Civic Tech – Wie können Bürger*innen und Zivilgesellschaft den Umwelt- und Klimaschutz digital mitgestalten?

Torge Peters/ Studio Nørden

Sie gestalten Städte mit, machen Informationen zum Klima zugänglich für alle oder erheben selbst Umweltdaten - mit digitalen Tools nehmen Bürger*innen Einfluss auf globale Probleme. Wie aber kann das digitale Engagement gefördert werden? Und wie entsteht daraus politischer Druck?

Autor Sarah-Indra Jungblut, 06.12.21

Bürgerinnen messen mit selbstgebauten Sensoren die Luftverschmutzung in ihrer Stadt und machen die Daten über eine Karte frei zugänglich für alle. Engagierte Laienforschende zählen auf Satellitenbildern Pinguine oder unterstützen Forschungsprojekte anderweitig bei der Datenerhebung und -auswertung. Über eine App kartieren Stadtbewohnerinnen den Zustand von Radwegen. Oder sie machen Umweltdaten, die ausschließlich Behörden vorliegen, über eine Plattform der Allgemeinheit zugänglich. In all diesen Projekten machen sich Menschen auf, den Umwelt- und Klimaschutz aktiv voranzutreiben. Und sie zeigen Wege, wie die Digitalisierung Mitsprache und Teilhabe fördern kann. Viele sprechen bei dieser Art des Bürgerengagements von Civic Tech bzw. Public Interest Tech.

Civic what?!

Civic Tech umfasst an erster Stelle digitale Tools, die von und für Bürger*innen entwickelt werden. Wie die Beispiele gezeigt haben, können das Modelle und Anwendungen zur Erzeugung, zum Teilen und zur Nutzung von offenen Daten, aber auch zur Förderung von Transparenz und Bürger*innenbeteiligung sein. Daher übersetzt Geraldine de Bastion, Mit-Gründerin und CEO der Berliner Agentur Konnektiv und Teil des Programm-Teams der re:publica, Civic Tech mit „digitalem bürgerschaftlichen Engagement“ und zählt dazu Wikipedia genauso wie Open Street Map.

Civic Tech wiederum ist ein Teil von Public Interest Tech. Und Public-Interest-Technologien zeichnen sich laut Patricia Leu, Co-Leiterin des Prototype Funds, dadurch aus, dass sie „immer bottom-up – also von Menschen, die die Technologien selbst nutzen wollen, statt von Unternehmen oder Institutionen – entwickelt werden, dass sie immer Open Source sind, um später weiterentwickelt, instandgehalten und für möglichst viele Zwecke angepasst werden zu können und dass sie einen gesellschaftlichen Mehrwert haben.“ Im weiteren fassen wir beide Ansätze unter dem mittlerweile schon geläufigeren Begriff Civic Tech zusammen.

Die meisten der Civic-Tech-Projekte setzen im Bereich der Demokratieförderung an, wie zum Beispiel die vielbeachtete Plattform FragDenStaat: Über das Portal können Bürger*innen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetztes und anderer Gesetze direkte Anfragen an Behörden stellen. Sobald eine Antwort eingeht, wird sie automatisch auf der Plattform veröffentlicht und die Informationen stehen allen, die diese Seite ansteuern, zur Verfügung. Doch es sind nicht immer nur zivilgesellschaftliche Akteure, die in den Werkzeugkoffer der digitalen Tools greifen. „Gerade staatliche Organisationen sind darauf gekommen, dass man Civic Tech natürlich auch dafür einsetzen kann, Bürgerinnen wieder in politische Prozesse miteinzubeziehen und diese berühmte Politikverdrossenheit abzubauen“, berichtet Geraldine de Bastion. Daher nutzen Verwaltungseinheiten und Regierungsorganisationen aktuell zwar nicht systematisch, aber immerhin punktuell, digitale Tools, um politische Prozesse transparenter zu machen.

Aber können digital engagierte Bürger*innen auch den Umwelt- und Klimaschutz mitgestalten?

