Civic Tech – Wie Bürger*innen mit digitalen Technologien Zukunft gestalten. Interview mit Geraldine de Bastion

© Gregor Fischer
Schon lange steht bei Geraldine de Bastion die Schnittstelle Menschenrechte und technische Innovation im Mittelpunkt.

Die Digitalisierung ist eine Entwicklung, die wir aktiv gestalten können und müssen, das ist für Geraldine de Bastion klar. Und auch, dass wir die Digitalisierung für mehr Klimaschutz nutzen sollten. Wir sprachen mit ihr über Civic Tech im Umwelt- und Klimaschutz und die Herausforderungen des digitalen Engagements. Bei Geraldine de Bastion dreht sich alles um

Autor Sarah-Indra Jungblut, 14.09.21

Übersetzung Mark Newton:

Die Digitalisierung ist eine Entwicklung, die wir aktiv gestalten können und müssen, das ist für Geraldine de Bastion klar. Und auch, dass wir die Digitalisierung für mehr Klimaschutz nutzen sollten. Wir sprachen mit ihr über Civic Tech im Umwelt- und Klimaschutz und die Herausforderungen des digitalen Engagements.

Bei Geraldine de Bastion dreht sich alles um die Schnittstelle Digitalisierung, Menschenrechte und technische Innovation. Sie ist Mit-Gründerin und CEO der Berliner Agentur Konnektiv, die vor allem in der internationalen Zusammenarbeit, aber auch in anderen Politikbereichen über den Einsatz digitaler Medien sowie die Nutzung neuer und offener Technologien berät. Mit Global Innovation Gathering hat sie zudem ein Netzwerk aus verschiedenen Innovation Hubs aufgebaut, also physischen Orte in fast allen Kontinenten, an denen digitale Innovationen entstehen. Und wer regelmäßiger Besucherin der re:publica ist hat sie vielleicht schon einmal auf der Bühne gesehen, denn de Bastion ist nicht nur Teil des Programm- und Organisationsteams, sondern moderiert auch die Bühne.

Bei Geraldine de Bastion dreht sich alles um die Schnittstelle Digitalisierung, Menschenrechte und technische Innovation. Sie ist Mit-Gründerin und CEO der Berliner Agentur Konnektiv, die vor allem in der internationalen Zusammenarbeit, aber auch in anderen Politikbereichen über den Einsatz digitaler Medien sowie die Nutzung neuer und offener Technologien berät. Mit Global Innovation Gathering hat sie zudem ein Netzwerk aus verschiedenen Innovation Hubs aufgebaut, also physischen Orte in fast allen Kontinenten, an denen digitale Innovationen entstehen. Und wer regelmäßiger Besucherin der re:publica ist hat sie vielleicht schon einmal auf der Bühne gesehen, denn de Bastion ist nicht nur Teil des Programm- und Organisationsteams, sondern moderiert auch die Bühne.

In diesem Interview sprechen wir mit ihr darüber, wie sie selbst dazu kam, sich mit Civic Tech zu beschäftigen, was sie darunter versteht und welche Chancen und Herausforderungen das digitale bürgerschaftliche Engagement speziell im Umwelt- und Klimaschutz mit sich bringt.

Geraldine, wie bist du zu Civic Tech gekommen?

Ich habe Politikwissenschaften studiert und bin damals in eine Vorlesung für Erstsemester reingelaufen. Da saßen 2.000 andere Menschen. Es war das erste Mal in meinem Leben – und vielleicht auch das letzte Mal – dass ich mir strategische Gedanken gemacht habe. Mir wurde bewusst, dass sich auch alle zusammen mit mir bewerben würden, wenn ich raus bin. Und ich dachte, dass ich ein Thema brauche, eine Nische, irgendwas, was nicht alle anderen auch machen. Und dann kam das irgendwie zusammen, dass ich einen Freund hatte, der schon lange Schüler- und Jugendzeitschriften herausgab, und mein Interesse für die menschliche Seite der Digitalisierung. Wir haben 1998 einen Verein gegründet, der hieß Narra und damit wollten wir verschiedene Jugendmedien in Berlin erstmalig vernetzen und digitalisieren. Dazu habe wir eine Plattform gecodet – lange, bevor es sowas wie Blogs gab -, haben Jugendmedien digitalisiert und Trainings für Jugendliche angeboten, wie man im Internet veröffentlicht. Und dann habe ich einfach immer weiter darüber nachgedacht, wie man das Internet für ziviles und soziales Engagement nutzen kann.

