„The Death of Environmentalism“ – Vom Verfall des Umweltschutzgedankens

Im Jahr 2004 haben die Umweltaktivisten und grünen Politikberater Michael Shellenberger & Ted Nordhaus ein Paper unter dem Namen "The Death of Environmentalism: Global Warming Politics in a Post-Environmental World" veröffentlicht, das jenseits des großen Teiches für ordentlich Furore gesorgt hat.

Autor Rima Hanano, 05.06.09

Im Jahr 2004 haben die Umweltaktivisten und grünen Politikberater Michael Shellenberger & Ted Nordhaus ein Paper unter dem Namen „The Death of Environmentalism: Global Warming Politics in a Post-Environmental World“ veröffentlicht, das jenseits des großen Teiches für ordentlich Furore gesorgt hat.

Die These der beiden in diesem – zwar nicht ganz auf europäische Verhältnisse übertragbaren, aber äußerst lesenswerten – Paper (pdf, und dem darauf folgenden Buch): Umweltschutz und Umweltschutzbewusstsein sind heutzutage erstens ein unter vielen Interessengruppen und zweitens ein zu eng gefasstes, unflexibles Konzept, das weder den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht wird, noch zum wirklich benötigten, revolutionären grünen Politikmachen taugt.

Sie offerieren eine neue Fassung der von Menschen verursachten („anthropogenen“) Umweltprobleme, indem sie die bisherigen Konzepte von Umweltzerstörung und Umweltschutz nicht nur als ein Verschmutzungsproblem, sondern als ungenügende und vor allem unwirksame Fassung zum erfolgreichen Erhalt der Umwelt im 21. Jahrhundert entlarven.

Umweltprobleme seien nicht nur Verschmutzungsprobleme, die die häufig von Umweltaktivisten dämonisierte Wirtschaft verursache. Umweltzerstörung, in all ihren Aspekten, Varianten und existenzbedrohenden Trends für das Leben auf der Erde, sei anthropogen, das heißt von Menschen (uns allen) verursacht. Der Adressat für Umweltschutzmaßnahmen, die nicht nur partikular wirken sondern das gesamte ökologische System beeinflussen, seien also alle Menschen, die mehr oder weniger von Umweltzerstörung betroffen sind oder heute und in der Vergangenheit von ungeahndeter Umweltzerstörung profitiert haben.

Mit ihren Veröffentlichungen zum Umweltschutz im 21. Jahrhundert sprechen Shellenberger & Nordhaus vor allem der jüngeren Generation aus der Seele. Die neue Generation von Aktivisten vermisst in den von Wirtschaft und Politik häufig als Einzelschritte zum Umweltschutzerfolg verkündeten „Kleinstlösungen“ die „ganz großen Schritte“ und authentischen Bekenntnisse zur Rettung des Planeten.

Umweltschutz ist tot! – Es lebe der Umweltschutz!

Shellenberger & Nordhaus beließen es aber nicht bei ihrer Kritik des Standes der Umweltschützer. Ganz im Gegenteil: Mit ihrem Breakthrough Institute haben sie selbst eine Art grünen Think Tank aufgebaut, der neben eigenen Veröffentlichungen auch Politikberatung und Öffentlichkeitsarbeit zu Umwelt- und Entwicklungsthemen leistet.

Die Grundüberlegung, die in ihren Handlungsempfehlungen die größte Rolle spielt, lautet wie folgt: Vor 30 Jahren mögen wir 20 Jahre Zeit zur Verhinderung der Klimakrise gehabt haben. Die Zeit der ängstlichen Überlegungen ist vorbei. Die Klimakrise ist Realität. Diese gilt es zu akzeptieren und mit kühnen und progressiven Mitteln in den Griff zu bekommen. Wir können es uns nicht mehr leisten, weitere 10 Jahre nach der „ultimativen Lösung“ unserer Probleme zu suchen, die uns weiterhin das bequeme Leben und das „profitable“ Wirtschaftswachstum des letzten Jahrhunderts garantiert.

