Corporate Digital Responsibility (CDR) – Strategien für digitale Nachhaltigkeit im Unternehmen

Eine Hand, aus der verschiedene Symbol zur Digitalisierung herauskommen
Pixabay / Geralt

Was bedeutet CDR, wo liegen die Unterschiede zu CSR und wie agieren Unternehmen dadurch nachhaltiger? RESET lüftet das Geheimnis um die digitale Selbstverantwortung!

Autor*in Benjamin Lucks, 01.07.24

Übersetzung Lana O'Sullivan:

Kaum ein Unternehmen kommt im Jahr 2024 noch ohne digitale Werkzeuge aus. Computer erleichtern die Kommunikation zwischen Mitarbeiter:innen, Server übernehmen die Verarbeitung von Kundendaten und Zulieferer erhalten Aufträge per QR-Code und smartem Scanner. Gerade in Unternehmen birgt Digitalisierung aber auch Risiken für Kund:innen, Partner:innen und die Umwelt. Eine “Corporate Digital Responsibility”, kurz CDR, wird daher immer wichtiger. Und lässt sich in jedem Unternehmen umsetzen.

Setzt der Cloud-Anbieter meines Unternehmens auf nachhaltige Energie? Was passiert mit Datensätzen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Und werden Menschen mit Behinderungen in meinem KI-gestützten Rechner für Kleidergrößen inkludiert? Derartige Fragen zu beantworten und mögliche Defizite aufzuarbeiten, gehört zu einer verantwortungsvollen Digitalisierung in Unternehmen. Auch wenn das nach mehr Arbeit klingt, wirkt sich eine nachhaltige Digitalisierung positiv auf Unternehmen aus. Aber klären wir erst einmal die Grundlagen!

Was bedeutet CDR genau?

Die Bezeichnung “CDR” leitet sich von Begriffen wie CSR (Corporate Social Responsibility) und CR (Corporate Responsibility) ab. Dr. Saskia Dörr, Expertin für digitale Verantwortung, definiert CDR dabei als “freiwillige Selbstverpflichtung zum nachhaltigen Wirtschaften von Unternehmen, das die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung mit berücksichtigt”. Unternehmen verpflichten sich also freiwillig dazu, beim Einsatz digitaler Werkzeuge auf deren gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen zu achten und sie verantwortungsvoll einzusetzen. Die Eigeninitiative erfolgt dabei in einem Maße, das über gesetzliche Forderungen herausgeht.

Auf der Suche nach „Carbon Dioxide Removal“?

Hinweis: Im Kontext der Nachhaltigkeit gilt „CDR“ auch als Abkürzung für „Carbon Dioxide Removal“. Damit sind Techniken gemeint, mit denen es möglich ist, Kohlenstoff aus der Athmosphäre, aus dem Boden oder aus dem Meer zu entnehmen.

Wer mehr über die Möglichkeiten der Kohlenstoffabscheidung erfahren will, findet mit Captura Corp einen spannenden Ansatz hier auf RESET.

Unternehmen überprüfen dabei etwa den Energieverbrauch und die Emissionen ihrer digitalen Infrastruktur. Mit dem Umstieg auf nachhaltige Alternativen können sie die Nachhaltigkeit ihrer IT-Systeme anschließend optimieren. Konkrete Beispiele sammelt die CDR-Initiative in einem Paper aus 2021. Der Mobilfunkanbieter Telefónica Germany etwa stellt Mobilfunkdaten zur Optimierung des ÖPNV zur Verfügung, um eine bessere Optimierung des Verkehrs auf die Bedürfnisse der Nutzer:innen zu ermöglichen.

Die Deutsche Bahn hingegen führte vor einigen Jahren einen Vergleichsrechner ein, mit dem sich CO2-Emissionen, Energieverbrauch und Schadstoffausstoß verschiedener Transportmittel vergleichen lassen. Das Verarbeiten von Nutzerdaten erfolgt dabei bei beiden Maßnahmen anonymisiert.

Das Einführen von CDR-Maßnahmen und die einhergehende Selbstverpflichtung bedeutet für Unternehmen erst einmal einen Mehraufwand. Schließlich müssen Mitarbeiter:innen bereits vorhandene digitale Werkzeuge auf ihre Nachhaltigkeit hin überprüfen, sie anpassen oder nach Alternativen suchen.

Welche Vorteile hat CDR für Unternehmen?

Die Themen Nachhaltigkeit, Datenschutz, Transparenz und Gleichberechtigung sind für viele Menschen in den letzten Jahren wichtiger geworden. Da sich das auf ihre persönlichen Entscheidungen im Alltag auswirkt, steigt auch die Nachfrage nach Unternehmen, die ihre Unternehmenswerte an diesen Werten ausrichten. Kurz gesagt: Die Nachfrage an nachhaltigen, fairen und sozialen Unternehmen ist höher als je zuvor – und wird auch in Zukunft weiter wachsen.

