“Dass es Citizen Science überhaupt gibt, war mir vorher gar nicht bewusst und schon gar nicht, dass wir bereits als Schüler:innen unseren Teil zur Wissenschaft beitragen können.”
Schon zweimal war der 13-Jährige Jonathan aus Berlin mit den “Plastic Pirates” unterwegs – einmal mit seiner Schule und einmal mit einer Jugendgruppe. In dem Projekt, das dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, werden Kinder und Jugendliche zu Forschenden. Zusammen mit Wissenschaftler:innen, Lehrer:innen und Freiwilligen untersuchen sie die Plastikverschmutzung an deutschen Flüssen und Küsten. Die gesammelten Daten werden zentral erfasst und fließen in die Umweltforschung ein.
Die beiden Partner, die die Plastic-Pirates-Aktionen in Deutschland begleiten, sind das Ecologic Institut in Berlin und die Kieler Forschungswerkstatt. Im Interview mit RESET berichtet Doris Knoblauch, Director Resources Programme am Ecologic Institut, mehr über das Projekt. Jonathan erzählt uns zudem von seiner Erfahrung als Teilnehmer – und was sich dadurch in seinem Alltag verändert hat.
Von Chile nach Deutschland und Europa
2879 Ergebnisse zeigt die interaktive Weltkarte der “Plastic Pirates – Go Europe” im Juli 2026. Sie veranschaulicht, wo seit Projektstart im Jahr 2016 überall Daten erhoben wurden. Es finden sich Datensätze aus 13 europäischen Ländern, von Spanien bis Lettland, sowie von internationalen Standorten wie Kanada und Chile. Hinter jedem Eintrag steht eine Citizen-Science-Aktion an einem lokalen Fluss oder an einer Küste. Der Begriff Citizen Science bezeichnet die Beteiligung von Bürger:innen an Forschungsprojekten unter der Leitung von Wissenschaftler:innen.
Zum Start der Plastic Pirates in Deutschland wurde auf Erfahrungen aus Chile zurückgegriffen. Als Vorbild diente das Programm “Científicos de la Basura“ (“Müllwissenschaftler:innen”), das der deutsche Meeresbiologe und Professor Martin Thiel 2007 an der Universidad Católica del Norte in Coquimbo initiierte.
Heute stammen 1511, und damit über die Hälfte aller online verfügbaren Datensätze, aus Deutschland. “Was als Projekt angelegt wurde, ist fast schon zu einer Langzeitstudie geworden. Es ist unglaublich wertvoll, so viele Daten in so kurzer Zeit, aber über einen längeren Zeitraum zu erheben”, sagt Doris Knoblauch. Die Sozialwissenschaftlerin arbeitet seit 2017 mit den Plastic Pirates zusammen.
Von Deutschland aus weitete sich das Projekt ab 2020 in andere europäische Länder aus. Nach und nach entstand so das Netzwerk der Plastic Pirates Europe. Alle beteiligten Partnerländer einigten sich auf eine einheitliche Methodik der Datenerhebung. So bleiben die Daten vergleichbar und können neben der nationalen Analyse auch auf europäischer Ebene ausgewertet werden.
Mit den Plastic Pirates am Wasser
Die Probenentnahmen finden in den beteiligten Ländern zweimal pro Jahr, jeweils im Frühling und im Herbst, statt. “Die Aktion ist so angelegt, dass Lehrkräfte sie eigenständig mit ihren Schüler:innen durchführen können. Wir stellen Material bereit, mit dem mehrere Schulstunden gestaltet werden können”, erklärt Knoblauch.
Der wichtigste Teil ist jedoch, dass die Kinder und Jugendlichen ‘ins Feld’ gehen und nach einem wissenschaftlichen Probennahmeprotokoll selbst Daten zur Müllverschmutzung erheben. Bei jeder Aktion sammeln die Teams Abfälle aus Flüssen, an Küsten und auf Stränden, die sie dann analysieren, dokumentieren und schließlich ordnungsgemäß entsorgen.