Civic Tech im Umwelt- und Klimaschutz – Die Community wächst

Der fortschreitende Klimawandel erfordert schnelle und wirksame Maßnahmen, um das 1,5-Grad-Ziel noch in greifbare Nähe zu rücken. Wir bei RESET haben uns daher die Frage gestellt: Inwieweit können Technologien in Bürgerhand die Stimmen der Zivilgesellschaft verstärken und erforderliche Maßnahmen vorantreiben? Denn dass viele Menschen einen weitreichenden Umwelt- und Klimaschutz sehen wollen, beweisen nicht nur die global wachsende Fridays-for-Future-Bewegung, sondern auch die im Juli 2021 veröffentlichten Empfehlungen des Bürgerrat Klima in Deutschland. Ähnlich progressive Empfehlungen beinhalten im Übrigen auch die Vorschläge aus Klimabürgerräten in anderen europäischen Ländern.

Tatsächlich hat uns die Suche nach Civic Tech im Umwelt- und Klimaschutz zu vielen spannenden Projekten geführt:

Die sensor.community zum Beispiel ist ein globales Sensornetzwerk, das Open-Data-Umweltdaten generiert. Mittlerweile erheben Bürger*innen aus 68 Ländern mit selbstgebauten Sensoren Luftdaten und speisen diese in eine gemeinsame, interaktive Karte ein. Bisher nur spärlich installierte Messstationen werden so um zehntausende, feinmaschig gesetzte Datenpunkte ergänzt und stellen wichtige Informationen über die Luftqualität in unseren Städten bereit.

Auch FixMyBerlin oder die App Bike Citizens ermöglichen es Bürger*innen, in die Entwicklungen ihrer Stadt einzugreifen. Über Apps tracken, kartieren und bewerten Radfahrende die Fahrradinfrastruktur der Städte. Die Daten werden zudem auf einer Karte öffentlich zugänglich gemacht und Verbesserungsvorschläge direkt an die jeweiligen Behörden gerichtet.

FishyLeaks dagegen will den Artenschutz voranbringen und hat sich auf Meeresbewohner fokussiert; über die Plattform können illegale Fischereiaktivitäten direkt veröffentlicht werden und im Projekt KInsecta sollen demnächst Menschen zusammenfinden, um mithilfe von speziellen Kameras und KI Insekten im eigenen Garten zu zählen.

Im globalen OpenFoodNetwork kommen Menschen zusammen, die ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln selbst in die Hand nehmen wollen. Verbraucher*innen und Produzent*innen können sich über die offene Plattform beispielsweise als Food-Koops, die sich gemeinschaftlich mit Lebensmitteln versorgen, organisieren – und tun dies bereits tausendfach. Auch Apps wie ToxFox oder Replace Plastic zahlen auf einen nachhaltigen Konsum ein, indem sie Feedbackmöglichkeiten zwischen Hersteller*innen und Verbraucher*innen schaffen. Während ToxFox dabei hilft, schadstoffbelastete Kosmetik ausfindig zu machen – wobei die Nutzer*innen selbst die Datenbank anwachsen lassen, indem sie automatisiert Anfragen an die Hersteller*innen versenden –, können über Replace Plastic direkte Rückmeldung für übertrieben plastikumwickelte Produkte gesendet werden.

Auch in der Nothilfe engagieren sich tausende Freiwillige, wenn sie als Teil der NGO und globalen Community Humanitarian Open Street Map nach Katastrophen aus Vor-Ort-Wissen und Satellitenbildern detaillierte Karten erstellen. Auf der Basis dieser Informationen können dann Hilfsorganisationen vor Ort ihre Einsätze besser koordinieren.

Was all diese Projekte auszeichnet ist, dass sie aus der Zivilgesellschaft heraus organisiert werden und die Apps und Webtools Brücken zwischen Bürger*innen, Kommunen und Unternehmen bauen. Sie ermöglichen eine anderweitig nur mühsam – wenn überhaupt – herstellbare direkte Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteurinnen. Mit den digitalen Tools können sich Bürger*innen mit geringem Aufwand an der Datenerhebung und Sichtbarmachung von Problemen zu beteiligen. Und indem sie Informationen öffentlich machen, die sonst nur schwer zugänglich sind, erhöhen sie die Transparenz für alle.

Citizen Science bewegt die Forschung raus aus den Laboren und rein in den Alltag vieler Bürger*innen

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Torge Peters/ Studio Nørden

Über die Plattform Bürger schaffen Wissen in Deutschland und die globale Plattform Zooniverse findet sich eine wachsende Zahl an Menschen als sogenannte Citizen Scientists zusammen, die Sensoren installieren oder Satellitenbilder und andere Datenquellen auswerten. Auch hier werden Bürger*innen aktiv. Daher zählen wir Citizen Science in dem Moment, in dem digitale Tools ins Spiel kommen, auch zu Civic Tech. Und in Forschungsprojekten, die Umweltveränderungen, klimatische Zusammenhänge oder Ökosysteme erkunden, bringen sich die Laienwissenschaftler*innen auch in den Umwelt- und Klimaschutz ein.

