Crowdfunding – Online vernetzen, offline bewegen

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Crowdfunding ist zu einem großen Trend im Bereich des Online-Fundraising geworden. Auf bereits über 450 Plattformen finanzieren viele Menschen weltweit Projekte und Produkte. Doch worum geht es dabei eigentlich?

Autor Sarah-Indra Jungblut, 25.04.15

Große Organisationen genauso wie kleine Start Ups nutzen mittlerweile Crowdfunding, um Budget für ihre Projekte zu erhalten oder aufzustocken. Im Kern steckt die Idee, dass viele Einzelpersonen mit jeweils kleinen Einzelbeträgen zusammen eine große Summe Geld aufbringen, mit der Projekte realisiert oder Produkte entwickelt werden. Aber fangen wir bei den Basics an.

Was bedeutet Crowdfunding?

Crowdfunding setzt sich aus den englischen Wörtern crowd (Menge) und funding (Finanzierung) zusammen – also eine Art der Finanzierung, deren Kapitalgeber eine Vielzahl von Personen einschließt. Dabei geht es darum, für eine innovative Projektidee von seinen Mitmenschen Unterstützung zu erhalten. In der Startphase des Projekts wird definiert, welche Mittel benötigt werden, die Idee wird ausführlich beschrieben und mit Bildern oder auch Videos auf der entsprechenden Crowdfunding-Plattform in Szene gesetzt.

Hat man genügend Fans und Feedback gesammelt kann die Finanzierungsphase beginnen. Hierbei ist vor allem wichtig, die verfügbaren Kommunikationswege geschickt zu nutzen, um die nötige Aufmerksamkeit zu erhalten und das festgelegte Spendenziel zu erreichen. Im besten Fall wird eine Spendenkette gestartet: Die Kapitalgeber, die sich an dem Projekt beteiligen, überzeugen ihre Freunde und Follower, ebenfalls in dieses Projekt zu investieren, die wiederum ihr Netzwerk aktivieren usw. Damit entsteht die Möglichkeit, durch viele kleine Geldsummen kollektiv ein großes Projekt zu finanzieren.

Eine Crowdfunding-Kampagne kann mehr als nur monetäre Unterstützung mit sich bringen: Die Organisationen beziehungsweise die Empfänger erhalten außerdem Feedback, Volontäre und die Möglichkeit, durch öffentliche, innovative Vorschläge von direkten Verbesserungen an ihrer Arbeit zu profitieren, da sie sich online präsentieren.

Das Besondere an Crowdfunding-Aktionen ist, dass sie thematisch stark fokussiert sind und eher Aktionen gleichen: Innerhalb eines festgelegten Zeitraums soll ein konkretes Projekt oder Produkt finanziert werden. In den letzen Jahren wurden auf diese Art vor allem Kunst- und Kulturprojekte gefördert, die größten Summen kommen aber meist für die Entwicklung innovativer Produkte zusammen. Das Video gibt einen guten Einblick, wie Crowdfunding funktioniert:

Von der Entstehung zur Entwicklung

Als eines der ersten Crowdfunding Projekte kann der Bau der Freiheitsstatue im Jahr 1885 gesehen werden, deren Finanzierungslücke durch einen öffentlichen Spendenmarathon geschlossen wurde.

Die Möglichkeiten des Internets brachten Jahrzehnte später dann den Boom: Im Jahr 2000 gründete der Brite Brian Camelio die Plattform Artist Share, um Musikprojekte durch sogenanntes „fan-funding“ zu unterstützen. 2006 folgte die niederländische Firma SellaBand seinem Beispiel und etablierte sich erfolgreich im Bereich des „music-crowdfunding“. Im gleichen Jahr startete die in Berlin sitzende Organisation Betterplace eine Plattform für „Crowd-Donation Services“ mit dem Ziel, gemeinnützigen Organisationen, aber auch von Privatpersonen ausgehenden Initiativen („grassroots initiatives“) ein Portal zu bieten. 2007 ging RESET mit seinen Spendenprojekten an den Start. 2011 folgte die Plattform Kickstarter, auf der die verschiedensten kreativen Projekte von Kunst über Musik bis hin zu Technologieentwicklungen gefördert werden können.

Den ersten großen Erfolg hatten vier talentierte Programmierer des NYU Courant Instituts, die Kickstarter dazu nutzten, Geld für ein dezentralisiertes, soziales Netzwerk zu sammeln mit dem Ziel, den Benutzern volle Datenkontrolle zu gewährleisten. Ihr Projekt namens Diaspora erhielt innerhalb von sechs Wochen durch 6.400 Unterstützer über 200.000 US$ und enorme öffentliche Aufmerksamkeit, die damit auch Kickstarter zum globalen Marktführer im Bereich Crowdfunding verhalf.

