Das Handy als Entwicklungsmotor

Ein Leben ohne Handy – das ist für die meisten von uns kaum vorstellbar. Von einem exklusiven Spielzeug hat sich das Mobiltelefon in kürzester Zeit zu einem täglichen Begleiter fast wie von selbst über die ganze Welt verbreitet. Fast 7 Milliarden Menschen nutzen heute ein Handy - keine Technologie hat die Welt bisher schneller erobert.

Autor Rima Hanano, 03.07.13

Ein Leben ohne Handy – das ist für die meisten von uns kaum vorstellbar. Von einem exklusiven Spielzeug hat sich das Mobiltelefon in kürzester Zeit zu einem täglichen Begleiter fast wie von selbst über die ganze Welt verbreitet. Fast 7 Milliarden Menschen nutzen heute ein Handy – keine Technologie hat die Welt bisher schneller erobert.

Der Großteil der Mobilfunknutzer ist laut United Nations Department of Economic and Social Affairs aber nicht in den USA oder in Europa zu Hause, sondern in ärmeren Ländern wie Ghana, Uganda, oder Nigeria (Quelle: Mobile Development Report). Hier leben ca. drei Viertel der weltweiten Handybesitzer. In der krisengeschüttelten Demokratischen Republik Kongo zum Beispiel nennen 9,3 Millionen Menschen ein Mobiltelefon ihr Eigen. Hier ist das Telefon mehr als ein Telefon – es ist ein Entwicklungsmotor der besonderen Art. Handys überbrücken schlechte Straßen und weite Distanzen und ermöglichen so die Kommunikation außerhalb der unmittelbaren Umgebung. Wo keine Bank ist können Menschen per Mobilfunk Geld überweisen oder empfangen, wo sich kein Krankenhaus in Reichweite befindet mobilen medizinischen Rat erhalten. Und die Bilder, die aus Tunesien, Ägypten, Syrien und der Türkei über die sozialen Medien um die Welt geschickt wurden, haben gezeigt, dass mit Hilfe der Mobiltelefone sogar autoritäre Regime überwunden werden können.

Die Märkte der Zukunft liegen im Süden

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Laut den Prognosen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) zufolge gibt es ab 2014 sieben Milliarden Handys auf der Welt. Während der Bedarf mit dem zweiten oder dritten Mobiltelefon pro Kopf in Industrieländern weitestgehend gesättigt ist, sind die Märkte der Zukunft die Entwicklungsländer und die Kunden ihre arme Bevölkerung. Mehr als die Hälfte der weltweiten Mobiltelefonverträge sind in Asien abgeschlossen worden, dabei ist China mit einer Milliarde Handy-Kunden der weltgrößte Mobiltelefon-Sektor.  In Indien überschreiten die 545 Millionen Mobilfunkverträge sogar die Zahl der zur Verfügung stehenden Toiletten. Doch auch anderswo boomt der Markt. 

In ganz Afrika kommen auf 100 Personen mittlerweile schon 63 mit Handy und im Vergleich zu den Industrienationen, die eine Marktabdeckung von 128% haben, gelangen die Entwicklungsländer schon zu einer Marktabdeckung von 89% (Quelle: ITU). Doch obwohl sich die Mobiltelefone in den letzten Jahren rasant verbreitet haben, ist die Schere zwischen Vorreitern der Kommunikationstechnik, wie man sie in vielen Ländern Asiens findet, und Menschen ohne jegliche Verbindung zur Außenwelt jedoch immer noch riesengroß.

Entwicklungsmotor Mobiltelefon

Der Bedarf an Handys ist groß und vor allem in Indien, Pakistan oder Sri Lanka ungesättigt. Denn nicht jeder kann sich – trotz erschwinglichen Handys, Prepaid-Modellen und günstigen Tarifen – gleich ein eigenes Mobiltelefon leisten. Wer kein Gerät hat, der leiht sich eines oder besucht eine „mobile Telefonzelle“.

Ein sehr erfolgreiches Projekt in Bangladesch ist Grameenphone der Grameen Telecom Corporation (GTC) in Kooperation mit der Grameen-Bank. Grameephone vermittelt vor allem an Frauen aus ländlichen Regionen in Bangladesch Kredite von ca. 200 USD um Handys, sog. Grameenphones, zu erwerben und Telefondienste in ihren Heimatdörfern anzubieten. Die sogenannten Phone Ladies sichern sich durch den Verkauf von Telefonminuten auf diese Weise ihren Lebensunterhalt und verbinden selbst die entlegensten Dörfer mit dem Rest der Welt. Kein schlechtes Geschäft – für beide Seiten. Im Jahr 2007 erwirtschaftete Grameenphone einen Umsatz von 600 Millionen Dollar.

Nachahmerprojekte gibt es mittlerweile in Uganda, Haiti, Indonesien, Kambodscha, den Philippinen und Ruanda. Hier hat der Telekomanbieters MTN in Kooperation mit der Grameen-Foundation ein „Village Phone“ Projekt mit mittlerweile 1.344.322 Village Phones in über 81.000 Dörfern auf die Beine gestellt (Quelle: Grameentelecom).