Wenn man sich mit Civic Tech beschäftigt, wird der Begriff oft sehr unterschiedlich weit gefasst. Was verstehst du darunter?

Ich glaube, es gibt verschiedene Auslegungen des Begriffs und es kommen auch immer wieder neue Begriffe dazu, da die digitale Welt einfach sehr agil ist. Ich würde Civic Tech als die Nutzung von digitalen Mitteln und Tools für ziviles und bürgerschaftliches Engagement definieren. Also, wie nutzen Menschen digitale Kommunikationswege, wie nutzen Menschen unterschiedliche Technologien, um demokratische und zivile Prozesse zu gestalten und sich einzubringen, also von Bürgerinnen für Bürgerinnen oder auch in der Interaktion mit Regierungen.

Ich denke, dass Civic Tech in letzter Zeit zu einem Trendbegriff geworden ist. Gerade staatliche Organisationen sind darauf gekommen, dass man Civic Tech natürlich auch dafür einsetzen kann, Bürgerinnen wieder in politische Prozesse miteinzubeziehen und diese berühmte Politikverdrossenheit abzubauen. Hinzugekommen ist außerdem der Begriff Gov Tech, sozusagen als Co-Pendant zu dem Begriff Civic Tech, wo es darum geht, wie Verwaltungseinheiten und Regierungsorganisationen digitale Tools und Mittel nutzen können, um sich nahbarer, zugänglicher zu machen. Im letzten Jahr wurden dazu viele neue Sachen ausprobiert, zum Beispiel in der Denkfabrik, die vom Arbeitsministerium initiiert wurde. Und ich durfte auch an dem Wettbewerb „Gemeinsam wird es KI“ mitwirken, wo es darum geht, gemeinnützig orientierte Entwicklungen im Bereich KI zu fördern.

Also mit Technologien Schnittstellen zwischen Bürgerinnen, Zivilgesellschaft, Unternehmen und Regierungen schaffen – ist das der Kern von Civic Tech?

Ich würde sagen ja. Und dann eben auch die Frage, wie dadurch neue Schnittstellen entstehen können. Einmal zwischen Communities an sich und zwischen Communities, Regierung und Verwaltung. Und die Frage, wie wir durch Digitalisierung Prozesse öffnen und mehr Menschen miteinbeziehen können, wie wir eine intensivere, gemeinsame Arbeit zwischen Menschen und entscheidenden Organisationen bewirken. Das ist im politischen Bereich natürlich genauso wichtig wie im akademischen Bereich, in der Forschung.

Welche Rolle spielen dabei offene Daten bzw. überhaupt der ganze Open Source-Gedanke?

Vieles, was an Civic Tech in den letzten Jahren entstanden ist, kommt stark aus einem bürgerschaftlichen Engagement heraus, das eben auch versucht, prinzipielle demokratische Grundwerte digital zu interpretieren und das deswegen auch eine starke Verwobenheit zwischen Open Source und Civic Tech besteht. Weil vielen dieser Ansätze eben gemeinsamen Werte – wie Offenheit und Transparenz – zu Grunde liegen. Das sieht man ja auch an Organisationen, die Civic Tech in Deutschland entwickeln, wie die Open Knowledge Foundation oder der Prototype Fund. Die meisten Open-Data-Initiativen werden von Menschen initiiert, die sagen, hey, vielleicht können wir auch mal über Daten nachdenken, lass uns doch mal gucken, was Regierungen für spannende Daten haben, ob man die öffnen und was damit machen kann.