Weitere Crowdfunding Plattformen (CFP), die seit 2010 in Deutschland ins Leben gerufen wurden sind Startnext, mySherpas, Inkubato, VisionBakery und mit Seedmatch auch die erste CFP für Startups in Deutschland.

Weltweite Kampagnen haben an die 2,7 Milliarden US-Dollar über Crowdfunding-basierte Unternehmen und Plattformen aufgebracht: 1,6 Milliarden US$ in Nordamerika, 945 Millionen US$ in Europa und 110 Millionen US$ in der restlichen Welt. Europa und die Vereinigten Staaten verzeichneten seit 2009 ein rapides Wachstum der Crowdfunding Plattformen. (Quelle: Crowdfunding Industry Report, 2013)

Crowdfunding als Finanzierungskonzept

Die Besonderheit von Crowdfunding gegenüber klassischen Finanzierungsmodellen besteht darin, dass die Finanzgeber zugleich potentielle Kunden und Botschafter des Projektes oder Geschäftmodells sind und durch ihre eigenen Netzwerke zur Verbreitung der Idee beitragen. Die Bereitschaft, sich an einer Crowdfunding-Kampagne zu beteiligen basiert nicht zwangsläufig auf Renditen, sondern im Vordergrund steht die soziale Motivation. Zusätzlich verteilt sich die finanzielle Last auf mehreren Schultern und minimiert dadurch den potentiellen individuellen Verlust.

Innerhalb des Crowdfunding gibt es verschiedene Ansätze. Dabei wird üblicherweise nach der Motivation der Investoren unterschieden:

• Donation-based

• Reward-based

• Lending-based

• Equity-based

Donation-based Crowdfunding basiert auf einem philanthropischen Ansatz und ermöglicht Förderern einen guten Zweck zu unterstützen ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Darunter fallen vor allem Projekte im Bereich Umwelt- und Klimaschutz, Katastrophenhilfe und soziale Projekte von Privatleuten, NGOs oder Non-Profit Unternehmen, die über Plattformen wie JustGiving oder Betterplace vernetzt werden.

Beim Reward-based Crowdfunding geht es darum, über Plattformen wie Kickstarter oder Inkubato kreative Projekte aus der Kultur- und Kunstszene zu ermöglichen. Die Spender erhalten eine  Anerkennung in Form eines Produktes oder Service. Dies kann bei Filmprojekten eine Nebenrolle sein oder im Fall von music-crowdfunding eine signierte CD mit dem Musikstück vom Künstler.

Das Modell des Lending-based-Crowdfunding, auch als Social-lending bezeichnet, beinhaltet private Mikrokredite, zum Beispiel für Social Entrepreneurs. Als Rückfluss erwartet der private Geldgeber eine Verzinsung seines Geldbetrags innerhalb einer definierten Laufzeit. Eine relevante Plattform hierfür ist Kiva.

Mit Equity-based Crowdfunding, oft auch als Crowdinvesting bezeichnet, hat sich eine Art der Mittelaufnahme für Start-Ups entwickelt. Hierbei können Beteiligungen an Unternehmen erworben werden, die einen Anspruch auf einen Anteil am Unternehmensgewinn bieten. Bekannte Plattformen sind hier 1000×1000 und bettervest. Letztere ist eine Crowdinvesting-Plattform, auf der du in Energieffizienzprojekte von Unternehmen, Sozialträgern, Vereinen und Kommunen investieren kannst und dafür an den erzielten Einsparungen beteiligt wirst. Auch  ecoligo.investments konzentriet sich auf den Energiesektor und finanziert über Crowdinvesting Solarprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern.

 

Die vielen Beispiele erfolgreich finanzierter Projekte zeigen, dass es durchaus möglich ist, mit vielen kleinen Spenden der Crowd Projekte groß zu machen. Doch dazu gehört mehr als eine innovative Idee, denn für die Aktivierung von Spendern gilt nach wie vor: Für den Online-Erfolg ist auch der Offline-Bezug wichtig. Damit Crowdfunding ein Erfolg wird sollten umfassende aktuelle Informationen über das konkrete Projekt bzw. Produkt zugänglich sein, eine regelmäßige Spenderansprache durch News und Updates stattfinden und die Kampagne idealerweise von diversen Offline-Aktivitäten begleitet werden.