Aber warum können Mobiltelefone so wichtig sein?

Licensed under: Creative Commons - Attribution Non-Commercial Share Alike spiderman Kleinunternehmer in Indien

Handys werden vor allem in ländlichen abgelegenen Regionen zunehmenden zu bedeutenden Schnittstellen, die Menschen den Zugang zur Gesundheitsvorsorge, zu Marktinformationen, zu Finanzdienstleistungen oder schlicht die gesellschaftliche Partizipation ermöglichen. Und das mit einem wesentlichen Effekt auf die Wirtschaft. Laut Weltbank bewirkt ein zusätzliches Handy pro 100 Menschen in einem Entwicklungsland ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent Punkten.

Dort, wo die Infrastruktur und die Anbindung an den Rest der Welt am schlechtesten sind, bieten Handys die größten Potenziale. Experten gehen davon aus, dass in Zukunft mehr Menschen über ein Handy Zugang zum Internet erhalten als durch jedes andere Medium. So überstieg im Oktober 2011 z.B. erstmals die Zahl der nigerianischen Internetnutzer, die über ihr Mobiltelefon online gingen, die Zahl der Desktop-Nutzer. Der Grund: die kleinen Telefone sind erschwinglicher als Computer und aufgrund ihres geringen Strombedarfs auch universeller einsetzbar. Eine Möglichkeit, mit der auch Menschen mit niedrigem Einkommen den Anschluss an die moderne Informationstechnologie erhalten. Womöglich kann mittels der kleinen Kommunikationstools die digitale Kluft zwischen Arm und Reich leichter und schneller überwunden werden. Erfahre mehr zum Thema im RESET Wissens-Beitrag „Digitale Kluft„.

Wobei aber kann das Mobiltelefon helfen? Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Kleinbauern in Costa Rica ermitteln internationale Marktpreise über das Handy, indische Bauern informieren sich über die Wetterbedingungen der nächsten Tage und Fischer über die aktuelle Marktsituation. Potenziale birgt das Handy außerdem in den Bereichen „Mobile Banking“, „Mobile Health“ und „Mobile Participation“:

Mobile Banking: 2,5 Milliarden Menschen weltweit haben kein Bankkonto, obwohl der Zugang zu Finanzdienstleistungen ein ganz wesentliches Instrument der Armutsbekämpfung ist (Quelle: Gallup World). (Erfahre etwas zum Thema im RESET-Beitrag „Mikrofinanzen – Finanzdienstleistungen für kleine Leute“ ). Mittels Handy erhalten diese Menschen zwar kein Konto, können jedoch zumindest Geld überweisen und sogar kleine Kredite aufnehmen. Das Projekt M-PESA des Unternehmens Safaricom gehört derzeit zu den erfolgreichsten „Mobile Money“-Projekten. 2007 in Kenia gestartet nutzen M-PESA mittlerweile 16 Millionen Menschen – bei 43 Millionen Einwohnern. Ähnliche Projekte gibt es in Südafrika und den Philippinen (Quelle: Köllner Institut für Wirtschaftsforschung).

Mobile Health: Im Gesundheitssektor helfen Mobiltelefone nicht nur bei der Gesundheitsvorsorge, sondern binden Ärzte in ländlichen, abgelegenen Regionen an städtische Krankenhäuser an und ermöglichen einen schnellen und günstigen Austausch von Informationen zur Diagnose, Medikation oder evtl. Krankheits-Epidemien. Die Organisation Text to Change (TTC) hat in Sachen Gesundheitsvorsorge mit Hilfe eines Handy-Quiz zum Thema HIV/AIDS einen 40-prozentigen Anstieg der HIV/Aids-Tests in Uganda erreicht. Auch die UN, Vodafone, und die Rockefeller-Stiftung haben die Handy-Technologie für sich entdeckt und erst 2008 ein „mHealth“-Projekt gestartet.

Eine bessere Gesundheitsversorgung will die Initiativen Stop Stockouts durch ein SMS gestütztes Informationssystem erreichen. Die Informationen bzgl. des Bedarfs und der Lagerung von Medizin werden via SMS auf einer zentralen Webseite gebündelt und Engpässe von Basis-Medizin damit vermieden. Das gleiche Ziel verfolgt das Projekt Tendai, bei dem in acht Ländern auf lokaler Ebene Gesundheitsberater ausgebildet werden, die Informationen über die Verfügbarkeit und Marktpreise von Medikamenten vor Ort sammeln und sie durch ihre Smartphones an Leitstellen senden, welche diese analysieren und veröffentlichen.