Gleichzeitig wächst auch das Bewusstsein auf Regierungsseite dafür, die Daten zu öffnen und den Bürgerinnen zur Verfügung zu stellen, unter anderem deshalb, weil der Druck wächst. Ich sehe das vor allem auf städtischer Ebene, weil ich in Berlin zum Beispiel im City Lab mit an Bord sein darf. Bei Bürgerinnen wächst aber auch das Bewusstsein dafür, wie mit dem Thema Daten umgegangen werden sollte.

In Deutschland gibt es also durchaus ein wachsendes Interesse an Civic-Tech-Projekten. Wie sieht das im europäischen bzw. globalen Kontext aus?

Insgesamt sind die Entwicklungen ähnlich wie in Deutschland. Natürlich gibt es auch Länder, die mit dem Thema in den letzten Jahren anders umgegangen sind, zum Beispiel Estland. Das kleine Land ist in der Digitalisierung wegweisend vorangegangen und Open Data hat da schon lange einen ganz anderen Stellenwert. Es gibt verrückte Statistiken dazu, wie effektiv diese Maßnahmen gewesen sind. Deren Open-Data-Portale werden jetzt, sozusagen in der zweiten Generation, mit einem neuen Bewusstsein wirklich gemeinwohlorientiert eingesetzt. Denn in Estland hat sich gezeigt, dass von Daten, die komplett offen ins Netz gestellt werden, vor allem Konzerne und kommerzielle Startups profitieren. Und die Sachen, die daraus entstehen, eben auch eher kommerzielle als gemeinwohlorientierte Lösungen sind. Das liegt einfach an der Innovationskraft der Unternehmen, die sich diese Daten zu eigen machen und nutzen können. Wenn beispielsweise bestimmte Mobilitätsdatensätze veröffentlicht werden, dann sind es in der Regel kommerziell orientierte Startups, die das machen, weil gemeinnützige Initiativen oder Vereine langsamer sind oder ihnen die Innovationskraft fehlt. Aber der Wunsch ist es ja eigentlich, dass gemeinwohlorientierte Anwendungen aus den Datensätzen entstehen.

Aber wir kriegt man das hin, dass aus offenen Daten vor allem gemeinwohlorientierte Anwendungen entstehen?

Viele verschiedene Digital Rights-Organisationen und Vordenker*inne denken dazu über abgestufte Datennutzungskonzepte nach, sodass gemeinwohlorientierte Lösungen bevorzugt werden und einen anderen Zugang zu den dann nicht mehr ganz offenen Datensätzen haben, die aber im Prinzip immer noch offen gedacht sind. Anstatt zu sagen, alles ist einfach offen, gibt es dann eben unterschiedliche Ansätze.

Solche Data Trust Stewardships, also dass Zwischeninstanzen geschaffen werden, und wie diese dann designt werden können und wer Stewardship-Rollen einnehmen kann, das ist alles noch in der Entwicklung. Es sind zunehmend Dialoge im Gang, wo solche Konzepte gemeinsam mit Regierungsorganisationen besprochen werden. Auf nationaler und europäischer Ebene stehen wir noch in den Anfängen, es passieren aber auch schon sehr viele Sachen. Und es gibt tolle Projekte, die einen fantastischen Schatz an Open-Source-Grundlagen dafür entwickelt haben, wie zum Beispiel das DECODE Projekt aus Barcelona und Amsterdam, die auch Civic-Tech-Plattform entwickeln, worüber Entscheidungen und Konsultationsverfahren mit Bürger*innen gemacht werden können. Also wirklich so ein Open-Source-Toolsatz für städtisches Civic-Tech-Management. Und hier haben sie sich auch schon mit solchen Datenkonzepten auseinandergesetzt und Ansätze entwickelt, die natürlich von anderen Städten weitergedacht werden.

Du hast viele Beispiele genannt, die bei demokratischen Prozessen ansetzen. Was meinst du, können uns Civic-Tech-Lösungen dabei helfen, die Klimakrise in den Griff zu bekommen?