Smartphones und eine Internetverbindung bewegen dabei die Forschung raus aus den Wissenschaftsblasen und Laboren und rein ins tägliche Leben von Bürger*innen. Forschungsprojekte, die ohnehin vermehrt auf digitale Tools setzen und dadurch mit immer größeren Datenmengen hantieren, bekommen so von den Laienwissenschaftler*innen wertvolle Unterstützung bei der Datenauswertung. Darin wiederum steckt die Chance, Forschungsvorhaben wesentlich größer aufziehen zu können. Und indem Laienforschende aktiv in den wissenschaftlichen Prozess der Datensammlung und -auswertung miteinbezogen werden, können sie nicht nur aktiv mitforschen, sondern erfahren gleichzeitig auch mehr über den Zustand von Tieren, Natur und Klima.

Natürlich bringen Online-Citizen-Science-Projekte auch neue Herausforderungen mit sich. In Onlineprojekten müssen etwa andere Kommunikationskanäle und spezielle Tutorials und Hilfestellungen entwickelt und genutzt werden. In Projekten mit knapper Zeit und wenig Budget ist das nicht immer realisierbar.

Um globale Probleme zu lösen, müssen wichtige Daten frei zugänglich sein

Die Fortschritte der 231 Indikatoren der SDGs lassen sich nur mit belastbaren Daten verfolgen. Aber woher diese nehmen? Our World in Data hat zwar einen SDG-Tracker erstellt, mit dem Nutzer*innen die Nachhaltigkeitsziele verfolgen können – doch für mehr als ein Fünftel der Indikatoren liegen bisher keine Daten vor.

Auch wenn es darum geht, wirksame Lösungen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels zu entwickeln, zeigen sich Datenlücken, wie Hannah Ritchie, Forschungsleiterin bei Our World in Data, betont. Wenn wir etwa wissen, wie viel Energie einzelne Länder verbrauchen, aus welchen Quellen diese stammt oder wie viel jeder Sektor benötigt, können wir daraus auch konkrete Maßnahmen ableiten. Diese Daten werden jedoch vorrangig von der Internationalen Energieagentur (International Energy Agency) gesammelt. Und auch wenn diese hauptsächlich von den Regierungen finanziert wird, lässt sich die Agentur für die Herausgabe der Daten teuer bezahlen. Forschenden und politischen Expert*innen aus weniger wohlhabenden Ländern bleibt damit der Zugang oft verwehrt.

Das Problem ist also oftmals nicht der Mangel an vorhandenen Informationen, sondern die Neigung von Organisationen, ihre Daten noch immer wie private Schätze zu hüten, anstatt sie der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Und auch wenn sich das langsam zu ändern scheint – die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris verfügt über eine offene Statistikplattform, die Vereinten Nationen und die WHO machen mehr Daten zur öffentlichen Gesundheit zugänglich –, hinkt noch ein Großteil der Organisationen hinterher.

Ein anderes Problem ist, dass viele Daten zumindest nominell offen, aber trotzdem nicht leicht zugänglich sind, „weil Schnittstellen fehlen oder sie in Formaten vorliegen, die noch intensive Weiterverarbeitung benötigen oder erst aus Dokumenten oder anderen Datenbanken herausgefiltert und für den neuen Zusammenhang, in dem sie verwendet werden sollen, aufbereitet werden müssen“, sagt Claudia Jach, die beim Prototype Fund die Begleitforschung verantwortet.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) veröffentlicht zum Beispiel wertvolle Daten über das globale Lebensmittelsystem. Die Nutzenden müssen sich dazu allerdings Hunderte von separaten Tabellen herunterladen und die mit den Daten gelieferten Metriken sind häufig schwer zu verstehen. Ähnlich ist es mit den Datensätzen der ESA, die zwar grundsätzlich zur Verfügung stehen, aber kaum von einem durchschnittlichen Computer bewältigt werden können.

