Wir geben zu: Die Software-Lösungen der Technologiegiganten Google, Microsoft und Apple funktionieren prächtig. Die meisten von uns haben zumindest schon einmal mit einem Produkt dieser Unternehmen gearbeitet. Nicht umsonst haben die Eleganz eines iPhones, die Benutzungsfreundlichkeit von Google oder die Möglichkeit des Zusammenarbeitens mit Microsoft-Tools Big Tech weltweit berühmt gemacht. Zumindest müssen das ja die Gründe für die Berühmtheit der Unternehmen sein, oder?
Naja, nicht ganz. Die Firmen, die vor allem im Silicon Valley angesiedelt sind, konnten sich gleich zu Beginn des Internetzeitalters in wichtigen Software-Bereichen einen Namen machen. Nach wie vor halten sie in der Welt der Betriebssysteme, Suchfunktionen oder auch der Messenger eine Quasi-Monopolstellung. Ihr rasantes Wachstum ermöglichte es ihnen, eine fast vollständige Marktbeherrschung zu erlangen. Und daraufhin folgte natürlich ein immenser Reichtum. Ihre eleganten Software-Lösungen werden durch umfangreiche Marktforschungen im Rahmen unvorstellbar hoher Marketing-Budgets unterstützt. Im Jahr 2021 gab Apple etwa 97,3 Millionen US-Dollar nur für Marketing aus. Und selbst das waren nur 2,7 Prozent des Umsatzes von rund 365,8 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr.
Allerdings irren sich Verbraucher:innen, die glauben, dass Big-Tech-Unternehmen nur gute Absichten verfolgen.
Die Illusion von Sicherheit
Obwohl diese Unternehmen zum Teil wichtige Infrastrukturen bereitstellen, die täglich von Milliarden Menschen genutzt werden, arbeiten sie mit einem erschreckenden Mangel an demokratischer Kontrolle. Sie schützen ihre Geschäftsgeheimnisse mit aller Kraft und sind letzlich nur ihren Aktionären gegenüber rechenschaftspflichtig. Keineswegs aber der Allgemeinheit.
Microsoft, Apple und andere Unternehmen stehen immer wieder im Mittelpunkt schwerwiegender Skandale mit hohem Einsatz, vor allem im Zusammenhang mit ihrem Umgang mit Kundendaten. Ihre immense Größe macht sie zu idealen Zielen: Große Unternehmen wie Microsoft, die über die sensibelsten Daten der Welt verfügen, sind zwangsläufig attraktive Ziele für Hacker:innen. Und angesichts der erschreckenden Enthüllungen von Edward Snowden kann man nur davon ausgehen, dass die Geheimdienste ihre Schnüffelei kaum eingestellt haben.
Solche Vorfälle klingen oft wie Geschichten aus Spionagefilmen – nur, dass sie leider vollkommen real sind.
Die Daten-Probleme von Big-Tech-Unternehmen
Im Jahr 2023 stahlen staatlich geförderte Hacker aus China einen digitalen Hauptschlüssel von Microsoft. Dieser einzelne Schlüssel ermöglichte ihnen wochenlangen unbefugten Zugriff auf alle Daten in Diensten wie Outlook, Office 365, OneDrive und Teams, wobei sie es speziell auf US-Behörden abgesehen hatten. Der Vorfall ging auf einen peinlichen Fehler im Code von Microsoft zurück, den der Technologieriese schließlich zugab und behob, aber weitgehend heruntergespielt hat. Dies ist einer von vielen ähnlichen Vorfällen.
Anstatt aber gegen Geschäftspraktiken vorzugehen, die unsere und andere Demokratien bedrohen, ist es für Big-Tech-Organisationen weitaus attraktiver, ihre riesigen Budgets für Werbekampagnen und für politische Lobbyarbeit einzusetzen.
Warum sind Alternativen aus der EU besser?