Mittlerweile können Smartphones in manchen Bereichen sogar schon Krankenhäuser ersetzen. Wenn der Weg zum Krankenhaus zu weit oder die teuren Geräte nicht vorhanden sind, bietet das Projekt WinSenga mit einer Smartphone-App ein Abhörrohr als eine günstige Alternative: Die App ermöglicht es, Alter, Gewicht, Position und Atemrythmus des Babys zu erkennen und gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten. Mit 3000 US$ ist es billiger als herkömmliche intelligente Stethoskope. Entwickelt wurde die App von drei Studenten aus Uganda; sie soll verhindern, dass weiterhin eine große Zahl an Kindern kurz nach der Geburt oder während der Schwangerschaft an Herzproblemen stirbt.

Mobile Participation: Immer wieder erreichen uns Bilder oder Videos aus Krisengebieten, aufgenommen von Zivilisten mit ihren Mobiltelefonen. Handys bieten nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch eine Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten, politischen Protest auszudrücken und damit sogar einen Beitrag zur Einhaltung der Menschenrechte zu leisten. Projekte wie Ushahidi in Kenia, „Voices of Africa“ (Stimmen Afrikas)  oder TXTPower auf den Phillipinen sind Pioniere der „Mobilen Participation“.

Auf der Plattform Ushahidi („Zeugnis“ oder „Zeugenaussage“ auf Kisuaheli) werden via Handy geschickte Informationen über Krisengebiete oder Unruhen gesammelt und z.B. auf Karten visualisiert. Die Programme stellen die Betreiber als Open Source zur Verfügung und wollen damit Transparenz in der Öffentlichkeit schaffen und helfen, den Austausch zwischen den Betroffenen zu erleichtern. Voices of Africa bietet eine Plattform für Berichte aus den meist unterrepräsentierten Gemeinden Afrikas. Sie motivieren junge Afrikaner dazu, via Handy Fotos, Texte und Videos hochzuladen und wichtige Informationen sowohl für die lokale Gemeinde als auch für NGOs aus der Perspektive von Einheimischen darzustellen und ihnen eine Stimme zu geben.

Was bringt die Zukunft?

Licensed under: Creative Commons - Attribution Non-Commercial Share Alike CGIAR Climate Immer mehr Menschen nutzen Handys, um sich zu vernetzen

In nur wenigen Jahren ist aus dem Mobiltelefon ein Hebel der wirtschaftlichen Entwicklung für die Ärmsten dieser Welt geworden. Innovative Ansätze, die auch Handys als Entwicklungsmotor einsetzen, existieren mittlerweile in vielen Bereichen, wie z.B. auch im Bildungssektor. Hier wird der Einfluss von Handys auf die Bereitstellung von Bildung momentan aber noch als sehr begrenzt eingeschätzt (Quelle: World Bank).

Anbieter von Mobilfunk-Technologien sind neben großen gewinnorientierten Mobilfunkunternehmen auch Non-Profit Initiativen wie die Community RapidSMS oder das Open Mobile Consortium (OMC). Das Open Mobile Consortium (OMC) bietet stets neue mobile Anwendungen und Software an – quellenoffen, also Open Source.

Die Potenziale des Entwicklungsmotors Handy schätzen Experten angesichts der Tatsache, dass 75 % der armen Menschen in ländlichen, infrastrukturschwachen Regionen leben, für die Zukunft noch weitaus größer ein. Aus dem Global-Information-Technology Report geht hervor, dass bereits große Fortschritte in der Schaffung des Zugangs zu Informations,- und Kommunikationstechnologien gemacht wurden. Zwar liegen die Schwellenländer verglichen mit den Industrienationen in der ICT-Nutzung noch auf den letzten Plätzen, doch mittlerweile engagieren sich auch Regierungen für den Ausbau von Netzinfrastruktur. Durch Mobiltelefone soll die Entwicklung vorangetrieben werden, Arbeitsplätze entstehen und auch die Wirtschaft wachsen. Je mehr Handy Verträge entstehen, desto höher wird das BIP, vor allem in Entwicklungsländern, fand jetzt das Kölner Institut für Wirtschaftsforschung im Auftrag von Vodafone heraus. Es ist nun zu hoffen, dass in Zukunft vor allem Menschen auf dem Land via Handy stärker von der Wirtschaftsentwicklung ihres Landes profitieren werden.

Doch leider hat das ganze eine Kehrseite, und die steckt in den Geräten selbst: Der möglichen positiven Bedeutung von Mobiltelefonen für die Entwicklung eines Landes und seiner Bevölkerung stehen Aspekte wie die menschenunwürdige Bedingungen und desaströse ökologische Folgen bei der Rohstoffgewinnung (etwa beim Abbau der Rohstoffe Coltan oder Tantal) und Handyherstellung. Mehr zur dunklen Seite der Mobiltelefone im Wissens-Beitrag „Umweltproblem Mobiltelefon“. Alternativen wie z.B. das Fairphone  sind leider noch kaum verbreitet. Daher ist die richtige Entsorgung  umso wichtiger.

Quellen und Links

Rima Hanano I RESET-Redaktion (2009), überarbeitet von Henriette Schmidt I RESET-Redaktion (2014)

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