Genau hier setzen Civic-Tech-Projekte wie zum Beispiel OpenSpaceData und der ClimateVisualizer an, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, grundsätzlich offene, aber für die meisten nur schwer zugängliche Daten zu öffnen: Mit seiner Anwendung OpenSpaceData will Niklas Jordan den Wissensschatz an Satellitendaten der ESA für die Zivilgesellschaft leichter abrufbar machen. Und der ClimateVisualizer ist ein interaktives Tool, das mithilfe öffentlicher Klimastatistiken die CO2-Budgets und Maßnahmen von Kommunen für Bürger*innen offenlegt.

Civic Tech ist also nicht ohne Open Data denkbar, da es in den meisten Projekten ja genau darum geht, bereits vorhandene Daten wirklich zu „öffnen“, also sie über Visualisierungstools oder Algorithmen so aufzubereiten, dass möglichst viele Menschen sie verstehen können, oder unter Mithilfe einer engagierten Community Daten zu erheben und auf Plattformen und in Apps öffentlich zu machen. FragDenStaat nutzt zum Beispiel das Informationsfreiheits-, das Umweltinformations- und das Verbraucherinformationsgesetz, um Informationen aus Behörden herauszulösen und öffentlich zu machen.

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Neben vielen weiteren Aktionen richtet sich FragDenStaat mit dem Klima-Helpdesk direkt an Umwelt- und Klimaaktivist*innen und -organisationen und versorgt sie kostenlos mit für ihre Arbeit wichtigen Informationen aus Behörden. Damit haben Umwelt- und Klimaaktivist*innen Zugang zu wichtigen Umweltdaten und auch Bürger*innen können sich darauf berufen.

Dazu kommt, dass sie auch zeigen, was der Zugang zu Daten bringen kann. „Daten funktionieren in dem Sinne ja als “commons”: Ihr Nutzen wird nicht kleiner, sondern im Zweifel größer, wenn mehr Menschen Zugang haben“, betont Claudia Jach. Doch zivilgesellschaftlichen Akteur*innen allein können wir nicht die Verantwortung überlassen, Open Data bereitzustellen. Vor allem auf Seiten der großen Organisationen und Behörden ist ein Umdenken nötig. Angemessen finanzierte Datenabteilungen könnten diese Prozesse beschleunigen.

Umweltdaten und Behördenwissen werden zum Ausgangspunkt für Veränderungen

Die Datenerhebung und Zugänglichmachung von Informationen ist ein erster wichtiger Schritt, um den Umwelt- und Klimaschutz voranzutreiben. Doch langfristige und tiefgreifende Veränderungen werden nur dann angestoßen, wenn mit den Daten politischer Druck aufgebaut werden kann.

Vielen Projekten ergeht es wie der sensor.community, die zwar eine beeindruckende geografische Abdeckung an Luftdaten erstellt, diese bisher aber nicht in politische Ergebnisse übersetzen konnten. „Dies könnte daran liegen, dass hier der Anschluss der Projekte an die größeren Netzwerke und Communities fehlt“, sagt Patricia Leu. Denn auf diesem Weg könnten es die Projekte schaffen, eine Debatte in der politischen Öffentlichkeit anzuregen und so in den Raum der politischen Entscheidungen zu kommen. Um politischen Druck aufbauen zu können sollten sich also viele Projekte irgendwann die Frage stellen, wie sie Organisationen mit einer großen Reichweite, wie beispielsweise Fridays for Future, oder größere Institutionen in ihre Arbeit einbinden.

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FixMyBerlin zum Beispiel arbeitet mit dem Berliner Senat zusammen, um auf Basis der gesammelten Daten die Radinfrastruktur zu verbessern und FragDenStaat startet regelmäßig Kampagnen zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, 2020 beispielsweise gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) den Klima-Gebäude-Check, der Licht in den Energieverbrauch des öffentlichen Gebäudebestands bringen sollte.

Damit sich Civic-Tech-Projekte im Ökosystem vernetzen und Allianzen bilden können, müssen die Entwickler*innen allerdings auch Ressourcen haben, allen voran die Ressource Zeit. „Wünschenswert ist deswegen eine grundständige Finanzierung von Public-Interest- und Civic-Tech-Projekten, die über das reine Coden und den Prototypenstatus hinaus geht. Auf diese Weise kann die Nachhaltigkeit von nutzerinnenzentrierten Softwareprojekten gewährleistet und das gesamte Ökosystem gestärkt werden“, betont Patricia Leu.

Doch nicht nur an dieser Stelle entscheidet die Finanzierung über den Projekterfolg.