“Ich habe echt nicht damit gerechnet, dass wir so viele Zigarettenstummel und Glasscherben finden und auch die Menge an Verpackungsmüll hat mich überrascht. Von Chipstüten über Burgerverpackungen bis zu Lollipapier war alles dabei”, berichtet Jonathan von seiner Erfahrung als Plastic Pirate an der Spree in Berlin.
Auch nicht-sichtbarer Müll wird untersucht: “Wir hatten ein Mikroplastik-Netz im Einsatz”, erinnert sich der Schüler. “Das fanden alle super spannend. Zuerst haben wir es von einer Brücke ins Wasser gelassen. Als wir es später herausgezogen haben, war nichts darin zu sehen.” Erst bei der Untersuchung im Labor wurden die Mikroplastikpartikel sichtbar. Die Forschenden teilten die Laborergebnisse später mit Jonathan und seiner Klasse.
“Die Aktion ist etwas ganz anderes als der theoretische Unterricht in der Schule. Die Kinder führen sie in dem Wissen durch, dass sie echte Daten für echte Wissenschaftler:innen erheben. Daten, die dann auch wirklich genutzt werden. Das ist schon etwas Besonderes”, sagt Knoblauch. Die Forschenden überprüfen die Datensätze dann noch einmal, bevor sie für wissenschaftliche Auswertungen genutzt werden.
Daten im Einsatz
Weltweit landen jährlich etwa ein bis zwei Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Davon stammen circa 80 Prozent von Quellen an Land. Eintrittspunkte sind Flüsse und Küstengebiete. Die Daten der Plastic Pirates füllen eine wichtige Lücke, die rund um Plastikverschmutzung an Flüssen besteht: Je besser wir verstehen, woher der Müll kommt, wie er sich zusammensetzt, und wie er sich seinen Weg ins Meer bahnt, desto effektiver lässt sich sein Eintritt in die Ozeane verhindern.
An manchen Orten, an denen die Plastic Pirates aktiv sind, stoßen sie direkt konkrete Maßnahmen an. “Einige Klassen haben zum Beispiel im Nachgang angeregt, dass mehr Mülleimer aufgestellt werden oder Mülleimer mit Deckel, damit Möwen oder andere Tiere keine Abfälle herausziehen können”, berichtet Knoblauch. “Es gab Gespräche mit Strandkiosk-Betreiber:innen, mehr Mehrweg-Optionen anzubieten oder mehr Infrastruktur für Raucher:innen [zu schaffen].”
Das Ecologic Institut nutzt die gesammelten Daten für aktive, breit gestreute Wissenschaftskommunikation. Das Team nimmt an Konferenzen und Plastikverhandlungen teil. Es tauscht sich mit Umweltministerien, -bundesämtern, Unternehmen, NGOs und anderen Stakeholdern aus. “Wir informieren und schaffen eine Basis, auf deren Grundlage dann Politik gemacht werden kann”, sagt Knoblauch.
Die Plastikflut bremsen
In der Wahrnehmung der Wissenschaftlerin hat sich der gesellschaftliche Diskurs in den letzten Jahren jedoch eher von der Problematik entfernt: “Meeresmüll war einmal sehr hoch auf der internationalen Agenda und gesellschaftlich viel diskutiert. Jetzt stehen andere Themen im Vordergrund”, sagt sie.
Dabei hat sich die weltweite Kunststoffproduktion in den letzten zwei Jahrzehnten leise verdoppelt. In Verbindung mit überlasteten Abfallwirtschaftssystemen nimmt so die Plastikverschmutzung kontinuierlich zu. Von den etwa 350 Millionen Tonnen Plastikmüll, die jährlich anfallen, werden laut einer OECD-Studie rund 22 Prozent nicht ordnungsgemäß entsorgt. Das entspricht knapp 80 Millionen Tonnen Plastik. Vieles davon zerfällt früher oder später zu Mikroplastik und verbleibt damit dauerhaft in Böden, Flüssen und Meeren – und auch in uns Menschen.