Es muss zu Veränderungen sowohl in der gesellschaftlichen Werteorientierung als auch in der globalen Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel kommen. Shellenberger und Nordhaus sehen die entwickelten Industrienationen in der Pflicht, die gesamte Welt an Strategien zum Umwelt- und Klimaschutz teilhaben zu lassen.

Ihr Argument: Es müssen große öffentliche Investitionen getätigt werden, die eine Hebelwirkung entfalten, Vorbildcharakter haben und möglichst vielen (Entwicklungs-)Ländern – die häufig am stärksten von den negativen Folgen des Klimawandels betroffen sind – eine Verantwortungsübernahme im Umweltschutz ermöglichen.

Am deutlichsten wird diese Argumentation am Beispiel der Energieversorgung: Shellenberger und Nordhaus propagieren massive öffentliche Investitionen in erneuerbare, saubere Energieträger und Infrastrukturen zur Energieversorgung. Al Gore fordert seit Jahren ähnliche Investitionen in die ökologische Energieerzeugung, sieht aber gleichzeitig die Notwendigkeit, Emissionen zu regulieren und Emissionshandel zuzulassen, um Unternehmen Möglichkeiten zu geben, Spielräume und Innovationen im Bereich der Emissionsreduktion auszunutzen. Shellenberger und Nordhaus sehen das anders – sie argumentieren, dass mit dem Emissionshandel wieder nur ein US-Vorzeigeprojekt die internationale Bühne betritt, welches Umweltschutz wenig konstruktiv als  „Verschmutzungsproblem“ behandelt.

In Deutschland sehen momentan einige wenige Umweltinteressierte die Dilemmasituationen, die sich aus den noch nicht durchgesetzten ökologischen Neuorientierungen auf individueller, ökonomischer und politischer Ebene ergeben: In seinem Beitrag Der Einzelne ist machtlos, zeigt Oliver Geden, dass nachhaltige Leitbilder auch von der Politik mitgetragen und etabliert werden müssen, damit sie in der Gesellschaft so ankommen, dass die Umwelt auch tatsächlich davon profitiert (Süddeutsche – Der Einzelne ist machtlos).

Im gegenwärtigen Boom von Klimaratgebern und Öko-Lifestyle-Internetportalen, im Kauf von Autos mit Hybrid-Antrieb oder dem Wechsel zu Ökostrom-Tarifen drückt sich nicht nur ein fehlendes Vertrauen in den Politikbetrieb aus, sondern zugleich auch eine immense Überschätzung „politisierter“ Alltagspraxis. Denn diese gelangt selten über die Sphäre der symbolischen Ökonomie des Avantgarde-Bewusstseins hinaus. […]

Auf die Energie- und Materialeffizienz von industriellen Produktionsprozessen haben Endverbraucher ohnehin keinen Einfluss. Eine „Individualisierung von Verantwortung“ kann deshalb nicht zum Ersatz für den erfolgversprechenderen Weg einer politischen Regulierung werden. Es hat sich als wenig effektiv erwiesen, energie- und klimapolitische Entscheidungen mit gruppenspezifischen Moralvorstellungen aufzuladen.  Weitaus zielführender ist es, durch politische Rahmensetzungen vermehrt Anreize für professionelle Akteure zu schaffen, eine Vielzahl von energieeffizienten und klimafreundlichen Lösungen zu entwickeln.

Nicht nur Umweltveteranen wie Al Gore, Nordhaus, Meadows und Co. haben sich Gedanken zur globalen Klimaherausforderung gemacht. Es gibt auch andere Ansätze, die nicht die „große Politik“, sondern die Verantwortungsübernahme durch die BürgerInnen und Unternehmen stärker in den Blick nehmen. Dies kann auf viele verschiedene Art und Weisen geschehen – wir stellen kurz einige der häufig diskutierten Ansätze vor.

Michael Bilharz: Die „Key Points“ bewusster Lebensführung

Nachhaltigkeitsexperte Michael Bilharz hat sich lange mit der persönlichen Reduktion menschenverursachter Umwelteinflüsse beschäftigt – Gedanken, die viele engagierte BürgerInnen bewegen: Was ist denn nun im Kern wichtig, was sind die „großen Opfer“, was die großen Klimawandeleinflussgrößen? Wo beginnen wir, unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern?

