Citizen Science – Als Laie die Forschung unterstützen

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© NABU/Sebastian Hennigs

Vögel zählen, Satellitenbilder auswerten, Luftwerte messen – viele Organisationen und Forschungseinrichtungen setzen auf Bürgerunterstützung bei der Forschungsarbeit. Neue digitale Tools machen die Mitwirkung an neuen Erkenntnissen für Laien-Forschende noch einfacher.

Autor Sarah-Indra Jungblut, 04.06.19

Übersetzung Mark Newton:

Wissenschaft kann sehr kleinteilig sein. Gilt es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche und wie viele Tiere aktuell unsere Städte, Wälder und Felder bevölkern, wie sich unsere globalen Waldbestände entwickeln oder wie es um die Schadstoffbelastung in unserer Luft steht, werden Unmengen an Daten benötigt. In vielen Bereichen unterstützen uns darin bereits schlaue Technologien; Sensoren messen die Luft- und Wasserqualität, Satelliten erfassen unsere Baumbestände und helfen dabei, Tierpopulationen zu erfassen und schlaue Algorithmen unterstützen bei der Vorhersage von Naturkatastrophen. Es gibt aber nach wie vor viele Bereiche, in denen zwei gesunde Augen unersetzlich sind – auch Satellitenbilder müssen ausgewertet werden und Sensoren installieren sich nicht von allein.

Mittlerweile sammeln, messen, kartieren, fotografieren und dokumentieren tausende Bürger ehrenamtlich Insekten, Vögel, Pflanzen, Luft- und Lärmverschmutzung im Auftrag von Organisationen und Forschungsinstituten wie dem NABU oder der NASA. Besonders zeitintensiv sind die Aufträge als Laien-Forschende nicht und sie lassen sich meist im eigenen Umfeld oder vorm heimischen Bildschirm erledigen. Die Rede ist von Citizen Science.

Rückenwind dank digitaler Tools

Ganz neu ist das Konzept von Citizen Science nicht – im Gegenteil. Die erste bekannte Aktion, bei der Wissenschaftler*innen mit Bürger*innen zusammenarbeiteten, fand bereits im Jahr 1900 in den USA statt. Damals rief die National Audubon Society erstmalig zum Christmas Bird Count auf. Seitdem wird die Vogelzählung jedes Jahr durchgeführt und der Bestand bestimmter Arten erfasst.

Durch die Digitalisierung hat diese Art der Forschungskooperation jedoch ordentlich Rückenwind erhalten. Die Multifunktionalität von Smartphones und die Open Access-Bewegung macht es mehr Menschen als jemals zuvor möglich, sich an der Wissenschaft zu beteiligen. In den meisten Projekten sind Apps und Plattformen die Schnittstelle, auf denen die Daten erhoben oder unabhängig von Ort und Zeit online gesichtet und ausgewertet werden.

Wissenschaft wird greifbar

Aber wie hilfreich ist das wirklich, wenn Bürger*innen im Auftrag der Forschung Daten auf Plattformen und in Apps einspeisen? Für Laien-Forschende springen bei der Beobachtung und Zählung von Tieren, Bäumen oder Wolken mit Sicherheit eine Menge neuer Erfahrungen und Erkenntnisse über unseren Planeten heraus. Gleichzeitig entsteht ein größerer kollektiver Erfahrungsschatz, wenn die Crowd mitmacht. Und geht die Forschungstätigkeit über die reine Datensammlung (Crowdsourcing) hinaus, indem der Forschungsprozess aktiv mitgestaltet wird, werden nicht nur die Probleme deutlicher sichtbar, sondern im besten Fall auch die Lösungen. Im Rahmen einer „Partizipativen Wissenschaft“ wird die Bevölkerung beispielsweise in die Entwicklung der Frage- und Problemstellung einbezogen. Bei der „Extreme Citizen Science“ beteiligen sich Amateure in allen Schritten eines Forschungsvorhabens. Auf Ebene der Forschenden kann eine gelungene Einbindung von Bürger*innen dafür sorgen, die Datensätze enorm zu steigern, differenzierte Ergebnisse zu erhalten und neue Perspektiven zu gewinnen.