Zukunftspotential von Crowdfunding

Crowdfunding hat das Potential eine globale Veränderung der Finanzwelt zu bewirken – es ebnet Hierarchien und verbindet Geldgeber direkt mit realen Projekten. Die Anzahl der Zwischenhändler sinkt zugunsten verringerter Transaktionskosten und erhöhter Produktivität der eingesetzten Ressourcen. Allen Modellen gemeinsam ist die Verbindung von moderner Web-Technologie mit der Finanzwelt, die Unterschiede im Potential der Modelle zeigen sich in den verschiedenen Wachstumsraten.

Wachstum des weltweiten Finanzierungsvolumen durch Crowdfunding. Quelle: Ronald Kleverlaan

Mit einem Wachstum von derzeit über 100% pro Jahr ist der Bereich des  Equity-Crowdfunding besonders zukunftsfähig, wobei es hier nicht um Spenden für ein Projekt, sondern um Investments in Start-Ups oder kleine und mittlere Unternehmen geht. Von Nachteil kann, gerade bei Start-Ups, die frühe Exposition der Idee im Netz sein durch die Gefahr, Nachahmer anzuziehen. Auch entfällt die Erfahrung traditioneller Investoren, die professionelles Feedback für das Geschäftsmodell geben können. Außerdem ist eine langfristige Finanzierung über CF nur schwer möglich.

Große Chancen bieten sich für Crowdfundingprojekte speziell im Bereich Entwicklung, Klima- und Umweltschutz. Hier ist es vor allem privates Engagement, das einen Wandel vorantreibt, ohne auf Handlungen aus Politik und Industrie angewiesen zu sein. Über bettervest wurden z.B. bereits Arbeits- und Geschäftsräume von Unternehmen mit einer sparsamen LED-Beleuchtung ausgestattet und seit 2015 kann man über Bürgerzins speziell innovative Projekte zum Thema „grüne Energie“ unterstützen. Nachhaltigen Projekten im Allgemeinen haben sich z.B.  EcoCrowd und Oneplanetcrowd verschrieben.

Auch für außergewöhnliche, grüne Technikprojekte war es früher fast unmöglich, an Geld zu kommen, denn Finanzinvestoren sind diese Visionen oft zu heikel. Durch Crowdfunding entsteht zur Zeit eine technologisch getriebene ökologische Graswurzelbewegung, durch die Erfinder und Forscher ihre Projekte über private Geldgeber realisieren: Z.B. haben sich in Deutschland mehr als 130.000 Menschen in Genossenschaften zusammengetan, um die Energiewende selbst in die Hand zu nehmen. Die grüne Technik kommt auch bei den potenziellen Investoren gut an. Die Plattform Econeers hat bereits 1100 registrierte Nutzer, über das Projekt Tiefschwarz wurden 167.750 Euro von 160 Investoren gesammelt. Mehr dazu auch im RESET-Artikel „Die Energiewende selbst in die Hand nehmen“.

Offen ist jedoch die Frage, wie kritisch die Crowd ihr Geld vergibt, wie dieses Beispiel zeigt: Drei Bio-Hacker aus Kalifornien stellten ein CF-Projekt online, dass eine leuchtende Stadtbegrünung mit genmanipulierten Pflanzen als Ersatz für energiefressende Straßenlaternen zum Inhalt hatte. Für ihre Idee konnten sie bei Kickstarter über 8.000 Unterstützer begeistern und rund 500 000 USD einnehmen. Auf den ersten Blick ein „grünes Projekt“, stellt sich anscheinend keiner die Frage über das Ausmaß von unkontrolliert verbreitetem genverändertem Saatgut. Wenn alles läuft wie geplant wäre dies die bisher größte Verbreitung an synthetisch veränderten Organismen an eine nicht wissenschaftliche Öffentlichkeit.

Eine weitere Einschränkung von Crowdfunding: Eine langfristige Finanzierung von Projekten lässt sich damit nur schwer erreichen. Crowdfunding kann daher im Rahmen größerer Projekte bestenfalls als ein Baustein neben anderen Finanzierungen fungieren. Als Anschubfinanzierung, für befristete Projekte wie Produktentwicklungen oder einmalige Investitionen hat diese Art der Finanzierung jedoch großes Potential. Festhalten lässt sich: Crowdfunding ist ein erfolgreiches Beispiel, wie das weltweite Netz genutzt werden kann, um NGOs, Projekte und Initiativen zu unterstützen und dabei die Zivilgesellschaft aktiviert und gestärkt wird.

Quellen und Links

Autorin: Dania Schumann/ RESET-Gastautorin (2014)

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