In einem GEO-Artikel zum Thema Kritischer Konsum: Kann Einkaufen die Welt verbessern? finden sich im Vergleich zur Tagespresse ungewohnt ausgeglichene und pragmatische Einschätzungen – allerdings richtet sich der Beitrag auch ganz an die Kernzielgruppe der GEO: Besser- bis viel verdienende Akademiker mit genug Eigenkapital im Hintergrund, um den strategische Lebensstil zu verwirklichen. D.h. laut Michael Bilharz, neben der dauerhaften Bio-Ernährung auch in der eigenen Immobilie in großstädtischer, optimaler ÖPNV-Anbindung zu leben und sich außerdem mit Öko-Themen wirklich auseinander zu setzen – eine Öko-Wärmedämmung oder Photovoltaikanlage bestellt man sich nicht über Nacht bei Amazon.

Wieviel dieser diffusen, unpolitischen Zielgruppe der „Öko-Egoisten“ am Ende wirklich zuzutrauen ist, ist unklar, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt: Wollen nur Win-Win-Situationen: Die Öko-Egoisten

Die Hoffnungen, die die Wirtschaft und die Umweltbewegung in den neuen Typus des Ökokonsumenten setzen, sind gewaltig – und gewaltig überzogen. […]
Hin und her gerissen zwischen Pragmatismus und Missionseifer, was sie auf Dauer ermüdet. „Die Lohas-Affinen schwanken zwischen Pharisäertum und Pragmatismus. Wer so viel schwankt, ist stets auf Selbstbeobachtungsposten und entsprechend verkopft. Und Geist als Widersacher der Seele macht das Ganze zu einer leicht sedierten Veranstaltung“, sagt equity-Chefin Krüger. Letztlich sagt die Studie, dass es sich bei den potenziellen Neogrünen um unpolitische, ichbezogene, bequeme Menschen handelt.

Was in dem ansonsten sehr umfassenden GEO-Artikel unerwähnt bleibt: Dass die neuen grünen Technologien – sowohl im Bereich 3-Liter-Auto als auch im Bereich Solaranlagen, Photovoltaik, Wärmedämmung, uvm. erfreulicherweise a) ständigem technologischem Fortschritt unterliegen. Daraus resultiert aber, dass b) diese Investitionen (in Höhe von 10.000 Euro und aufwärts) in die eigene Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks regelmäßig – ich würde pauschal alle 5 Jahre einschätzen – zu tätigen sind, um Anpassungen und Optimierungen mitzunehmen. Damit soll nicht verkündet sein, die Solaranlagen von vor 5 Jahren hätten heute keinen positiven Beitrag zur Reduzierung des negativen Umwelteinflusses mehr zu leisten. Allerdings ist der Fortschritt in diesem, wie in allen technologischen Feldern, so schnell, dass das vermeintlich tolle 3-Liter-Auto von heute in etwa 5–8 Jahren der Klimasünder von morgen sein kann.

Der Bericht deutet außerdem nur zart an, dass „grüne Gadgets“ gerade in preisrelevanter Mode sind. Was grün ist, was ökologisch ist, das darf auch mehr kosten, weil das gute Gewissen schon beim Kauf inklusive ist. Für VerbraucherInnen hingegen wird es ohne den fachlichen Hintergrund immer schwieriger einzuschätzen, was profitabel grün gewaschen und welche Produkte tatsächlich ökologischer sind und damit den höheren Umweltschutzstandards entsprechen.

Unternehmen und Wirtschaft: Cradle to Cradle – Abfall ist Nahrung

Technologische Innovationen sind auch der Kern des Cradle to Cradle-Konzeptes von Michael Braungart und William McDonough.

Heutige Produktionsprozesse zeugen von einer Wegwerfmentalität, die nicht zukunftsfähig ist: Produkte werden hergestellt, verbraucht und weggeworfen (Cradle to Grave). Ziel der Cradle to Cradle-Überlegungen ist es, Nährstoff-, Produktions- und Wirtschaftskreisläufe zu initiieren, die keine Umweltverschmutzung, keinen Abfall, keine schädlichen Nebenprodukte hinterlassen. Ganz nach dem Motto »Abfall ist Nahrung« sollen Nährstoffkreisläufe der Natur nachgeahmt werden und so Ressourcenerhalt, Umweltschonung und zukunftsfähiges Wirtschaften gefördert werden.

