Landgrabbing: Bauern ohne Land

Rund um den Globus führen Kleinbauern und indigene Völker seit Jahrzehnten einen Kampf gegen Großgrundbesitzer und Konzern-Multis für das Recht auf Land. Ohne Land keine Nahrung - so einfach lautet vielerorts die Gleichung.

Autor Rima Hanano, 09.07.09

Übersetzung Rima Hanano:

Der Großteil der hungernden Weltbevölkerung (ca. 80%) lebt auf dem Land – also dort, wo Nahrung doch eigentlich produziert wird – die meisten jedoch ohne eigenes Land. Stattdessen kontrollieren wenige Großgrundbesitzer und Konzerne den Landbesitz.

Dies ist zum einen Folge der Kolonialisierung oder geschah durch spätere Landenteignungen aufgrund kommerzieller Interessen. Die Frage, wem die Nutzung des Landes, wem das Eigentum und der Besitz am Land zusteht, das von Indigenen oder Kleinbauern bewohnt und genutzt wird, sind Fragen mit existenzieller Bedeutung für die Betroffenen. Für die Landbevölkerung  ist die einzige Möglichkeit sich zu ernähren der Zugang zu Land. In Ländern wie Indien, Lateinamerika oder Afrika lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung  von der Landwirtschaft und versorgen darüber hinaus auch die lokale Bevölkerung mit Lebensmitteln.

Kein Land zu besitzen (oder „Ohne Land zu sein“), das bedeutet in erster Linie Abhängigkeit und vor allem häufig Hunger. Land ist aber mehr als ein Stück Ackerfläche. Landbesitz bedeutet kulturelle und soziale Identität. Unklare oder nicht vorhandene Landrechte sind eine wesentliche Ursache von Armut, Konflikten und vor allem von chronischem Hunger. Menschen werden vertrieben und verlieren ihre Ernährungsgrundlage.  Landflucht und Slumbildung in den Städten nehmen zu.

„Gib´ uns ein Stück Land und wir erledigen den Rest“ fordert die 45-jährige Anführerin einer Landlosen-Bewegung in Tamil Nadu/Indien, wo 80 % der Menschen von der Landwirtschaft leben aber nur ein verschwindend geringer Anteil der Menschen auch ein Stück Boden ihr eigen nennen kann. Im Bundesstaat Andhra Pradesh, der „Reisschüssel Indiens“, sind sogar 55 Prozent der ländlichen Bevölkerung Landlose.

In vielen Ländern Lateinamerikas und im südlichen Afrika zeichnet sich ein ganz ähnliches Bild ab. In Brasilien besitzen 0,03% der Bevölkerung 45 % der Anbauflächen, während fünf Millionen Familien völlig besitzlos sind. In den letzten 15 Jahren wurden aufgrund des kommerziellen Anbaus von Zuckerrohr ca. 35.000 Familien von ihrem Land vertrieben, wodurch 150.000 Menschen ihre Existenzgrundlage verloren. In Peru sind bereits 70 Prozent – 52 Millionen Hektar – des peruanischen Amazonasgebiets in Erdöl-Förderblöcke aufgeteilt, die auch in Naturschutzgebieten und auf indigenem Land liegen. Unter der betroffenen Bevölkerung: über 350.000 Indigene.

Konflikte um Land

Konflikte um eine gerechte Verteilung von Land gibt es seit Jahrzehnten und sie flammen vor allem in Indien, Lateinamerika und Afrika immer wieder auf und werden weiter zunehmen. Denn fruchtbares und rohstoffreiches Land ist begehrt und wird zunehmend knapper, was nicht nur am ansteigenden Bevölkerungswachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern und den klimatisch bedingten Veränderungen liegt, die den Boden weniger ertragreich machen. 

In Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Peru oder Indien werden indigene Gemeinden und Kleinbauern seit Jahrzehnten durch Konzern-Multis von ihrem angestammten Boden und ihren Territorien aufgrund gigantischer privater  Erdöl- oder Bergbauprojekte, aber auch von Holzfällern verdrängt. NROs wie Survival International berichten immer wieder von Menschenrechtsverletzungen und gewaltsamen Übergriffen auf Landrechtsaktivisten oder auf Ureinwohner von staatlicher oder privater Seite.

Jüngst haben zudem ganze Staaten wie etwa China, Saudi-Arabien, Südkorea oder Kuwait begonnen, fruchtbares Land im globalen Süden (so etwa in Kambodscha, im Sudan, in Tansania, den Philippinen und anderswo) aufzukaufen, um den Rohstoffhunger ihrer eigenen Nationen zu stillen. Diese Aufkäufe von Land werden von kritischen Beobachtern als sog. „Landgrabbing“ bezeichnet. Die Ursachen sind sowohl in den betroffenen Regionen selbst als auch in den Industrie- und Schwellenländern zu suchen. Durch den Anstieg der Preise für Agrarrohstoffe  sind Investitionen in Ackerland ein lohnendes Anlageobjekt geworden. Dazu kommen Faktoren wie Wassermangel (etwa in Saudi-Arabien), veränderte Ernährungsgewohnheiten (etwa in China) oder die Biospritpolitik (wie in der EU), die den Landhunger von Staaten und Unternehmen verstärken. Zudem sehen viele Regierungen des globalen Südens in den Investitionen in ihre Landwirtschaft eine Chance, die Erträge und die Ernährung der Bevölkerung zu verbessern. Und natürlich verkaufen autoritäre Regierungen auch Land, um die eigene oder die Staatskasse aufzubessern.

