100 klimaneutrale Städte bis 2030 in Europa – wie realistisch ist dieser Plan?

Europa startet eine ehrgeizige Mission, um viele seiner städtischen Gebiete innerhalb eines Jahrzehnts zu dekarbonisieren. Aber wie kann das gelingen?

Autor Guest Author:

Übersetzung Gast , 28.12.20

Immer mehr Menschen ziehen in die Städte dieser Welt. Verschiedene Prognosen sagen voraus, dass bis zur Mitte des Jahrhunderts zwei Drittel der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben werden, in Europa könnten es sogar 84 Prozent sein. Die Europäische Union (EU) scheint erkannt zu haben, dass schnelles Handeln erforderlich ist, und will bis 2030 100 klimaneutrale Städte erreichen.

Mit dem European Green Deal haben sich die 27 EU-Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Die Idee hinter der neuen Mission ist, dass 100 Städte den Weg vorgeben und zu Experimentier- und Innovationszentren für den Rest Europas werden. Außerdem sollen weitere Partnerstädte unterstützt werden, wobei Orte, in denen strukturelle Probleme einen solchen schnellen Wandel erschweren, Vorrang haben.

Details zu den Plänen wurden im September veröffentlicht. Die Städte sollen bis 2025 ausgewählt werden, genannt wurde bisher noch keine. Die Finanzierung erfolgt zunächst über Horizon Europe, das 80,9 Milliarden Euro schwere Forschungs- und Innovationsprogramm der EU für die Jahre 2021 bis 2027. Stadtteile und Zusammenschlüsse benachbarter Städte können sich bewerben.

Die Pläne sehen vor, dass sich die ausgewählten Standorte dazu verpflichten, bis 2030 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, sowie eine Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Zielen, die für jede Stadt angepasst werden.

Der Plan baut auf kleineren EU-Projekten auf, darunter REMOURBAN (Regeneration Model for Accelerating the Smart Urban Transformation), das Energie-, Mobilitäts- und digitale Lösungen in den Städten Valladolid (Spanien), Nottingham (Großbritannien) und Tepebaşı/Eskişehir (Türkei) sowie in mehreren Folgestädten umgesetzt hat. Die Maßnahmen dort umfassten die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs, intelligente Straßenbeleuchtung und die Nachrüstung von Gebäuden mit Wärmedämmung und intelligenten Zählern.

Doch obwohl frühere Projekte lokale Erfolge verzeichnen konnten, ist die neue Mission der EU ein ganz anderes Vorhaben. Halten Stadtforscher es für realistisch, dass die Ziele erreicht werden können?

Neue Stadtmodelle sind nötig

James Evans, Forscher für Humangeographie an der Universität Manchester, glaubt, dass die EU zu Recht in Vorzeigestädte investiert, die bereits auf erfolgreiche Projekte zurückblicken können. Er ist jedoch besorgt, dass dieser konventionelle Ansatz zur Innovation die Komplexität des Transfers von Ideen nicht berücksichtigt. „Der [Ansatz] funktioniert, wenn man ein neues Medikament oder einen neuen Roboter entwickelt, aber mit Städten funktioniert es nicht unbedingt, den ‚besten‘ Orten Geld zu geben und dann zu erwarten, dass weniger fähige Orte diese Schritte ohne öffentliche Subventionen schaffen“, sagte er.

Evans glaubt, dass eine tiefgreifende und weitreichende urbane Transformation sehr schwierig sein wird ohne signifikante Veränderungen darin, wie Kommunen finanziert und regiert werden. „Neue Geschäftsmodelle erfordern auch neue Stadtmodelle“, fügt er hinzu.

Forschende betonen auch, dass das Projekt festlegen muss, wie Kohlenstoffemissionen klassifiziert werden. Auf einige Schwierigkeiten weist Joe Blakey hin, Geograph an der Universität Manchester. „Stellen Sie sich eine Tasse kenianischen Kaffees vor, die ein Besucher aus Peking in einer amerikanischen Kaffeekette im Stadtzentrum von Manchester trinkt. Es gibt eine ganze Reihe von Emissionen, die mit dieser Tasse Kaffee in Verbindung gebracht werden können – aber wer bekommt die Schuld dafür?“

Blakey sagt auch, dass zum Beispiel Flughäfen innerhalb der Stadtgrenzen besonders umstritten sind, da die mit ihnen verbundenen Emissionen normalerweise nicht in den Kohlenstoff-Fußabdruck einer Stadt einbezogen werden. Letztlich wird die Frage, ob diese Orte klimaneutral werden, also auch davon abhängen, wie die Stadtgrenzen definiert werden und wie der Kohlenstoff gezählt wird.

