Ungenutzte und veraltete Daten, die auf Festplatten und Servern lagern – klingt erst mal nicht nach einem großen Problem, denn wirklich Platz braucht es für die digitalen Speicher ja nicht. Aber unsere Hinterlassenschaften an Bits und Bytes unterscheiden sich gar nicht so sehr von dem materiellen Müll, den unser Lebensstil abwirft und auf Müllhalden verendet: Auch alte E-Mails, Textdokumente und Audio- und Videoinhalte haben einen ökologischen Fußabdruck – in Form eines hohen Stromverbrauchs, der für ihre Speicherung auf Festplatten und Servern permanent anfällt. „Privat sind es wohl vor allem Filme, die den Speicherbedarf hochtreiben. In Unternehmen könnten es vor allem die im Kontext von Monitoring und Kommunikation – zwischen Maschinen sowie zwischen Menschen via Chat und Email – anfallenden Daten sein, aber natürlich auch jede Menge Textdokumente und Scans, die häufig mehrfach gespeichert werden“, sagt Professorin Dr. Ute Schmid, Leiterin des Forschungsfelds Angewandte Informatik an der Universität Bamberg.
Es ist schwierig, genaue Zahlen über das Volumen unseres „digitalen Mülls“ zu erhalten. Aber eine Idee gibt die Tatsache, dass zum Beispiel 2019 alle Weltbürger zusammen rund 250 Milliarden Mails und 65 Milliarden WhatsApp-Messages am Tag verschickten – und mit Sicherheit von den wenigsten akribisch gelöscht werden, sobald die Informationen nicht mehr benötigt werden.
Die wachsenden Datenmengen haben nicht nur einen Effekt auf die Umwelt aufgrund der weltweiten Serverfarmen, die für deren Verarbeitung und Speicherung betrieben werden. Die Anhäufung digitaler Daten am Arbeitsplatz kann zudem die Suche nach Informationen behindern, Entscheidungsprozesse verzögern und die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Aufgabe ablenken. Gute Gründe also, hin und wieder den digitalen Müll aufzuräumen. Doch um bei all den Selfies, Chats, Dokumenten und Mails nicht nur auf einem, sondern meist auch auf verschiedenen Geräten Ordnung zu halten, braucht es sehr viel Zeit. Oder ein gutes System.
Dass dieses Thema viele Menschen beschäftigt zeigen Netzwerke wie Reddit, in denen sich Menschen gegenseitig Tipps geben, und eine Vielzahl an Ratgebern und Apps, die beim Sortieren von Fotos und Dokumenten helfen wollen. Und Konzepte wie „Inbox Zero“ versprechen einen leeren Posteingang am Ende jedes Arbeitstages. Die Autorin und Speakerin Angela Crocker, die schon seit Langem Menschen beim Bloggen oder zu Social-Media-Fragen berät, hat sogar ein ganzes Buch diesem Thema gewidmet: Declutter Your Data („Entrümpel deine Daten“).
Viele von uns nutzen mittlerweile spezielle „Reinigungs-Programme“ – spätestens dann, wenn nichts mehr geht auf unseren vollkommen überladenen Computern. Diese löschen im Hintergrund Sicherungsdateien, die der Nutzer und die Nutzerin ohnehin nie sieht. Dafür verfahren solche Programme nach einem festen Satz einfacher Regeln, um besonders große, jahrelang nicht geöffnete oder mehrfach gespeicherte Dateien zu suchen und schlagen dem Nutzer vor, diese zu löschen. Eine KI braucht es dafür nicht. Wirklich intelligent aufräumen will dagegen Dare2Del.
Dare2Del kombiniert regelbasiertes Vorgehen und maschinelles Lernen, um sich an individuelle Vorlieben anzupassen
„Wir möchten mit Dare2Del eine individuellere und intelligentere Löschhilfe entwickeln. Dabei soll es möglich sein, feste Vorgaben und Regeln zu befolgen und sich gleichzeitig auch an individuelle Vorlieben anzupassen. Dare2Del macht Löschvorschläge und lernt aus den Nutzerantworten. So ein interaktiv lernendes System kann sich genauer an Gepflogenheiten in einem Unternehmen oder Vorlieben einzelner Personen anpassen“, sagt Ute Schmid, die diesen Forschungsgsbereich leitet, im Interview mit RESET. So weiß das Programm zum Beispiel irgendwann, welche Dateien aus dem Ordner Familienfotos oder pdf-Dateien von Präsentationen nie gelöscht werden sollen.
Dare2Del ist ein gemeinsames Projekt der Universität Bamberg und des Lehrstuhls für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Erlangen. Schwerpunkt von Dare2Del ist es, Mitarbeitende in Verwaltung und Produktion dabei zu unterstützen, ihr digitales Wissen zu regulieren, indem irrelevante digitale Objekte wie Dateien oder Sensordaten versteckt und gelöscht werden. Zudem gibt das System Erklärungen, warum bestimmte Dateien zum Löschen vorgeschlagen werden. „Wir gehen davon aus, dass die Nutzenden dadurch zu einem reflektierteren Umgang mit ihren digitalen Daten angeregt werden“, so Ute Schmid. „Eine Besonderheit ist auch, dass Erklärungen keine Einbahnstraße vom KI-System an den Nutzer sind, sondern dass der Nutzer oder die Nutzerin die Entscheidungen des Systems und auch dessen Erklärungen korrigieren kann – also auch die Möglichkeit besteht, dass der Mensch dem KI-System etwas erklärt und das System vom Menschen lernt.“
Die Forschung an der Universität Bamberg ist vor allem Grundlagenforschung, das heißt, dass hier neue Algorithmen erdacht, prototypisch umgesetzt und formal sowie empirisch bewertet werden. „Was wir entwickeln ist natürlich frei für andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfügbar“, so Professorin Schmid. Aktuell ist der Fokus des Projekts, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen zu unterstützen. Aber natürlich können die Methoden auch zur Unterstützung des privaten Daten-Messies eingesetzt werden. „Derzeit prüfen wir in einer empirischen Studie mit Studierenden, wie gut unser System nutzbar ist und ob die Erklärungen zu den Löschempfehlungen sowie die Möglichkeit, Erklärungen zu korrigieren einen Einfluss auf das Vertrauen in das System und auch auf die Sinnhaftigkeit der Löschentscheidungen hat.“
Klingt als sei vielversprechende Hilfe beim Ordnunghalten in der Datenflut auf dem Weg. Aber natürlich gib es einen sehr effektiven Schritt vor dem Sortieren, Ausmisten und Entrümpeln: Wir können auch einfach weniger Fotos machen, sparsamer E-Mails schreiben oder kurz mal überlegen, ob wir diese Spiele-App und jenes Attachment wirklich noch auf unserem Handy oder Rechner installieren oder behalten wollen.
Wie kann KI im Umwelt- und Klimaschutz wirkungsvoll eingesetzt werden? Welche spannenden Projekte gibt es? Was sind die sozial-ökologischen Risiken der Technologie und wie sehen Löungen aus? Antworten und konkrete Handlungsempfehlungen geben wir in unserem Greenbook(1) „KI und Nachhaltigkeit – Können wir mit Rechenleistung den Planeten retten?“.
Dieser Artikel ist Teil des Dosssiers „Künstliche Intelligenz – Können wir mit Rechenleistung unseren Planeten retten?“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier KI

Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen.
Mehr Informationen hier.