Im Mittelpunkt dieses weitreichenden Problems steht die Macht. Tech-Giganten verfügen über viel zu viel davon. Die Vorteile, die Google, Microsoft und Apple bieten, müssen gegen die Risiken abgewogen werden, die entstehen, wenn wir ihnen und ihrem Umgang mit unseren Daten uneingeschränktes Vertrauen schenken.
Der Wechsel zu Software- und Dienstleistungsanbietern mit Sitz in der EU bedeutet mehr Rechte für Verbraucher:innen und direktere Wege bei der Durchsetzung unserer Rechte. Während Unternehmen außerhalb Europas grundlegende Datenschutzgesetze wie die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) häufig ignorieren oder nicht ordnungsgemäß umsetzen, unterliegen Anbieter mit Sitz in der EU diesen Standards direkt. Sie sind dementsprechend auf sie ausgerichtet. Die US-Regierung warnt amerikanische Technologieunternehmen mittlerweile sogar ausdrücklich davor, sich an europäische Vorschriften zu halten. Deshalb sind unabhängige Alternativen mit Sitz in der EU wichtiger als je zuvor.
Die Entscheidung hin zu lokalen Lösungen bedeutet aber mehr als nur Verbraucherschutz. Sie bedeutet auch eine Stärkung der europäischen Wirtschaft und die Förderung eines gesünderen und gerechteren Wettbewerbs. Die von lokalen Unternehmen gezahlten Steuern fließen indirekt an die Bürger:innen zurück. „Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass Arbeitnehmer und kleine Unternehmen höhere Steuersätze zahlen als Meta, Amazon und andere digitale Giganten“, sagte der Europaabgeordnete Bruno Gonçalves (S&D, PRT). „So viel Gewinn und kaum Steuern, schon gar nicht in Europa“, sagte der Europaabgeordnete Rasmus Andresen (Grüne, DEU) und verwies auf die „mehr als 90 Milliarden Euro“ Gewinn, die Meta, Microsoft und ihre Konkurrenten kürzlich erzielt haben.
Die Entscheidung ist klar. Die wahren Kosten unserer Abhängigkeit von Big Tech sind einfach zu hoch. Wir können weiterhin der Bequemlichkeit Vorrang einräumen und dafür demokratische Kontrolle und Datenintegrität opfern. Oder wir können EU-Alternativen unterstützen, die rechtlich rechenschaftspflichtig, auf den Schutz unserer Privatsphäre ausgerichtet sind und der europäischen Wirtschaft zugutekommen.
Monopolstellungen verstärken weltweite Ungleichheit
Weiterlesen: Wie die fehlende Unterstützung von Minderheitensprachen von KI-Chatbots die weltweite Ungleichheit verstärkt.
Unsere Alternativen
Die gute Nachricht ist, dass es etliche gute Alternativen zu Big Tech gibt.
OpenStreetMap
Bist du es Leid, dass kommerzielle Interessen deine Arbeitswege oder deine Wahl des richtigen Restaurants bestimmen? OpenStreetMap ist eine weltweite Karte, die von einer großen Gemeinschaft begeisterter Kartograf:innen, GIS-Fachleuten und humanitären Helfer:innen, die Katastrophengebiete kartografieren, erstellt wurde. Die Mitwirkenden nutzen alles, von Luftbildern und GPS-Geräten bis hin zu einfachen Feldkarten, um sicherzustellen, dass die Daten zu Straßen, Wanderwegen, Cafés und Bahnhöfen korrekt und aktuell sind.
Entscheidend dabei ist, dass OpenStreetMaps von Grund auf Open Source ist: Du kannst es für jeden Zweck frei verwenden, sofern du OpenStreetMap und die Mitwirkenden als Quelle angibst.
Signal
Kommunikationsdaten sind wohl am anfälligsten für Überwachung und Hacking. Dieser Messenger wird bekanntermaßen von Edward Snowden verwendet und empfohlen, was dir einen Eindruck von seiner Datenschutzkompetenz vermittelt.