Einerseits finde ich, dass es da Aufgaben gibt, die definitiv von staatlicher Seite ausgeführt werden sollten. Dazu gehört an allererster Stelle der Infrastrukturausbau, denn moderne Infrastrukturen sind auch klimaschützend. Der Mobilfunkstandard 5G überträgt zum Beispiel die gleiche Datenmenge mit fast 80 Prozent weniger Energie. Bisher gibt es da leider keine vernünftige Verantwortungsübernahme in diesem Land.

Und dann geht es darum, wie wir Druck auf unsere Regierung ausüben können, dieser Verantwortung nachzukommen. Es gab viele schöne Entwicklungen in den letzten Jahren, wo einfach neue Allianzen geschaffen wurden. Ich glaube, es gab ein ganz großes Anliegen auf beiden Seiten, auf jeden Fall kann ich das aus Perspektive der digitalen Aktivist*innen sagen. Wir verstehen viele der Themen, die wir bearbeiten, als intersektorale Themen, die demokratische Grundwerte ansprechen und wünschen uns deswegen auch eine Zusammenarbeit mit anderen Bewegungsorganisationen. Das Zusammenwachsen der digitalen Zivilgesellschaft mit Klima- und Umweltschutzorganisationen ist ein sehr wichtiger Faktor gewesen. Auch deswegen, weil man dann nicht so gut gegeneinander ausgespielt werden kann. Die böse Digitalisierung, die böse Blockchain, der Energieverbrauch … Da lässt sich leicht eine Spaltung in diese Form des zivilen Engagements reinbringen, obwohl sie aus meiner Sicht letztendlich sehr, sehr eng zusammengehören und es wichtig ist, diese beiden Politikwelten zusammenzudenken.

Es ist toll zu sehen, wie zum Beispiel über das Bits und Bäume-Netzwerk auch andere Initiativen diese Schnittstellen immer weiter ausgebaut wurden und diese Bewegungen immer weiter zusammenwachsen.

Warum gehören für dich Civic-Tech-Ansätze und die Klimabewegung eng zusammen?

Ich glaube, dass wir sehr nah beieinander sind, denn wir wollen weder eine kontrollierte Überwachungsgesellschaft noch eine, in der Menschen nicht mehr sicher leben können, weil die Luft nicht mehr atembar oder das Klima nicht mehr erträglich ist. Für mich sind das immer schon sehr verwandte Konzepte, wenn man sich für eine bessere Zukunft für diese und nächste Generationen einsetzt.

Der andere Aspekt ist, dass die Digitalisierung natürlich alle Bereiche unserer Gesellschaft verändert und wir uns oft diesem Ohnmachtsgefühl hingeben, als sei es etwas, dass einfach mit uns passiert. Aber ich glaube, dass alle, die sich als Teil des digital aktivistischen Kreises sehen, Digitalisierung als etwas begreifen, das wir gestalten und formen können. Und deswegen können wir natürlich auch diese Technologien nutzen, um Zukunft zu gestalten. Und da gehört es dazu, die Digitalisierung zu nutzen, um den Klimaschutz voranzutreiben und sich für eine lebenswerte Umwelt einzusetzen. Es wird schon viel ausprobiert, damit experimentiert und getestet – und es ist noch so viel mehr möglich.

Hast du Lieblingsprojekte, die Civic Tech im Klimaschutz einsetzen?

Es gibt so viele! Gerade im letzten Jahr, wahrscheinlich auch wegen Corona, gab es eine Konjunktur. In Berlin hatten wir den Energy Hack – das ist jetzt nicht das beste Projekt aller Zeiten, aber man sieht daran, wie Akteure zusammenkommen können, um sich wirklich Sachen gemeinsam zu überlegen. Es gab den Code for Climate, der auch über den Code für Germany gelaufen ist und viele kleinere Smart-City-Projekte, wie zum Beispiel in Berlin „Gieß den Kiez“, eine Anwendung, die anzeigt, welche Bäume im Kiez gewässert werden sollten. Und dann kannst du da als Bürger eben einen Baum gießen gehen. Das ist von allen Smart-City-Projekten vielleicht nicht das tollste, aber es zeigt die riesengroße Bandbreite an Innovationen, die gerade stattfinden.