Damit tragen die Bürgerwissenschaften nicht nur zu mehr Demokratisierung und Transparenz in der Forschung bei, sondern auch zu einem verstärkten und neuartigen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Wo geht’s lang zu Citizen Science?

  • Bürger schaffen Wissen

Eine zentrale Anlaufstelle für Erkundungswillige ist die Online-Plattform Bürger schaffen Wissen. Die Plattform präsentiert, vernetzt und unterstützt Citizen-Science- Projekte, in denen Bürger*innen gemeinsam mit Wissenschaftler*innen zu verschiedenen Themen forschen. Initiator*innen von Citizen Science-Projekten können Projekte einstellen, Erfahrungen austauschen und sich vernetzen, Forschungswillige finden passende Ausschreibungen.

Die Plattform ist ein Gemeinschaftsprojekt von Wissenschaft im Dialog und dem Museum für Naturkunde Berlin.

  • Vögel und Insekten zählen mit dem NABU

Jedes Jahr sucht der NABU Unterstützung beim Vögelzählen. Die bundesweite Aktion „Stunde der Gartenvögel“ findet jedes Jahr am zweiten Maiwochenende statt und ruft alle Naturfreunde auf, Vögel zu notieren und zu melden.

2019 fand die „Stunde der Gartenvögel“ bereits zum 15. Mal statt und brach alle Rekorde. Mehr als 72.000 Vogelfreund*innen aus 48.500 Gärten und Parks haben gemeinsam rund 1,6 Millionen Vögel gemeldet.

Erstmalig startet der Naturschutzbund 2019 die Aktion „Insektensommer“. Bundesweit sollen damit die kleinen, fleißigen Helfer unserer Ökosysteme näher in den Fokus rücken und kontinuierlich  erfasst werden.

  • Naturgucker

Die gemeinnützige Genossenschaft naturgucker.de engagiert sich dafür, mehr Menschen für die Natur und deren Beobachtungen zu begeistern. Dazu betreibt die Genossenschaft allein oder gemeinsam mit Partnern verschiedene Projekte wie naturgucker.de, das soziale Netzwerk für Naturbeobachter*innen und alle, die es werden wollen oder artenquiz.de, mit dem neue Bestimmungshilfen aufgebaut und gleichzeitig die eigenen Artenkenntnisse getestet und erweitert werden.

  • Mückenatlas

Das Projekt „Mückenatlas“ ist ein typisches Citizen-Science-Projekt, in dem Bürger*innen helfen, wissenschaftlich verwertbare Daten zu erheben. Teilnehmende sammeln und verschicken Mücken, die von Spezialisten für die wissenschaftliche Auswertung aufgearbeitet werden und zur Weiterentwicklung von Forschungsthemen beitragen.
Beim Mückenatlas bringen sich Bürger*innen aktiv in die Forschung ein, im Gegenzug erhalten sie Detailinformationen über die Biodiversität, Ökologie und Biologie der blutsaugenden Insekten. Die Forschung nutzt die Datensätze, um beispielsweise Verbreitungskarten der einzelnen Arten zu erstellen.

  • Österreich forscht

Auf der Plattform Österreich forscht treten ca. 30 Institutionen gemeinsam auf und arbeiten intensiv zusammen, um die Citizen-Science-Akteure in Österreich und international zu vernetzen, die Qualität von Citizen Science weiter zu fördern und die Methode weiterzuentwickeln. Auf der Webseite sind Citizen-Science-Projekte in Österreich gelistet und umfassende Informationen zum Thema Citizen Science in Österreich und der Welt zu finden.

  • Globe Observer – Gemeinsam mit der NASA die Welt vermessen

Die App GLOBE Observer der NASA lädt dazu ein, Umweltbeobachtungen durchzuführen, die die Satellitenbeobachtungen der NASA ergänzen und den Forschenden helfen, unsere Erde und die globale Umwelt zu untersuchen. Die App umfasst derzeit die Beobachtung und Dokumentation von Wolken, Bäumen, Moskito-Habitaten und der Landbedeckung.

Autorin: Sarah-Indra Jungblut, RESET-Redaktion (Juni 2019)

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