Unter den Vorraussetzungen der „Neuen industriellen Revolution“, wie es die Cradle-to-Cradle-Erfinder bezeichnen, wären Wohlstand, Naturerhalt und profitables Wirtschaften keine sich ausschließenden Ziele mehr. Braungart sieht hier in der Umkehrung des Gedankens zur bloßen Verringerung des negativen Umwelteinflusses ein großes Innovations- und Zukunftspotential.

Das Zeitalter der Zielkonflikte: Wenn alles gleich wichtig ist

Shellenberger und Nordhaus gehen außerdem auf das Problem der Zielkonflikte (Trade-Offs) ein, welches nach wie vor die Debatten um strategischen Konsum, die Ökologisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch individuelle Entscheidungen zum politischen Engagement beeinflusst.

In letzter Zeit ist die Shellenberger und Nordhaus-Prämisse in die breite Öffentlichkeit vorgedrungen: Oscarpreisträger Al Gore und »An Inconvenient Truth«, aber auch die Aufwertung des strategischen Konsums, der Bio-Boom und die verstärkten Debatten um umfassendere Umweltschutzmaßnahmen haben ökologischen Themen zu einer stärkeren Präsenz in Medien und Alltagspraxis verholfen. Die Folgen des Klimawandels werden immer bedrohlicher – Hungersnöte, Agrarsubventionen, Ressourcenkonflikte und Klimaflüchtlinge sind nur Teilaspekte einer (Um-)Welt im Wandel. Hinzu kommt eine nach dem 11. September politisierte junge Generation, die sich vorzugsweise in handlungsfähigen Einzelprojekten engagiert, statt sich parteipolitisch zu verpflichten.

Dennoch gibt es Herausforderungen, die unmittelbar nachhaltigem Engagement im Wege stehen. Für die Umweltbewegung 2.0 ist dies insbesondere die Frage der Zielkonflikte (Trade-Offs). Wenn der Klimawandel/die allgemeine Umweltkatastrophe jetzt sofort und nicht erst mit den neuen Technologien einer unsicheren Zukunft bekämpft werden muss – wo soll man dann beginnen und was sind die Top-Prioritäten?

In den multimedialen Diskussionsarenen stehen sich dabei nicht selten Vertreter der kleinen und der großen Schritte als Konkurrenten gegenüber. Die einen predigen aktiven, strategischen Konsum, die anderen Askese und Lebensführungsstrategien. Was auf individueller Ebene noch durch Machbarkeits-, Finanzierungs- und Geschmacksabwägungen gelöst werden kann (Zweitwagen, ja oder nein? Hauskauf auf dem Lande oder städtische Mietwohnung? BahnCard oder Billigflieger?), ist auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ein langwieriger demokratischer Diskussionsprozess: Wie grün muss grüne Technologie sein? Was darf zugunsten ökologischer Energieerzeugung geopfert werden? In welche Abhängigkeiten begeben wir uns mit der Herstellung ökologischer Technologien, die auf seltene natürliche Rohstoffe angewiesen sind?

Dazu Lisa Margonelli im Atlantic: Clean Energy’s Dirty Little Secret

And over the past few years, China has cut exports to nurture its own permanent-magnet industry, sending the price of neodymium oxide to a high of $60 a kilo in 2007. This worries analysts like Irving Mintzer, a senior adviser to the Potomac Energy Fund who sees shortages stifling clean-tech industry, and worse. “If we don’t think this through, we could be trading a troubling dependence on Middle Eastern oil for a troubling dependence on Chinese neodymium.” […]
As green nationalism’s potent mix of idealism and fear changes the kinds of cars we drive, it also promises to change the course of globalization.