Civic Tech – ein ungenutztes Potenzial für die Gesellschaft

Der Civic-Tech-Field-Guide listet über 4.000 Projekte (Stand November 2021) weltweit. Immer noch aktiv ist davon allerdings nur ein Bruchteil. Daniel Staemmler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin am Institut für Sozialwissenschaften, schätzt, dass 70 bis 80 Prozent dieser Projekte schon lange auf Eis gelegt sind. So groß ihr Potenzial auch sein mag, um gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen – die Zahlen zeigen, dass Anwendungen in Bürgerhand noch immer eine Nische sind. Und ein wesentlicher Grund dafür ist mit Sicherheit die fehlende Finanzierung.

Viele der Projekte setzen auf ehrenamtliche Mitarbeit und haben keinen Refinanzierungsmechanismus. Doch die Entwicklung und der Betrieb der Anwendungen ist zeit- und kostenaufwändig. „Funding ist das A und O. Selbst sehr idealistische Projekte, die in der Freizeit stattfinden, neben dem Job oder dem Studium, treffen auf das Problem knapper Ressourcen“, sagt ganz klar auch Daniel Staemmler.

Für viele der Projekte gilt es also, in verschiedenen Projektphasen immer wieder Finanzierungshürden zu überwinden. Doch im Moment gibt es nur wenige Fördermöglichkeiten für Civic-Tech-Lösungen.

Fördermöglichkeiten – Ein Feld mit vielen Leerstellen

Leuchtender Stern am Förderhimmel in Deutschland ist der Prototype Fund (PTF), der als niedrigschwelliges Förderprogramm für einzelne Entwickler*innen und kleine Teams, die Open-Source-Software mit einem Mehrwert für die Gesellschaft und Umwelt entwickeln, ziemlich alleine dasteht.

„Es gibt mittlerweile weitere Programme wie die Civic Innovation Platform des BMAS. Dort liegt der Fokus aber auf KI. Und mit Code for Germany besteht ja ein riesiges Netzwerk an Civic-Tech-Entwickler*innen und -Interessierten, das aber ehrenamtlich arbeitet und nur manchmal für einzelne Projekte Finanzierung erhält“, berichtet Claudia Jach, die beim Prototype Fund für die Begleitforschung zuständig ist. Allerdings passen manche Projekte, die nicht im PTF gefördert werden, mitunter auch in andere Förderrahmen, zum Beispiel bei der Mozilla Foundation. Daneben können Civic-Tech-Projekte natürlich auch bei Förderprogrammen unterkommen, die Civic Tech unter anderem Namen unterstützen, wie etwa bei der Schöpflin-Stiftung.

In den Niederlanden gibt es mit der NLnet Foundation ein Programm, das Civic Tech fördert, eine entsprechende europäische Förderung existiert jedoch (noch) nicht. „Weil es aber globale Probleme sind, fände ich es wichtig, auch globale Entwicklungen und Lösungen in diesem Bereich zu fördern. Aber da sind wir sehr abhängig von sehr wenigen Finanzierungsquellen, wie zum Beispiel dem Open Technology Fund oder der Source Foundation aus den USA“, sagt Jach.

Digitalkonzerne verdrängen zivile Technologien

Auch die global agierenden Digitalkonzerne wie Google oder Amazon, die sich mit ihren Tools und Services in immer mehr Lebensbereichen unentbehrlich machen, erschweren es gemeinwohlorientierten Organisationen, Alternativen durchzusetzen oder überhaupt mitzuspielen, so Geraldine de Bastion: „Von der technischen Perspektive aus sehe ich das als das Kernproblem und das ist wirklich etwas, was ich jeden Tag in meinem eigenen Alltag erlebe. Zum Beispiel jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, ob ich Google mitteile, dass der Weg falsch war. Eigentlich möchte ich der Allgemeinheit diese Information zukommen lassen und mich mit Civic Tech engagieren, aber ich möchte nicht, dass Google davon profitiert. Natürlich kann ich manche Sachen auf Open Street Maps vermerken, aber es gibt so eine massive Verdrängung dieser Lösungen, auch gerade im öffentlichen Bereich.“ Auch die Entwicklungen der Schul-Clouds während der Corona-Pandemie illustrieren das deutlich. Innerhalb kürzester Zeit waren Open-Source-Plattformen wie Big Blue Button verfügbar, aber die kommerziellen Plattformen liefen schneller und zuverlässiger – und wurden daher von den meisten Schulen bevorzugt.

