Diskussionen darüber, ob deutsche Straßen für Radfahrer:innen sicher oder unsicher sind, lassen sich leider recht schnell mit Statistiken klären: Jede:r sechste Verkehrstote im Jahr 2025 war auf einem Fahrrad unterwegs. Im Vergleich zum Jahr 2015 sind die Anzahl verunglückter Radfahrer:innen um 20,6 Prozent gestiegen. Und das, obwohl die allgemeine Anzahl der Verkehrstoten laut statistischem Bundesamt im Vergleich zum Jahr 2015 um 18,4 Prozent gesunken ist.
Das statistische Bundesamt erklärt diese Entwicklungen vor allem mit einem Anstieg der Radfahrer:innen „im Zuge des E-Bike-Booms“. Vor allem Radler:innen über 65 Jahre seien im Straßenverkehr besonders gefährdet. Unabhängig dessen legen die Statistiken nahe, dass deutsche Straßen für Fahrräder viel zu gefährlich sind. Das Projekt BikeBox von der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt verfolgt hierfür nun einen neuen, empirischen Ansatz.
100 BikeBoxen sollen empirische statt anekdotische Evidenz liefern
Entschuldige bitte diesen etwas längeren und vor allem traurigen Einstieg. Doch mit Wahlplakaten wie „Verbieten verboten“ im Hinterkopf, die Politiker:innen als Reaktion eines Autoverbots in deutschen Innenstädten am Redaktionsstandort Berlin aufhängen, ist es uns besonders wichtig, darauf hinzuweisen, wie gefährdet Radfahrende in Deutschland sind. Und auch, wie vehement Versuche, ihnen mehr Platz im Straßenverkehr zuzuweisen, verhindert werden.
Denn: Die Verantwortung für Verkehrsunfälle von und mit Radfahrenden wird meist auf deren Unachtsamkeit, ihr angeblich zu aggressives Fahrverhalten oder das Radfahren an sich geschoben. Dabei sind Radfahrende durch fehlende Knautschzonen und immer größer und schwerer werdende Fahrzeuge schon dann in Gefahr, wenn sie am Straßenrand stehen. Und dennoch teilen sie sich in Städten wie Berlin Fahrstreifen mit Autos, LKWs und anderen Zweirändern. So zumindest unser Eindruck.
Brauchen wir ein Tempolimit für E-Fahrräder?
Die Zahl der verunglückten Radfahrer:innen steigt auch in den Niederlanden an. Im Ort Houten testet man daher ein Tempolimit für Radfahrende, das eventuell auf weitere Orte ausgeweitet werden soll.
Kees Bakker vom niederländischen „Bund der Radfahrer“ kritisiert, dass es sinnvoller wäre, wie beim Bike-Box-Projekt die Raumeinteilung zu untersuchen.
Das Projekt ist ein interessanter Gegenentwurf zur Studie aus Würzburg.
Genau um diese Eindrücke geht es im Projekt „BikeBox“, wie uns Projektleiter Prof. Dr. Nicholas Müller auf eine Presseanfrage antwortete: „Das Ziel des Projekts mit dem Schwarm von BikeBoxen ist es, von anekdotischer Evidenz („Ich bin hier und da zu eng überholt worden.“ oder „Ich finde, der Bordstein hier müsste abgesenkt werden.“) hin zu empirischen Daten zu gelangen.“.
Zum Start sollen 100 BikeBoxen verteilt werden
Dafür haben die Forschenden am Teststandort Würzburg im Juni 2026 bereits 80 BikeBoxen in Umlauf gebracht. Prof. Dr. Nicholas Müller erklärt, dass die BikeBoxen kleine Sensorboxen seien, die sich am Fahrrad anbringen ließen. Dort messen sie „die Abstände nach links zum Überholtwerden und nach rechts zu parkenden Fahrzeugen oder zu Objekten, die in den Fahrradweg hineinragen“ sowie weitere Aspekte wie die Feinstaubbelastung auf der Straße, Erschütterungen während der Fahrt und die Temperatur zusammen mit dem Luftdruck.
Radfahrende übertragen diese Daten nach ihren alltäglichen Wegen an ihr eigenes Handy. Sobald eine WLAN-Verbindung vorhanden ist, überträgt dieses die Daten zusammen mit GPS-Standortdaten an die Server des Projekts. Um die Routen zu anonymisieren, löscht die App dabei automatisch die ersten und letzten hundert Meter der aufgezeichneten Fahrt.