Was sind die größten Herausforderungen von Civic-Tech-Lösungen?

Sehr spannend zu sehen sind aber auch immer wieder Sachen, die sich vielleicht noch gar nicht explizit in dieser Schnittstelle anpreisen. Wir hatten kürzlich einen Workshop, in dem der Gründer von Code for Japan in einem Vortrag sehr für den Einsatz von Open-Source-Technologien in Verwaltung und Regierung plädiert hat und ein paar schöne kleinere Beispiele genannt hat. Teilweise waren auch Projekte dabei, die aus dem DECODE-Projekt hervorgegangen sind. Und genau daran kann man auch erkennen, wie ressourcenschonend der Open-Source-Ansatz ist. Man muss nicht überall das Rad immer wieder neu erfinden, sondern kann Sachen nutzen, an unterschiedliche Orte anpassen und spart dadurch Ressourcen und Entwicklungskosten und hat die Möglichkeit, globale Netzwerke einzusetzen.

Also, es gibt verschiedene sehr große Hürden, die es auch schon sehr lange gibt. Dazu würde ich in allererster Linie die Finanzierung zählen, weil es einfach kaum Möglichkeiten gibt, Civic-Tech- und Open-Source-Lösungen finanziert zu bekommen. Der Prototype Fund ist eine große Aufnahme, finanziert aber zum Beispiel auch nur Software- und keine Hardware-Entwicklung. Und auch wirklich nur sehr lokal.

Weil es aber globale Probleme sind, fände ich es wichtig, auch globale Entwicklungen und Lösungen in diesem Bereich zu fördern. Aber da sind wir sehr abhängig von sehr wenigen Finanzierungsquellen, wie zum Beispiel dem Open Tech Fund oder der Source Foundation aus den USA. In Europa gibt es keinen Fund für Civic-Tech-Initiativen und eine Anschlussfinanzierung und organisationale Finanzierung, also eine Finanzierung, die nicht nur projektbasiert ist, ist sogar vollkommen unmöglich.

Verwandt ist damit das Problem der Skalierung, auch gerade in Europa aufgrund unserer unterschiedlichen Sprachkontexte oder der unterschiedlichen Kulturräume. Es gibt immer noch sehr wenige europäische Civic-Tech-Initiativen. Das ist schade – gerade in einer Zeit, wo wir sehr gut daran täten, diesen europäischen Gedanken aufrecht zu erhalten, mit Leben zu füllen und vielleicht auch mit Tools zu begleiten, sodass neue Verbindungen entstehen können.

Eine andere Hürde ist auf jeden Fall die Übermacht der großen Konzerne, die es anderen gemeinwohlorientierten Organisationen schwer macht, etwas anderes aufzubauen oder überhaupt mitzuspielen. Von der technischen Perspektive aus sehe ich das als das Kernproblem. Und das ist wirklich etwas, was ich jeden Tag an meinem eigenen Alltag erlebe, zum Beispiel jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, ob ich Google mitteile, dass der Weg falsch war. Eigentlich möchte ich der Allgemeinheit diese Information zukommen lassen und mich mit Civic Tech engagieren, aber ich möchte nicht, dass Google davon profitiert. Natürlich kann ich manche Sachen auf Open Street Maps vermerken, aber es gibt so eine massive Verdrängung dieser Lösungen, auch gerade im öffentlichen Bereich. Auch bei den Schulclouds ist es ähnlich. Alternative Plattformen sind (noch) nicht so zuverlässig, und die kommerzielle Plattformen sind schneller gewesen.

Wie toll wäre es, wenn wir neben der Wikipedia andere Formen des öffentlich-rechtlichen, kollektiven Wissens wie Google hätten, wo dieses Wissen tatsächlich auch der Allgemeinheit zu Gute kommt und noch mehr Bürgerinnen Lust haben, ihr Wissen zu teilen und sich gemeinschaftlich engagieren.