Zur allgemeinen Dilemma-Situation der Klimaschutzmaßnahmen schreibt – Bill Becker in Climate Progress: The Age of (small) Tradeoffs:

When does a green end justify not-so-green means? When if ever do the multiple benefits of solar, wind, biomass or geothermal energy, for example, justify some environmental damage during their life cycles? […]
To Margonelli’s small list of reforms, we can add a few more. We need to analyze the full, life-cycle costs and benefits of a technology or industry before we give it public money. We need to require that life-cycle climate impacts be included in environmental impact statements for federally funded projects under the National Environmental Policy Act.
But do what we will, some trade-offs are inevitable even for green technologies. Indeed, we have entered the Age of (small) Tradeoffs in which environmental purity must give way sometimes to eco-pragmatism. […]
We are experiencing a gradually expanding circle of acceptability as we become more desperate for solutions to global climate change. Nuclear power, “clean coal” and geo-engineering research are supported today by environmental leaders who would not have given any of those options serious consideration a few short years ago. Today’s crazy idea becomes tomorrow’s salvation as we continue pumping gases into the atmosphere.

Jörg Haas führt im Klima der Gerechtigkeit die in Deutschland bekannten Konflikte an: Das Zeitalter der Zielkonflikte

Die Konflikte um Windparks konnten in Deutschland glücklicherweise noch moderiert werden, nicht zuletzt dank des konstruktiven Engagements der Umweltverbände. Massiver brachen Zielkonflikte
zwischen Welternährung, Energiesicherheit und Klimaschutz im Bereich der Biotreibstoffe und
Bioenergien auf.

Und bilanziert, im Hinblick auf demokratische Debatten:

Aber die Spielräume werden enger. Wir kommen nicht umhin, uns immer wieder aufs Neue zu informieren, eine Meinung zu bilden, und abzuwägen. Was können, was müssen wir akzeptieren, was bleibt inakzeptabel?

Unterschätzte Umsetzungsprobleme: Vom Umweltbewusstsein zu strategischer Lebensführung

Umweltbewusstsein ist für viele Menschen eine Priorität – nur eben keine Top-Priorität, wie bereits Shellenberger und Nordhaus festgestellt haben. Eine entsprechende Studie belegt dies auch für Deutschland: Studie zum Ökobewusstsein: Ökologie ist für viele Menschen Luxus.

Man könnte es auch politisch unkorrekter ausdrücken: Vielen liegt die Investition in ein Handyklingeltonabo näher, als die Investition in Öko-Strom, eine ÖPNV-Monatskarte oder der Bezug einer regionalen Gemüsekiste.

Deutschland, ein Land mit einem kollektiven grünen Bewusstsein, so scheint es. […]

Allzu rein dürfte dies bei genauerer Betrachtung der aktuellen Zahlen allerdings nicht sein: Das Grün verblasst mehr und mehr, je weiter man sich von der abstrakten Ebene entfernt und je näher man den Befragten und ihrem Alltagsverhalten kommt. […]

Umweltschutz: ja gerne, aber nur, wenn er wenig Geld und Mühe kostet – überspitzt gesagt, ist dies eine der beiden Kernaussagen der 64 Seiten starken, repräsentativen Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2008“.

Ein Problem strategischer Lebensführung ist u.a. das Handeln im Alltag. Was der o.g. Artikel von Oliver Geden realistisch beschreibt, ist, dass Bewusstsein nicht notwendigerweise entsprechendes Handeln nach sich zieht – Millionen von RaucherInnen wissen, wovon ich schreibe.

Ich verweise an dieser Stelle auf das interessante, aber unbehaglich stimmende Interview (Interview mit dem Co-Autor von «Die Grenzen des Wachstums») der NZZ mit Erfolgsautor Dennis Meadows: «Die globalen Probleme werden nicht durch Bewusstsein, sondern durch Taten gelöst».

Herr Meadows ist Mitautor des berühmten Club of Rome-Berichtes „Das Ende des Wachstums“ aus dem Jahre 1972. Mit diesem Bericht begann die Verbreitung der Nachhaltigkeitsidee und der Überlegung, dass exponentielles Wirtschaftswachstum nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern das Ende der Welt ist. In Teil 3 des Interviews benennt Meadows konkrete Ansätze und Maßnahmen zur Nachhaltigkeitswende: «Schon bald gibt es kein nachhaltiges Szenario mehr».