Unternehmen, die eine nachhaltige digitale Strategie verfolgen, erhalten einen Wettbewerbsvorteil. Die Offenlegung einer solchen Strategie in Form eines CDR-Berichts sorgt zudem für mehr Vertrauen bei Kund:innen und Geschäftspartner:innen. Expert:innen zufolge wirkt sich ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Werkzeugen darüber hinaus positiv auf die Motivation der Mitarbeiter:innen aus.

Die 9 Prinzipien des CDR-Kodex

Die CDR-Initiative formuliert 9 Prinzipien ihres CDR-Kodex:

  1. Gesellschaftliche Grundwerte
  2. Menschzentrierung
  3. Nutzen schaffen
  4. Schaden vermeiden
  5. Autonomie
  6. Fairness
  7. Transparenz
  8. Verantwortlichkeit
  9. Nachhaltigkeit

Mehr Infos gibt’s auf der Homepage der Initiative.

Schon jetzt eine Strategie für einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Themen zu entwickeln, bereitet Unternehmen zudem auf künftige Auflagen und politische Änderungen vor. Denn CR-Themen rücken auch politisch immer weiter in den Fokus.

Eine Vorreiterrolle nahm im Jahr 2014 die Charta Digitale Vernetzung ein, die im Rahmen des IT-Gipfels in Hamburg initiiert wurde. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (kurz BMUV) hat zudem eine CDR-Initiative ins Leben gerufen. Diese soll Unternehmen als Plattform dabei unterstützen, CDR-Maßnahmen sinnvoll und unkompliziert einzuführen. Neben verschiedenen Informationsangeboten finden sich im Netz auch Consulting-Unternehmen, die sich auf CDR spezialisiert haben.

Hilfestellungen durch Initiativen und Zertifikate

Das Konzept von freiwilligen Selbstverpflichtungen ist nicht ganz unumstritten. Denn ohne rechtliche Verbindlichkeiten oder Kontrollinstanzen ist es keineswegs garantiert, dass sich Personen, Unternehmen oder sogar Staaten an ihre Versprechen halten. Somit ist es auch bei einer CDR-Strategie erst einmal nicht weiter definiert, wie Firmen in ihrer Selbstverpflichtung handeln sollten. Um Unternehmen eine Hilfestellung zu bieten, hat das BMUV daher eine Initiative gestartet. Zwar gibt es auch andere Ministerien und Organisationen, die Informationen zu CDR sammeln. Die CDR-Initiative arbeitet mitunter aber direkt mit interessierten Unternehmen zusammen.

Die Initiative stellte in den letzten Jahren einen CDR-Kodex aus neun Prinzipien zusammen, in denen die Ziele der verschiedenen Handlungsfelder zusammengefasst sind. Diese sollen Unternehmen, Verbraucher:innen und Entscheidungsträger:innen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft eine “Orientierung für CDR-entsprechendes Verhalten geben”. Die Prinzipien umfassen dabei Aspekte wie eine Zentrierung des Menschen, eine Transparenz über Funktionsweisen und Auswirkungen technischer Systeme sowie eine ressourcenschonende und sozial gerechte Entwicklung im Sinne der SDGs der Vereinten Nationen.

Screenshot: CDR-Initiative / BMUV

Diese verschiedenen Maßnahmen strukturiert die CDR-Initiative wiederum in die fünf Handlungsfelder “Umgang mit Daten”, “Bildung”, “Klima- und Ressourcenschutz”, “Mitarbeitenden-Einbindung” sowie “Inklusion”. Hierdurch wird es für Unternehmen noch ein wenig einfacher, bereits etablierte digitale Prozesse oder neue Werkzeuge mithilfe dieser Handlungsfelder auf eine CDR-Kompatibilität hin zu prüfen. Gleichzeitig können sie abwägen, ob eventuell Anpassungen oder Alternativen ratsam wären.

CDR-Maßnahmen verschiedener Unternehmen sammelt die Initiative seit Juli 2022 in ausführlichen Berichten. Diese stehen für Interessierte auf der “Lern- und Austauschplattform für engagierte Unternehmen” kostenfrei zum Download zur Verfügung und erscheinen einmal im Jahr. Im Juli 2023 veröffentlichten hier acht deutsche Unternehmen Berichte über ihre CDR-Maßnahmen. Die Berichte sind dabei sowohl eine gute Möglichkeit, die eigenen Maßnahmen zu überprüfen und eventuelle Versäumnisse zu identifizieren. Gleichzeitig bieten sie Kund:innen und Geschäftspartner:innen mehr Transparenz.