Signal bietet die gesamte Palette moderner Messenger-Funktionen: Text, Fotos, Audio-Nachrichten, Status-Updates und Gruppen-Audio-/Videoanrufe, ähnlich wie seine beliebten Pendants. Im Gegensatz zu diesen ist jedoch die gesamte Kommunikation Ende-zu-Ende-verschlüsselt, und das Prinzip des „Sealed Sender“ sorgt dafür, dass selbst die Identität des Absenders gegenüber dem Dienst selbst anonym bleibt.
Wir haben zu diesem Thema noch weitere Artikel
Hier lesen:
LibreOffice
Für alle, die bereit sind, sich von ihrer Abhängigkeit von Microsoft bei der täglichen Büroarbeit zu lösen – kein Word- oder Excel-Lock-in mehr –, bietet LibreOffice eine ausgereifte und vollständige Alternative. LibreOffice entstand aus der in Deutschland entwickelten StarOffice-Suite, wurde schließlich ausgegliedert und wird nun von der in Berlin ansässigen Document Foundation betreut.
Diese umfassende, kostenlose Office-Suite bietet direkte Alternativen zu proprietären Anwendungen: Writer (Textverarbeitungsprogramm), Calc (Tabellenkalkulationsprogramm), Impress (Präsentationsprogramm) und einen Formeleditor. Die Anwendungen funktionieren ähnlich wie ihre Microsoft-Alternativen und wurden speziell entwickelt, um neuen Benutzer:innen den Umstieg zu erleichtern. LibreOffice wird in erster Linie durch Spenden und eine lebendige Entwickler-Community unterstützt, die sich der kontinuierlichen, gemeinschaftlichen Weiterentwicklung verschrieben hat.
Jitsi
Während der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach zuverlässigen Videokonferenzen stark gestiegen. Jitsi beschreibt eine Reihe von Open-Source-Projekten, mit denen jede/r auf einfache Weise sichere Videokonferenzlösungen erstellen und bereitstellen kann. Im Mittelpunkt stehen Jitsi Videobridge und Jitsi Meet, die webbasierte Konferenzen ermöglichen und von anderen Community-Projekten unterstützt werden, die wichtige Funktionen wie Audio, Anrufe, Aufzeichnung und Simulcasting bereitstellen.
Mastodon
Dank des wachsenden Bedarfs an gemeinschaftsorientierten, datenschutzfreundlichen sozialen Medien hat sich Mastodon zu einem wichtigen Akteur entwickelt. Dieses offene, dezentrale soziale Netzwerk, das von der deutschen Non-Profit-Organisation Mastodon GmbH mit Sitz in Berlin entwickelt wurde, bietet ein neues Modell für die Online-Vernetzung.
Im Kern ist Mastodon Teil des „Fediverse“ – einem Zusammenschluss unabhängiger Server oder „Instanzen“, die mithilfe des ActivityPub-Protokolls nahtlos miteinander kommunizieren. Diese Architektur dezentralisiert die Kontrolle, was bedeutet, dass Nutzende einer bestimmten Community mit eigenen Regeln und Moderation beitreten, aber dennoch jedem auf jedem anderen verbundenen Mastodon-Server folgen und mit ihm interagieren können. Zu den Kernfunktionen gehören chronologische Feeds, Rich-Media-Anhänge, Inhaltswarnungen und robuste Moderationswerkzeuge, die alle darauf ausgelegt sind, Nutzer:innen die Kontrolle zu geben und eine sicherere, werbefreie Erfahrung zu fördern.

Dezentral statt Datenkrake – diese Alternativen gibt es!
Mehr zum Thema: Dezentrale Plattformen und das Fediverse!