Und wir können wir dahin kommen, dass solche kooperativen Lösungen wirklich von Bürgerinnen umgesetzt werden und nicht von einzelnen Unternehmen?

Enteignen (lacht)! Doch, ich finde schon. Die Lobbymacht dieser Plattformen ist so groß, da bleiben sehr, sehr wenig Denkräume. Ich würde mir natürlich eine Welt wünschen, in der es kooperative Plattformlösungen gibt.

Ich glaub das ist alles tatsächlich machbar und auch denkbar, dass es Modelle gibt, die sowas nutzbar und finanzierbar machen. Ich erlebe das immer wieder in Deutschland, dass wir zwar diesen europäischen dritten Weg groß anpreisen, aber an eigene, neue Plattformmodelle wagt sich niemand ran. Und dann entsteht wieder dieses Ohnmachtsgefühl.

Wie schaffen wir es denn, Menschen dazu zu motivieren, sich in digitale Entwicklungsprozesse aktiv einzubringen?

Das Schlüsselwort ist natürlich digitale Bildung, also Menschen den Umgang mit den eigenen Daten zu vermitteln. Ein Weg dahin wäre es, flächendeckend digitale Ethik und digitale Gestaltung als Unterrichtsfach einzuführen. Wo wir einfach einen weniger konsumorientierten Umgang mit Medien lernen und Menschen schon im Schulalter eigene digitale Projekte auf die Beine stellen können. Auch für mich war diese Erfahrung so wichtig, eigene Initiativen aufzusetzen. Nicht, dass ich jetzt wirklich coden kann, aber man kriegt ein Bewusstsein dafür, was man damit selber machen kann.
Wie können wir also mit Civic-Tech-Tools Bewegung in das Klimathema bringen? Wo sollten wir ansetzen?

Vielleicht fang ich mit ein paar Dingen an, die nicht unbedingt nur im Civic-Tech-Bereich liegen, aber auch hier wesentlich sind. Ein Thema hatten wir ja vorhin schon erwähnt, die Förderung. Ich persönlich fände es sehr sinnvoll, wenn wir bestimmte Werte miteinander verbinden und Förderungen darauf abzielen, wie es zum Beispiel über den Prototype Fund gemacht wird. Und wenn wir zum Beispiel staatliche Investitionen in Startups stecken, warum sollten sie nicht per se an Unternehmen gehen, die sich für Klimaschutz, soziale Kohäsion und Geschlechtergerechtigkeit einsetzen?

Das zweite ist das Thema Open Data. Es sollte eine globale Initiative geben, die Daten, die für den Klimaschutz gebraucht werden, bereitstellt und global nutzbar macht. Und das natürlich geleitet von dem Gedanken, wie gerade die Communities, die auch davon betroffen sind, an erster Stelle miteinbezogen werden und wie die Zusammenarbeit hergestellt wird.

Dazu gehören für mich auch Verpflichtungen, dass sich die Wirtschaft über zum Beispiel Data Sharing Agreements daran beteiligen und entsprechende Daten gemeinwohlorientiert nutzbar machen muss. Ich finde, das sind alles Regulierungsfragen, wo es ganz klare Vorgaben und Prioritätensetzungen geben müsste, die wir zwar in Ansätzen haben, aber bisher weder systematisch noch flächendeckend.

Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe und wir sehen so oft die Verantwortungsabwälzung auf Akteure, die sich von ziviler Seite engagieren. Und ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir in diesem Bereich sehen, wo die Verantwortungen liegen. Darin liegt auch ein Kern des bürgerschaftlichen Engagements, nämlich andere Akteure auf ihre Verantwortung hinzuweisen.

Vielen Dank für das Interview, Geraldine!

Der Artikel ist Teil des Dosssiers „Civic Tech – Wege aus der Klimakrise mit digitalem bürgerschaftlichen Engagement“. Alle Artikel des Dossiers findest du hier: Dossier Civic Tech

Das Dossier ist Teil der Projekt-Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), in deren Rahmen wir vier Dossiers über zwei Jahre zum Thema „Chancen und Potenziale der Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung“ erstellen.

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