Unternehmensverantwortung wird immer wichtiger

Politische Ziele wie die Klimaneutralität bis zum Jahr 2045 sind ohne Veränderungen in der Wirtschaft kaum zu erreichen. Strategien für die Verringerung des CO2-Ausstoßes berühren immer auch die Wirtschaft. In unseren Greenbooks zu digitalen Strategien gegen den Klimawandel finden sich etliche Lösungen, die von Unternehmen entwickelt und umgesetzt werden. Eine digitale Selbstverantwortung auf Unternehmensebene hat dabei aber nicht nur positive Effekte für den Planeten. Sie wirkt sich positiv auf die Akquise neuer Partner:innen und Kund:innen aus. Zudem steigert die Motivation in Unternehmen und bereitet Firmen auf die Zukunft vor.

Dank Informationsangeboten wie der CDR-Initiative ist die Einstiegshürde hier in den letzten Jahren gesunken. Auffällig ist dabei, dass die vorgestellten Maßnahmen viele Überschneidungen zu CSR und CR haben. Anbieter, die sich auf GreenIT spezialisieren, verfolgen neben nachhaltigen Zielen auch häufig soziale Themen. Bei der Kühlung von Rechenzentren achten sie etwa auch darauf, dass die Bewohner:innen in den genutzten Gebieten keine Einschränkungen bei der Verfügbarkeit von Trinkwasser erleben. Oder sie stellen sicher, in der Produktion von Elektronikbauteilen soziale Missstände und Risiken für die Gewinnung von Materialien mitzudenken und entsprechend vorzubeugen.

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Syllucid ist ein Hersteller für nachhaltige Kabel, der bei seinen Kabeln auf Fairtrade-Gold setzt. Neben einer besseren Nachhaltigkeit wird dabei auch auf die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit von Minenarbeiter:innen geachtet.

Statt CDR und CSR also getrennt zu behandeln, sollte sich dringend eine umfassende Corporate Responsibility etablieren, die Themen aus verschiedenen Bereichen zusammenfasst. Darüber hinaus sollten politische Maßnahmen neben der bloßen Bereitstellung von Informationen auch Reformen, Auflagen und Chancen in Form von Subventionen beinhalten. Ein positives Beispiel ist hier das neue Lieferkettengesetz, das im am 1. Januar 2023 in Kraft getreten ist. Als EU-weite Maßnahme soll es langfristig zu besseren Arbeitsbedingungen entlang von Lieferketten führen. Und hierfür müssen Unternehmen ihre Lieferketten konsequent nachvollziehen und auf bestimmte Vorgaben hin überprüfen.

Unternehmen, die hier Vorarbeit für eine nachhaltige Digitalisierung geleistet haben, werden diesen Anforderungen bereits gerecht. Sinnvoll eingesetzte CDR-Maßnahmen sind also auch eine Möglichkeit, sich als Unternehmen auf derartige Veränderungen vorzubereiten.

Digitaler Datenputz als Startschuss für CDR

Wie man verantwortungsvolle Maßnahmen in Unternehmen attraktiver gestalten kann, zeigt die CDR-Initiative mit der Aktion “Digitaler Datenputz”. Ziel der Aktion ist es, “Mitarbeiter:innen in Unternehmen und weiteren Organisationen für das Aufräumen ihrer Daten auf Festplatten, Netzlaufwerken, in E-Mail-Postfächern und in der Cloud” zu begeistern und in der Umsetzung zu unterstützen. Denn: Das unüberlegte Speichern von Daten wirkt sich stark auf den individuellen digitalen CO2-Fußabdruck von Personen aus.

Ein KI-generiertes Bild mehrerer Menschen, die an einem Bürotisch sitzen.
Pixabay / m8-group
Hinweis: Dieses Artikel ist laut Informationen des Urhebers KI-generiert

Laut CDR-Initiative verbrauchen 10 GB Online-Speicher in der Cloud bereits 1 kg CO2-Äquivalente im Jahr. Ein regelmäßiger Datenputz ist daher eine erste sinnvolle CDR-Maßnahme, die jedes Unternehmen umsetzen kann. Und nach dem ersten Schritt wird es schon einfacher, die Selbstverpflichtung zu CDR als neues Unternehmensziel mit aufzunehmen. Weitere Infos zum Digitalen Datenputz gibt es auf der Homepage der Aktion. Wer mehr über seinen Digitalen Fußabdruck im Netz erfahren will, der findet über den Link einen Ratgeber direkt hier bei RESET.

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