Schwarmansatz soll Budget von Städten effizienter gestalten
Die erhobenen Daten sollen Verkehrsplaner:innen gleich doppelt unterstützen. Zum einen, so erklärt uns Prof. Dr. Nicholas Müller, können „Städte ihr Budget gezielt dort einsetzen […], wo es tatsächlich Probleme für Fahrradfahrende gibt.“ Radfahrende schützt das also schon allein dadurch, dass Probleme nicht erst beim Auftreten von Unfällen erkannt und angegangen werden.
Der zweite große Vorteil für Städte und Gemeinden liegt laut Prof. Dr. Müller darin, dass Städte den Erfolg von Maßnahmen prüfen können: „Wenn [Stadtverwaltungen] beispielsweise ein Schild zum Überholabstand aufstellen, müssten am nächsten Tag auch die Abstandunterschreitung geringer sein. Wird ein Bordstein abgesenkt, dürfte es auch keine Erschütterungen mehr geben.“
Daten stehen auch der Zivilbevölkerung zur Verfügung
Die Erhebung von Daten wie im BikeBox-Projekt in Würzburg ist allerdings nur ein erster Schritt. Beispiele wie der Polish Smog Alert oder die Arbeit von CorrelAid zeigen, dass gesellschaftlicher Wandel oft nur dann erfolgt, wenn Daten frei verfügbar sind.
Daher ist es besonders sinnvoll, dass Prof. Dr. Müller und sein Team die Daten zusammen mit ihrem Partner Webfactor frei im Internet zugänglich machen. Interessierte können über eine Heatmap einsehen, welche Straßen Würzburger:innen besonders häufig auf dem Rad frequentieren. Darüber hinaus sehen sie die Feinstoffbelastung, Erschütterungen und Orte, an denen die BikeBoxen immer wieder Abstandsunterschreitungen unter 1,5 Metern messen.
Solche Daten wären auch an anderen Standorten in Deutschland sinnvoll. Denn als frei zugängliche Datensätze geben sie nicht nur Stadtverwaltungen die Möglichkeit, Gefahrenzonen zu erkennen. Auch Aktionen in der Zivilbevölkerung könnten durch Daten aus BikeBoxen für mehr Sicherheit in ihren Innenstädten plädieren. Prof. Dr. Nicholas Müller und sein Team sind daher für Kooperationen in anderen Städten offen.

Weiter gedacht: Wie werden Innenstädte für Radfahrende sicherer?
Im Rahmen unseres Greenbooks zur Mobilitätswende haben wir weitere Projekte und Initiativen kennengelernt, die sich für mehr Sicherheit für Radfahrende einsetzen. Wir stellen sie dir an dieser Stelle noch einmal vor.
Beim Projekt Essen auf Rädern sammeln Schüler:innen – ein wenig wie bei Bikebox – Daten über eine Sensorbox am Fahrrad. Der Name leitet sich dabei vom Projektstandort Essen ab. Denn die Stadt belegte im Städte-Ranking des ADFC den letzten Platz der Städte mit mehr als 500.000 Einwohner:innen.
Das Unternehmen Bike Citizens bietet eine App an, die auf die Bedürfnisse von Radfahrenden und deren Sicherheit ausgelegt ist. Wir haben Elisabeth Felberbauer von Bike Citizens interviewt und mit ihr über die Anwendung gesprochen.
In einem Spezial haben wir die Bedeutung von Fahrrädern in der Verkehrswende noch einmal herausgestellt. Stichwort: So können wir die grüne Welle reiten!
Fahrräder, und auch die laut statistischem Bundesamt gefährlicheren E-Fahrräder, sind ein wichtiger Teil einer grünen Verkehrswende. Unser Greenbook zur Mobilitätswende zeigt, dass sich der individuelle Personenverkehr durch Autos mit Verbrenner- und Elektromotor zukünftig reduzieren muss, soll die Wende gelingen. Mobilität muss stattdessen multimodal erfolgen und damit vielfältiger werden.
Unsere Innenstädte jetzt schon darauf vorzubereiten bedeutet auch, sie sicherer und komfortabler für Radfahrende zu machen.