Fazit

Umweltschutz muss im 21. Jahrhundert mehr sein als die Verhandlung von Umweltverschmutzung. Es gibt mittlerweile verschiedenste Zugänge zum Thema, die einerseits deutlich weiter denken, als die Konzepte zum Anfang der Ökobewegung in den 1970er und 1980er Jahren. Andererseits sind Partikularbestrebungen und – je nach VertreterInnen/Organisation – auch die einseitige Fokussierung bspw. auf politische, ökonomische oder individuelle Akteure zu beobachten, sowie eine teilweise lähmende Innovationsgläubigkeit, die die aktuellen Handlungsnotwendigkeiten verdrängt.

Positiv an der Auseinandersetzung der diversen Organisationen und ExpertInnen ist jedoch die Tatsache, dass insgesamt ein ganzheitlicherer Ansatz zu nachhaltigen Strategien in vielen Lebensbereichen verfolgt wird. Dazu gehört auch, dass die zukunftsfähige Gestaltung von Innovationen gleich welcher Art im Zusammenhang mit Entwicklungsmöglichkeiten gesehen wird und Kooperationen zwischen den verschiedenen Akteuren ähnlich wichtig eingeschätzt werden wie technologischer Fortschritt. Auf den Plattformen von TED, Ashoka und RESET, sowie in zahlreichen gemeinnützigen Projektvorhaben, wird dies deutlich.

Mit Bildung zu Weltrettern

Was allzu oft vernachlässigt wird, ist der Bildungsaspekt, der ein Schlüsselfaktor der nachhaltigen Lebensführung zukünftiger Generationen ist. Bildung ist – ähnlich wie in Fragen der Gewaltprävention (Gilligan 1997/ 2001) – eine gesellschaftliche Anstrengung, die jungen Generationen nicht nur das Wissen, sondern auch Erfahrungen im Bereich nachhaltiger Lebensgestaltung mitgeben kann. Eine Zukunftsinvestition, die sich mehrfach auszahlen dürfte, die allerdings selbst auf Veranstaltungen wie der Tagung des Nachhaltigkeitsrates eine unerträgliche Nebenrolle in den Expertendiskussionen spielte. Bildung kann nicht nur nachhaltige Inhalte vermitteln, sie wirkt als Multiplikatorin in alle Lebensbereiche junger Menschen hinein – eine Chance, die bei allem direkten Bemühen um Umweltschutz nicht ungenutzt bleiben darf.

Der Ausblick gerät allerdings positiv: Nie gab es mehr Möglichkeiten, sich zu informieren und zu engagieren – sowohl online als auch offline. Es gibt öffentliche Debatten, FürsprecherInnen, die nicht belächelt werden. Die Wirtschaft zieht mit CSR-Maßnahmen und neuen Angeboten den gestiegenen Ansprüchen der VerbraucherInnen nach, die diversen Lösungsansätze werden nicht als destruktives Überangebot, sondern als individuelle Vorschläge verstanden.

VerbraucherInnen haben einfacher die Möglichkeit, ihren ökologischen Fußabdruck im Auge zu behalten und bei Bedarf zu reduzieren. Ökologisches Bewusstsein ist keine Nische mehr, RepräsentantInnen dürfen mitreden und öffentlich Stellung beziehen. Und: Sie werden gehört.

Quellen und Links:

Netzwelt & online Quellen:

Videos/Podcast:

Bücher:

Anna-Maria Müller I RESET-Redaktion

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©
The Tragedy of the Commons

Warum überfischen wir die Ozeane, roden die Wälder dieser Erde und stoßen so viel C02 in die Atmosphäre, dass sich die Lebensqualität auf der Erde derart verschlechtert? Fragen, die der Biologe und Ökologe Garrett James Hardin bereits Ende der 60´er Jahre in seinem Essay „The Tragedy of the Commons“ zu beantworten versuchte.

Dein Ökologischer Fußabdruck / Dein CO2-Fußabdruck

Unsere Erde stellt nur ein gewisses Kontingent an Ressourcen zur Verfügung. Den eigenen Fußabdruck zu ermitteln ist der erste Schritt, damit die Erde in Zukunft für alle bewohnbar bleibt.