zur Höhle stießen wir auf ein Hornhai-Pärchen bei der Paarung“, beschrieb Flo Li am 23. März 2026 ihre Beobachtungen in der eOceans-App. Daneben dokumentierte sie tote Kormorane entlang der Küste und eine auffällige Veränderung der Algenblüte.
Solche Einträge sind Teil eines strukturierten Monitoring-Ansatzes innerhalb von eOceans: Die Organisation Ocean Science Analytics (OSA) nutzt die Plattform beispielsweise zur gemeinschaftlichen Überwachung des Schutzgebiets „La Jolla North“. Die Daten kommen dabei nicht nur von Wissenschaftler:innen, sondern auch von sogenannten Citizen Scientists – erfahrenen Taucher:innen und anderen qualifizierten Beobachter:innen, die das Gebiet regelmäßig besuchen.
Im ersten Projektjahr wurden im OSA-Projekt 247 Datenerhebungen durchgeführt. Mit Hilfe von eOceans wurden 245.908 Tiere erfasst, darunter Leopardenhaie, Seelöwen und Tintenfische. Außerdem wurden 6.445 menschliche Aktivitäten und 138 Spuren von Umweltverschmutzung dokumentiert. Die eOceans-App verknüpft Dateneinträge automatisch mit GPS-Koordinaten, Datum und weiteren Metadaten und wandelt sie in Karten, Grafiken und Tabellen um. OSA nutzt die Plattform zudem als Kommunikationskanal, um Ergebnisse gemeinsam zu diskutieren und unterschiedliche Perspektiven in die Auswertung einzubeziehen.
La Jolla North ist dabei kein Einzelfall, sondern ein bewusst gewähltes Modell. Überall dort, wo Schutzgebiete ausgewiesen, aber nicht ausreichend überwacht werden, könnte ein solcher kollaborativer Ansatz Paper Parks entgegenwirken.
Fortschritt gegen alte Gewohnheiten
Das Inkrafttreten des UN-Hochseeschutzabkommens zeigt sich bereits in der Nachfrage nach eOceans. „Der Vertrag hat sowohl das Bewusstsein als auch die Dringlichkeit erhöht“, so Ward-Paige. „Organisationen suchen nach Werkzeugen, die grenzüberschreitende Daten verwalten, Compliance-Berichterstattung unterstützen und Zusammenarbeit ermöglichen.“
Das größte praktische Hindernis bleibt ein Umdenken bei allen Beteiligten, hin zu mehr Integration, interdisziplinärer Zusammenarbeit und gemeinsamer Datennutzung. Wissenschaftler:innen, Regierungen und Branchenexpert:innen sind es gewohnt, innerhalb ihrer Institutionen mit eigenen Lösungen zu arbeiten. „Organisationen davon zu überzeugen, ein neues System auszuprobieren und etablierte Prozesse zu überdenken, braucht Zeit“, erklärt Ward-Paige. Die Automatisierung von Datenbereinigung und -aufbereitung könnte operative Kapazitäten freisetzen, die es Expert:innen ermöglichen, sich auf Interpretation, Strategie und Entscheidungsfindung zu fokussieren. Dies wäre laut Ward-Paige dringend nötig, um das Ziel von 30 Prozent Schutzgebieten bis 2030 zu erreichen.
Meeresschutz braucht mehr als Technologie
Am Ende ist Meeresschutz natürlich keine rein technische Frage. „Die größte Herausforderung ist, wie alle Beteiligten auf gemeinsame Ziele ausgerichtet werden können“, sagt Ward-Paige. Es brauche eine enge Abstimmung zwischen Regierungen, NGOs, Wissenschaft und Industrie, die zudem den Bedarf an interoperablen Daten, sektorübergreifender Zusammenarbeit und standardisierter Berichterstattung nicht nur erkennen, sondern auch danach handeln. Nur so könne ein ganzheitliches Bild der Ozeane entstehen – eines, das Artenvielfalt, soziokulturelle Werte und wirtschaftliche Nutzung zusammendenkt.
„Was mich antreibt“, so Ward-Paige, „ist das Wissen, dass bessere Werkzeuge und Zusammenarbeit Erkenntnisse in greifbare Wirkung verwandeln können – für Ökosysteme, Gemeinschaften und die globale Meerespolitik.“ Es ist ein nüchterner Antrieb für jemanden, der 700 Stunden unter Wasser geforscht, in 38 Ländern gearbeitet und über 450.000 Bäume gepflanzt hat. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wer den Ozean so gut kennt wie die Meeresforscherin weiß, dass Begeisterung allein für echte Veränderung nicht reicht.




