In der dicht besiedelten Siedlung Kibera, Nairobis größter informeller Siedlung, hat eine Gruppe junger Kartograf:innen eine digitale Karte erstellt, die die Sichtweise, das Verständnis und die Versorgung des Slums durch die lokale Regierung verändern soll. Das Projekt mit dem Namen Map Kibera begann 2009 mit dem Ziel, Kibera buchstäblich auf die Landkarte zu bringen. Mit Hilfe von tragbaren GPS-Geräten, Mobiltelefonen und Open-Source-Tools machten sich lokale Freiwillige daran, Details zu dokumentieren, die in offiziellen Karten weitgehend fehlten. In Kibera waren das Wasserstellen, Latrinen, Kliniken, informelle Schulen, Müllplätze und Sicherheitshotspots.
Das Ergebnis ist eine lebendige Datenbank mit kritischen Infrastrukturen, die von denjenigen gestaltet wurde, die die Gegend am besten kennen.
Kartierung kann Leben verbessern und retten
Bei Überschwemmungen nutzen lokale Bürgerjournalist:innen, die im Rahmen des Projekts geschult wurden, die kartierten Daten, um Ersthelfer:innen zu den am stärksten betroffenen Gebieten zu leiten. Während der Wahlen in Kenia im Jahr 2017 halfen Community-Kartograf:innen dabei, Konfliktherde zu identifizieren. Sie erstellten Echtzeitkarten, die Journalist:innen und Anwohner:innen zu sicheren Zonen führten. Und im Zuge von COVID-19 versah das Team von Map Kibera Handwaschstationen mit Geotags und verfolgte die Verteilung von Masken, um die Gesundheitsversorgung besser zu koordinieren.
„Map Kibera wurde als Reaktion auf den Mangel an verfügbaren Kartendaten und anderen öffentlichen, offenen und gemeinsam genutzten Informationen über eines der bekanntesten Slums der Welt ins Leben gerufen“, hat uns Mitbegründerin Erica Hagen erklärt. „Andere Teile Nairobis waren durch Online- und Papierkarten gut dokumentiert. Aber die am dichtesten besiedelten Teile der Stadt – die informellen Siedlungen – blieben unsichtbar. Unser grundlegendes Ziel war es, die bestehende lokale Informationsdynamik zu verändern, indem wir den Bewohner:innen halfen, ihre Perspektiven mithilfe zunehmend zugänglicher neuer Technologien zu teilen.“
Diese Sichtbarkeit trägt Früchte. Die kenianische Regierung greift auf die Daten von Map Kibera zu, um die Bereitstellung wichtiger sozialer Einrichtungen und Dienstleistungen zu steuern. Lokale NGOs nutzen die Karten für ihre Dienstleistungsplanung. Und Stadtforschende unterstützen die offen zugänglichen Datensätze der Gruppe dabei, die informelle Infrastruktur in den wachsenden Städten Ostafrikas zu verstehen.
Der Einfluss von Map Kibera wächst
Die größte Veränderung findet jedoch vor Ort statt. In Mukuru und Mathare, anderen großen Siedlungen, wurde das Modell inzwischen repliziert. Ausgebildete Jugendliche leiten hier nun ebenfalls partizipative Kartierungsprojekte, die sich für die Modernisierung der Entwässerung und die Verbesserung der sanitären Einrichtungen einsetzen.
„Früher wusste niemand, wo unsere Klinik war, nicht einmal die Regierung. Jetzt ist sie auf der Karte verzeichnet. Das hat uns geholfen, Unterstützung vom Landkreis zu beantragen“, berichtet Faith Atieno, eine freiwillige Gesundheitshelferin im Gebiet Laini Saba in Kibera, gegenüber RESET.
Und David Okoth, ein Jugendorganisator im Gebiet Soweto East, fügt hinzu: „Wenn sich Müll ansammelte, haben wir uns früher bei der Regierung beschwert. Es hat sich nichts geändert. Jetzt zeigen wir mit Hilfe der digitalen Karte genau, wo das Problem liegt, und es wird schneller beseitigt.“
Die Arbeit von Map Kibera geht über die Datenerfassung hinaus. Die Organisation betreibt auch Voice of Kibera, eine lokale Nachrichtenplattform. Sie wird von Community-Reporter:innen betrieben, von denen viele als Kartograf:innen angefangen haben. Auf der Plattform finden die Bewohner:innen Berichte über Ereignisse vor Ort, wie zum Beispiel Ausfälle der Sanitäranlagen, Proteste oder Schulschließungen. Das sogenanntem „Geotagged Reporting“ verleiht dem lokalen Journalismus dabei räumliche Genauigkeit.
Saubere Daten für die Müllabfuhr
Von Dezember 2023 bis Mitte Januar 2024 hat Map Kibera in Zusammenarbeit mit einer gemeindebasierten Organisation in Mukuru über 2.000 Haushalte und Entwässerungsanlagen untersucht. Diese Untersuchung lieferte Informationen darüber, wo Gemeinschaftsbehälter aufgestellt werden sollten. Dadurch hat sich die Abfallwirtschaft in mehreren Gebieten tatsächlich verbessert.
Map Kibera führte außerdem in mehreren Dörfern eine Umfrage durch, um die Funktionalität der Straßenbeleuchtung und die Sicherheit der Gemeinde zu bewerten. Die Ergebnisse der Umfrage flossen in die Installation solarbetriebener Beleuchtungsanlagen ein.
Map Kibera legt Wert darauf, seine Methoden einfach und zugänglich zu halten. „Unser Ziel war es immer, dies für die Gemeinde selbst reproduzierbar zu machen”, sagt Hagen. „Es geht nicht um ausgefallene Technologie, sondern um Werkzeuge, die die Menschen tatsächlich nutzen können.”
Nairobis unsichtbare Räume auf die Karte bringen – und ins Gespräch
Was Map Kibera von Tools wie Google Maps oder anderen satellitengestützten Plattformen unterscheidet, ist seine Ethik der gemeinschaftlichen Urheberschaft. Jeder Punkt auf der Karte wurde von den Bewohner:innen selbst erfasst. Die Daten sind öffentlich, können heruntergeladen werden und sind kostenlos nutzbar.
Das Modell hat weltweit Interesse geweckt. Forschende, Stadtplaner:innen und soziale Innovator:innen bezeichnen Map Kibera als Pionier im Bereich partizipativer GIS (Geografische Informationssysteme) und das Projekt wurde von CNN, BBC und dem Magazin Wired vorgestellt.
Lange Zeit waren informelle Siedlungen in Kenia wie Kibera Datenwüsten. Da sie in offiziellen Planungsdokumenten nicht berücksichtigt wurden, wurden ihre Bedürfnisse von den Dienstleistern weitgehend ignoriert. Durch das Schließen dieser Lücke hat Map Kibera nicht nur die Sichtweise verändert, sondern auch die Möglichkeiten der Bewohner:innen verbessert, Dienstleistungen einzufordern und mitzugestalten.
Die offizielle Website und der Blog des Teams bieten detaillierte Übersichten über aktuelle und vergangene Projekte sowie freien Zugang zu den Karten selbst.
In einer Stadt, die ihre unsichtbaren Räume allzu oft ignoriert hat, zwingt die digitale Kartierung von Map Kibera die Institutionen dazu, sich mit dem auseinanderzusetzen, was vor Ort offensichtlich ist. Und schließlich auch auf der Karte.