Nextcloud
Angetrieben von einer wachsenden Nachfrage nach Datenhoheit und Umweltverantwortung hat sich Nextcloud als führende Open-Source-Alternative zu den gängigen Cloud-Anbietern etabliert. Nextcloud wurde als flexibles „Ökosystem“ und nicht als starre Plattform entwickelt, sodass Nutzer:innen ihren eigenen sicheren Server hosten und gleichzeitig Tools für die Zusammenarbeit wie die Bearbeitung von Dokumenten in Echtzeit und verschlüsselte Nachrichten integrieren können.
Wichtig dabei ist, dass die Plattform Nutzenden ermöglicht, sich von der „Black Box“ der Big Tech zu lösen, sodass Unternehmen sicherstellen können, dass ihre Daten innerhalb der europäischen Gerichtsbarkeit bleiben. So bleiben sie bei einem Upload durch die DSGVO geschützt und werden nicht ohne die Zustimmung der Nutzenden für das KI-Training verwendet. In Zusammenarbeit mit kooperativen, grünen Energiehosts wie infra.run arbeitet Nextcloud daran, die digitale Infrastruktur in ein Werkzeug für das Gemeinwohl zu verwandeln. Außerdem verwenden wir es bei RESET!
Suchst du nach weiteren EU-Alternativen, ist das „European Alternatives Project“ von Constantin Graf eine sehr gute Anlaufstelle! Dort findest du E-Mail-Anbieter, Passwortmanager und sogar europäische KI-Chatbots.
Ein Aufruf zur politischen Unterstützung
Wir fassen zusammen: Es stehen etliche funktionale und ethische Alternativen zur sofortigen Nutzung bereit. Die meisten davon bleiben aber ungenutzt. Damit das digitale Potenzial Europas voll ausgeschöpft werden kann, brauchen diese Dienste Unterstützung, nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch durch entschlossenes politisches und gesellschaftliches Handeln.
Wie sieht eine grüne digitale Zukunft aus?
Elektroschrott, CO2-Emissionen durch KI, Wasserverbrauch von Rechenzentren – aktuell scheint die ungezügelte Digitalisierung nicht mit einem gesunden Planeten vereinbar. Doch es gibt viele Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung – wir haben sie recherchiert:
Die derzeitige digitale Kommunikationsinfrastruktur Europas ist in gefährlichem Maße von außereuropäischen Unternehmen wie Meta und Alphabet (Google) abhängig. Das ist ein Problem. Bestehende Nischenplattformen sind aufgrund einer Vielzahl von Skalierungsproblemen oft nicht in der Lage, ihr volles Marktpotenzial auszuschöpfen. In aktuellen politischen Diskussionen wird dafür plädiert, ihr Mainstream-Potenzial durch „Scale-up”-Programme zu stärken, die sich beispielsweise auf die Stärkung des öffentlichen Diskurses, die Entwicklung neuer Vergütungsmodelle für den Journalismus und die Schaffung digitaler Communities für Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen konzentrieren.
Darüber hinaus muss ein Weg gefunden werden, um diese Unternehmen in schwierigen rechtlichen Fragen zu beraten, wie beispielsweise illegalen Inhalten, die von den Big-Tech-Unternehmen bewusst ignoriert werden. Organisationen wie European Digital Rights (EDRi) kämpfen genau für diese Anliegen. Es liegt jedoch an den Entscheidungsträgern der EU, die Grundlagen für eine massenhafte Einführung europäischer digitaler Alternativen zu Big Tech zu schaffen. Und es liegt an uns als Verbraucher:innen, diesen Vorrang einzuräumen.
Genau das wird ein entscheidender Schritt in der Demokratisierung der digitalen Welt sein.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Digital und grün – Lösungen für eine nachhaltige Digitalisierung“, in dessen Rahmen wir Lösungen für eine ökologische und faire Digitalisierung vorstellen. Wir danken der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) für die Projektförderung!
Du willst keinen Artikel zum Thema verpassen? Dann abonniere unseren Newsletter oder RSS-Feed und folge uns auf Mastodon, Bluesky oder LinkedIn!






