The Ocean Cleanup holt zum nächsten Schlag gegen Plastikmüll in unseren Meeren aus

Boyan Slat und seine Organisation The Ocean Cleanup bleiben dran am Thema Plastikmüll in unseren Meeren: Mit der neusten Idee, dem „Interceptor“, soll der Plastikmüll aufgefangen werden, bevor er im Ozean landet.

Autor*in Sarah-Indra Jungblut, 31.10.19

Übersetzung Sarah-Indra Jungblut:

Wir haben in der Vergangenheit bereits über das ambitionierte Vorhaben des jungen Niederländers Boyan Slat berichtet, mit einem „Sammelgerät“ unsere Meere vom Plastikmüll zu befreien. Als wirklich gescheitert kann man dieses Vorhaben (noch) nicht bezeichnen, doch die Sache ist komplizierter als gedacht. Der Prototyp, eine bogenförmige Konstruktion aus schwimmenden Plattformen, die mittels der natürlichen ozeanischen Kräfte den Plastikmüll fangen soll, hat Anfang des Jahres unter realen Bedingungen versagt. Doch so einfach gibt Slat wohl nicht auf: Jetzt will er mit seiner Organisation The Ocean Cleanup das Problem bei der Wurzel packen. Die neueste Idee sind schiffsähnliche „Interceptoren“, die Plastikmüll schon auf seiner Reise ins Meer abgefangen – auf unseren stark verschmutzten Flüssen weltweit. Vor wenigen Tagen stellte Boyan Slat den Müllsammler Interceptor erstmals im Hafen von Rotterdam der Öffentlichkeit vor.

Wie funktioniert der „Interceptor“?

Vier Jahre habe man an der Entwicklung des 24 Meter langen Müllsammlers gearbeitet, sagt Boyan Slat in einer Pressemitteilung. Der Interceptor wird mit Solarstrom angetrieben und kann autonom rund um die Uhr Plastikteile aus Flüssen sammeln.

Der Interceptor kann an strategisch wichtigen Stellen im Flusssystem platziert werden. Dort sammelt er den auf der Wasseroberfläche treibenden Plastikmüll über zwei Barrieren ein. Eine Barriere befindet sich auf der einen Uferseite; stößt ein auf dem Fluss treibendes Plastikteil darauf, wird es in Richtung des gegenüberliegenden Ufers geleitet. Dort wiederum befindet sich, ein Stück weiter flussabwärts, die zweite Barriere, die das Plastikteil dann in das eigentliche Auffanggerät leitet. Dieses ist eine Art Schiff, dessen Spitze flussaufwärts zeigt und an der zweiten Barriere endet. Durch den Trick mit den zwei in den Fluss ragenden Barrieren soll ein Großteil des Plastiks aufgefangen werden, ohne andere Schiffe zu behindern. Die so gesammelten Kunststoffteile werden dann über ein Förderband in einen Container bewegt. Ist der Container voll, sendet das Schiff eine Nachricht an das Team von The Ocean Cleanup, dass dieser geleert werden muss. An Land wird das Plastik im Idealfall recycelt.

Der nächste große Wurf?

Das Potenzial des Interceptors ist nicht zu unterschätzen, denn erstens werden tatsächlich nicht unerhebliche Mengen Plastikmüll über unsere Flüsse ins Meer transportiert. Forschende des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig (UFZ) und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf haben in einer Studie vor zwei Jahren berechnet, dass die zehn Flusssysteme mit der höchsten Plastikfracht (die Menge des im Wasser transportierten Plastiks) für rund 90 Prozent des globalen Plastikeintrags aus Flüssen ins Meer verantwortlich sind. Die meisten davon befinden sich in Asien, allen voran der Jangtse (China), der Indus (Pakistan) und der Gelbe Fluss (China). „Wenn es in Zukunft gelingt, den Plastikeintrag aus den Einzugsgebieten dieser Flüsse zu halbieren, wäre schon sehr viel erreicht“, sagt Dr. Christian Schmidt, Hydrogeologe am UFZ. Das Plastik innerhalb begrenzter Flussabschnitte einzusammeln erscheint zudem wesentlich einfacher, als es aus dem offenen Meer zu fischen – zumal der Großteil des Plastiks sich dort bereits zersetzt hat und sich unterhalb der Oberfläche befindet.

Allerdings wird das Meeresplastiks nicht nur über Flüsse in die Ozeane gespült. Andere Quellen sind zum Beispiel Einleitungen küstennaher Städte oder Verwehungen über die Luft. Damit können die „Interceptoren“, selbst wenn sie auf allen der zehn wichtigsten Flüsse eingesetzt werden, die Plastikflut in unsere Meere zwar nicht komplett eindämmen, geschweige denn das Problem der bereits im Meer treibenden Plastikteile lösen. Das „Reinigen“ der Flüsse ist trotzdem ein hilfreicher Ansatz.

Wie realistisch ist das Ganze?

Auch wenn Boyan Slat vor wenigen Tagen den ersten Prototypen vorgestellt hat, ist das neue Müllsammelsystem noch im Testbetrieb. Aktuell schwimmen zwei „Interceptoren“ auf zwei stark verschmutzten Flüssen in Indonesien und Malaysia, demnächst sollen auch zwei Flussmüllsammler im Mekong Delta in Vietnam und in Santo Domingo (Dominikanische Republik) in Betrieb gehen, außerdem ist in der Nähe von Bangkok (Thailand) ebenfalls ein Intercector geplant.

Ein einzelner Interceptor sammelt nach Slats Aussage rund 50.000 Kilo – unter optimalen Bedingungen vielleicht sogar 100.000 Kilo – Plastikmüll täglich. Angesichts der enormen Plastikfracht, die die großen Flüsse mit sich führen, braucht es viele dieser Auffangstationen, um einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Hier wird die Kostenfrage des Hightech-Geräts mit Sicherheit eine Rolle spielen. Dazu kommt noch die wichtige Frage: Was passiert mit dem gesammelten Müll? Nur durch eine fachgerechten Entsorgung wäre gesichert, dass die schier unverwüstlichen Plastikteile nicht wieder in den Kreislauf geraten und am Ende doch in den Meeren landen. Und genau das ist ja Teil des Problems; die enormen Mengen Plastik landen vor allem in den Flüssen, weil es in den dicht besiedelten Gebieten am Ufer der Flüsse kein funktonierendes Recyclingsystem gibt, um die Unmengen an Müll aufzufangen. Und bevor wir den Finger ausstrecken: China war jahrelang die Müllkippe der Welt und importierte Kunststoffabfälle aus aller Welt – unter anderem auch aus Deutschland. Rund zehn Prozent unseres Plastikmülls wurden bis 2018 ins Reich der Mitte geschippert, jetzt exportiert Deutschland vermehrt in andere asiatische Länder.

Das zeigt deutlich, dass die Plastikflut ein globales Problem ist, zu dem wir alle beitragen – und das wir auch gemeinsam lösen müssen. Der erste und wichtigste Schritt muss sein, insgesamt weniger Plastik zu produzieren. Hier sind wir als Konsumenten genauso gefragt wie Hersteller und Politik. Dann gilt es, global die Recyclingquoten maßgeblich zu erhöhen, damit weniger Kunststoffe in der Natur landen und wir sie nicht aufwändig wieder einsammeln müssen. Bis dahin sind wir wohl auf innovative Sammelsysteme wie den Interceptor angewiesen, wollen wir in naher Zukunft nicht in Flüsse und Meere aus Plastik springen.

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