Ein weiterer Grund, warum sich nicht noch viel mehr Menschen in die Entwicklung ihrer digitalen Tools und den Ausbau des gemeinsamen Wissensschatz einbringen, ist für de Bastion das fehlende Wissen um den Umgang mit den eigenen Daten. „Ein Weg dahin wäre es, flächendeckend digitale Ethik und digitale Gestaltung als Unterrichtsfach einzuführen. Wo wir einfach einen weniger konsumorientierten Umgang mit Medien lernen und Menschen schon im Schulalter eigene digitale Projekte auf die Beine stellen können.“

Bürger*innen, erhebt eure Stimme! Forderungen, wie Civic Tech vorangetrieben werden kann

Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe, den Umwelt- und Klimaschutz voranzutreiben, damit wir nicht weiter auf direktem Weg in die Klimakatastrophe steuern. Die Verantwortung sollte dabei allerdings nicht auf zivilgesellschaftliche Akteur*innen allein abgewälzt werden, sondern es bedarf vor allem einer globalen Politik, die an einem Strang zieht und mit wirkungsvollen Maßnahmen Kurs auf die 1,5-Grad-Ziellinie nimmt. Der Kern des bürgerschaftlichen Engagements liegt darin, politische Akteur*innen auf ihre Verantwortung hinzuweisen und weiter Druck aufzubauen – und solange sämtliche Regierungen ihren Versprechungen hinterherhinken, gibt es genug zu tun.

Wie also können Projekte in diesem Bereich gestärkt werden? Das soll an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst werden:

  • Förderung: Einerseits sind mehr spezifische Fördermöglichkeiten für Civic-Tech- und Public-Interest-Tech-Projekte, die gesellschaftlich relevante Herausforderungen insbesondere den Umwelt- und Klimaschutz angehen, nötig. Gleichzeitig sollten die Projekte nicht nur bis zur Fertigstellung des Prototypen unterstützt werden, sondern auch darüber hinaus deren weiterer Betrieb und das Community Building.
  • Open Data: Offene Daten sind eine wichtige Basis für die Entwicklung gemeinwohlorientierte Anwendungen. Möglichkeiten, Daten zu öffnen, gibt es viele. Dazu gehören u.a. Forderungen nach „Public money, public code“, also die Förderungen von Organisationen, Forschung und Unternehmen an die Freigabe der gesammelten Daten zu binden. Denkbar ist auch eine globale Initiative, die für den Klimaschutz wesentliche Daten bereitstellt und global nutzbar macht unter Einbeziehung sämtliche betroffener Communities , wie Geraldine de Bastion vorschlägt.
  • Datensharing: Wenn sie offene Daten für ihre Systeme oder gesellschaftliche Infrastrukturen nutzen, könnte die Wirtschaft über zum Beispiel Data Sharing Agreements verpflichtet werden, entsprechende Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Geregelt werden könnte das über klare Vorgaben und Prioritätensetzungen von Regierungen. Bisher gibt es derartige Regulierungen weder systematisch noch flächendeckend.
  • Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung mit der Zivilgesellschaft: Wirksame Maßnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz anzustoßen und zu entwickeln als auch erfolgreich zu implementieren braucht die Beteiligung, das Wissen und das Verständnis der Gesellschaft als Ganzes. Dazu gilt es, unter anderem die Entwicklung neuartiger Partizipationsprozesse und Förderinstrumente auch auf Basis digitaler Technologien zu fördern – bzw. bereits vorhandene Technologien einzusetzen – und so den Dialog- und Austausch zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltungen zu unterstützen als auch und offen für Feedback und Expertise zu machen (vgl. digitalezivilgesellschaft.org).
  • Marktvorteile für Civic Tech: Um gemeinwohlorientierten Anwendungen bessere Chancen gegenüber digitalen Großkonzernen zu verschaffen, sollten genossenschaftliche und andere alternative Finanzierungsmodelle von Seiten des Staates begünstigt und offene Schnittstellen gefördert werden.
  • Bildung: Um mehr Menschen ihre eigene Wirkmächtigkeit auch in Bezug auf digitale Anwendungen aufzuzeigen und einen informierten Umgang mit der digitalen Welt zu ermöglichen (Data Literacy), ist eine umfassende digitale Bildung gefragt, die schon in den Schulen beginnen sollte.

Der Artikel ist Teil des Dosssiers „Civic Tech – Wege aus der Klimakrise mit digitalem bürgerschaftlichen Engagement“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier Civic Tech

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Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen. Mehr Informationen hier.

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