Licensed under: Creative Commons - Attribution Non-Commercial Heinrich-Böll-Stiftung Ein Netz der Gier: Riesige Flächen wechseln den Besitzer. Die meisten „Grabber“ kommen aus den Industrie- und Ölländer

Während die Regierungen die Investoren begrüßen, werden ansässige Kleinbauern und indigene Gemeinden ohne Entschädigung vertrieben und ihrer Lebensgrundlage beraubt. Einen tieferen Einblick in die Diskussion zum Thema Landnahme bietet das International Food Policy Research Institute.

Landlose in Bewegung

Widerstand gegen die Vertreibung und Verlangen nach Umverteilung von Land lassen immer mehr Volksbewegungen entstehen. Die indische Bewegung Ekta Parishad (Solidarischer Bund) leistet seit etwa 20 Jahren vor allem in Zentral- und Südindien Widerstand gegen Vertreibungen. 2007 marschierten etwa 250 000 landlose Bauern zu Fuß von Gwalior nach Delhi, um die indische Regierung zur Klärung der Landrechtsfrage zu bewegen.

In Brasilien kämpft die Bewegung der Landlosen (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra / Movimento dos Sem Terra, MST) für das Recht auf Land. Die Bewegung gilt als eine der wichtigsten sozialen Organisationen des Landes. 1991 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis und wurde jüngst auf dem Weltsozialforum von Noam Chomsky als die “wichtigste und aufregendste Volksbewegung der Welt“ bezeichnete. Aber nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen lateinamerikanischen Ländern (bspw. Bolivien, Peru oder Paraguay) entstehen seit etwa fünfzehn Jahren vermehrt Protestbewegungen. Vertreter von Indígenaverbänden wehren sich zunehmend gegen Zugeständnisse an transnationale Unternehmen bei der Ausbeutung der Bodenschätze in ihren Lebensräumen.

Der 17. April wurde auf Initiative der Organisation „La Via Campesina“ weltweit als Protesttag der KleinbäuerInnen und Landlosen berufen.

Im Ringen um gerechte Landverteilung

Wem gehört das Land? Was ist eine gerechte Verteilung von Land? Und was haben wir damit zu tun?

„Access to land and Agrarian reform must form a key part of the right to food“, bemerkte bereits Jan Ziegler  – von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichtserstatter für das Recht auf Nahrung- in einem Bericht an die Generalversammlung im Jahr 2002. 

Bodenreformen stehen auf der Aufgabenliste vieler Entwicklungsländer, machen aber kaum nennenswerte Fortschritte. Sie bergen vor allem dort politischen Zündstoff, wo es um die Enteignung von weißen Großgrundbesitzern geht wie etwa in Simbabwe, Namibia und Südafrika, aber auch in Kenia, Sambia, Malawi, Mosambik oder Swasiland. So machen Weiße in Namibia heute gerade einmal sechs Prozent der 1,6 Millionen Namibier aus, besitzen aber mehr als die Hälfte des kommerziellen Farmlandes. Die Klärung der Landrechtsfrage erscheint aus diesem Grund vor allem in Afrika von besonderer politischer Brisanz zu sein.

Dass die Umverteilung von Land ein Instrument zur Erfüllung des Menschenrechts auf Nahrung darstellt und die Anerkennung indigener Landrechte den Schutz und Erhalt indigener Völker und damit auch der gefährdeten Naturressourcen ermöglicht, ist unbestritten. Ohne Zweifel ist ebenfalls, dass auch die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Außen-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik die Lebensbedingungen von Indigenen und Kleinbauern unmittelbar beeinflusst. Deutsche Firmen und Banken sind am Bau von Staudämmen, Öl-Pipelines und Bergbauprojekten beteiligt. Und Erdöl und Erdgas konsumieren wir alle.

Während sich die Weltgemeinschaft Gedanken um steigende Nahrungsmittelpreise und nahende Hungerkatastrophen macht, erhält die Klärung der Landrechtsfragen als Lösungskomponete zu wenig internationale Aufmerksamkeit. 

Aktuelle Eilaktionen zum Thema Landrechte, mit der wir auch hier unseren Protest ausdrücken können, findet man bspw. bei der Menschenrechtsorganisation FIAN.

Quellen und Links

Rima Hanano, RESET-Redaktion/ 2009 (letztes Update 2014)

Nahrungsmittelspekulation – Geschäfte mit dem Hunger?

Die Preise für Nahrungsmittel sind in den letzten Jahren mit großen Schwankungen stark gestiegen. Die Spekulation mit Agrarrohstoffen gelten als zusätzlicher Preistreiber. Was hat es sich damit auf sich?

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Agrarhandel

Die Verkündung der EU Kommission, Exportbeihilfen für Milch, Butter und Käse wieder einzuführen, führte zu einem Aufschrei der Empörung - vor allem bei NROs. Der Vorwurf: Die Liberalisierung des Agrarhandels bei gleichzeitiger Subventionierung der heimischen Industrie verhindert eine faire Entwicklung des globalen Südens. Lokale Kleinbauern werden vom Markt gedrängt, die Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität vieler Menschen steht nach Meinung von Experten auf der Kippe.