In der weltweiten Bekämpfung von Ozeanplastik ist neben der Vermeidung an der Quelle die Verbesserung von Müllentsorgung und Mehrwegsystemen, vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, ein wichtiger Hebel. Obwohl dort pro Kopf deutlich weniger Plastik verbraucht wird als in Ländern mit höherem Einkommen, gelangt viel mehr Plastik in die Umwelt. Neben mangelnder Infrastruktur tragen dazu auch die Müllexporte anderer Länder bei. Die EU beispielsweise exportierte im Jahr 2025 1,46 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in Länder wie die Türkei, Malaysia, Indonesien und Vietnam. Deutschland war mit einem Anteil von knapp 816.000 Tonnen der weltweit größte Exporteur.
Zum Schutz der Ozeane muss außerdem noch besser erforscht werden, wo die Hauptläufe der Plastikflut sind. Lange ging man davon aus, dass höchstens 20 große Flüsse den Großteil des Plastikmülls ins Meer transportieren. Entgegen dieser Annahme zeigte eine Studie von The Ocean Cleanup inzwischen, dass rund 1.000 kleinere und mittlere Flüsse für fast 80 Prozent der weltweiten Plastikeinträge verantwortlich sind.
Es sind Flüsse in dicht besiedelten Küstenregionen mit schlechter Entsorgungsinfrastruktur, die die größten Mengen an Plastikmüll ins Meer tragen. Auch hohe Niederschlagsmengen im Einzugsgebiet des Flusses begünstigen die Reise des Mülls. In Jakarta in Indonesien und Manila auf den Philippinen beispielsweise treffen diese Faktoren zusammen. Obwohl beide Städte an relativ kleinen Flüssen liegen, senden sie überproportional viel Plastik ins Meer.
Wissen schafft Zukunft
Neben der Bekämpfung von Plastik geht es den Plastic Pirates vor allem um eines: Die Umwelt- und Wissenschaftskompetenz in der Gesellschaft zu stärken – und das so früh wie möglich. Im Schnitt sind die Teilnehmer:innen zwischen 10 und 16 Jahren alt, aber auch jüngere Altersgruppen machen mit.
Seit 2016 waren in Deutschland über 24.000 Kinder und Jugendliche als Plastic Pirates unterwegs. “Inzwischen haben so viele Schüler:innen an der Aktion teilgenommen: Wenn wir nur einen Bruchteil davon für die Wissenschaft begeistern konnten, blicke ich zuversichtlich in die Zukunft”, sagt Knoblauch.
Das Besondere an Citizen Science: Umweltprobleme werden greifbarer. Gleichzeitig erleben Teilnehmer:innen, dass sie selbst aktiv werden können – und das in Gemeinschaft sogar Spaß macht. Auch wenn die Aktionen, an denen Jonathan beteiligt war, schon eine Weile her sind, begleiten sie ihn immer noch im Alltag:
“Ich achte noch mehr darauf, dass kein Müll in der Umwelt landet, weil am Ende alles ins Meer gespült wird. Wenn Freunde manchmal was auf den Boden werfen, hebe ich das wieder auf und werfe es in den Mülleimer. Und es fällt mir jetzt viel mehr auf, wenn Leute ihre Zigarettenkippen wegwerfen.”
Zum zehnjährigen Jubiläum der Piraten gibt es im Herbst 2026 und im Frühjahr 2027 zwei neue Aktionszeiträume, die Kinder und Jugendliche zum Mitforschen einladen. Begleitend dazu organisiert das Ecologic Institut moderierte Diskussionsrunden mit interessierten Schulklassen rund um das Thema Mikroplastik. Wer mit Schüler:innen oder einer Jugendgruppe auf Forschungsmission gehen möchte, kann sich hier anmelden.