Naturbasierte Lösungen

Im Vorschlag der EU von September wird deutlich, dass Investitionen in Lösungen bevorzugen werden, die einen Zusatznutzen bieten. Ein Beispiel hierfür könnte ein Projekt sein, das die Kohlenstoffemissionen eines Bezirks reduziert und gleichzeitig Arbeitsplätze schafft und die Luftqualität verbessert. In dieser Hinsicht wird erwartet, dass naturbasierte Lösungen eine Schlüsselrolle in dem Projekt spielen. Die Bewohner*innen der ausgewählten Städte können daher mehr städtische Wälder und grüne Korridore erwarten, die Kohlenstoff absorbieren, die Artenvielfalt fördern und die Bedingungen für die Bürger verbessern, indem sie die städtische Umgebung kühlen.

„Wir denken oft an die Möglichkeiten, wie der überschüssige Kohlenstoff neutralisiert werden kann – zum Beispiel durch das Pflanzen von Bäumen oder das Anlegen von Seegraswiesen“, sagt Harriet Bulkeley, Projektkoordinatorin des EU-Projekts Nature-Based Urban Innovation (NATURVATION). „Aber naturbasierte Lösungen spielen auch eine direkte Rolle, um in den Städten selbst klimaneutral zu werden, insbesondere  wenn es darum geht, die Sommerhitze zu bekämpfen und weniger von Klimaanlagen abhängig zu sein.“ Laut Bulkeley könnten ausgewählte Standorte auch Partnerschaften mit ländlichen Gemeinden entwickeln und Lösungen schaffen, die für diese Gebiete von Vorteil sind und gleichzeitig die Kohlenstoffemissionen in den Städten ausgleichen.

 

Autor: James Dacey (@jamesdacey)

Dieser Artikel erschien ursprünglich im AGU’s Eos Magazine und wurde hier im Rahmen von Covering Climate Now, einer globalen Initiative zur Stärkung der Klimaberichterstattung, nochmals veröffentlicht. Übersetzt hat den Artikel Sarah-Indra Jungblut.

MARKIERT MIT
An Hauswänden angebrachte Textilfassaden könnten künftig die Stadtluft von Stickoxiden reinigen

Sie verschlimmern Asthma, lassen Pflanzen gelb werden und machen den Boden sauer – Stickoxide sind weder gut für unsere Umwelt noch für uns selbst. Ein Doktorand aus Aachen entwickelt zurzeit eine Häuserfassade, die diesen Schadstoff aus der Luft filtert und nebenbei noch Nährstoffe für den Boden erzeugt.

Peru: Drohnen bringen informelle Siedlungen auf die Landkarte, um sie besser zu schützen

Ein Programm in Peru setzt Drohnen ein, um urbane Siedlungen zu kartieren. Damit sollen die Wohnrechte der unterversorgten Anwohner*innen verbessert und die Widerstandsfähigkeit der Siedlungen gegen den Klimawandel erhöht werden.

Future City Projects: Eine Plattform für nachhaltige Stadtentwicklung in Dresden

Die Stadt Dresden wurde 2015 zur Zukunftsstadt gekürt. Seitdem ist dort ein „Reallabor“ für eine nachhaltige Stadtentwicklung entstanden, die von Bürger*innen umgesetzt wird. Eine Open-Source-Software soll den Planungs- und Entwicklungsprozess vereinfachen.

WeCount: Mit diesen Sensoren können sich Bürger*innen für eine bessere Luftqualität engagieren

Ausgerüstet mit einfachen Sensoren und offenen Daten unterstützt ein EU-gefördertes Projekt NGOs, Regierungen und Bürger*innen dabei, Städte zu gesünderen und sichereren Orten zu machen.

Bike Citizens: „Mit unserer App navigieren wir Radfahrende und zeigen Wege für radfreundliche Städte“

Bike Citizens hat einen schlauen Ansatz entwickelt: Die Navi-App zeigt fahrradfreundliche Wege und gleichzeitig helfen die von den Usern freiwillig aufgezeichneten Daten dabei, den Radverkehr besser zu verstehen und zu optimieren. Wir sprachen mit Elisabeth Felberbauer von Bike Citizens.

Klimafreundliche Städte sind längst möglich – wir müssen uns nur von alten Leitbildern verabschieden

Wer Rad fährt oder zu Fuß geht, ist maximal klimaschonend unterwegs. Doch statt die Weichen auf Zukunft zu stellen, sind Städte immer noch „ Auto-Städte“. Und den Preis dafür zahlen wir alle! Das zeigt der neue Mobilitätsatlas der Heinrich-Böll-Stiftung.

Hätten Open Source-Lösungen London davor bewahrt, dass die Straßenbeleuchtung wochenlang durchbrennt?

Als der Londoner Bezirk Westminster 6 Millionen Pfund für ein intelligentes System für seine 14.000 Straßenlaternen ausgab, rechnete niemand damit, dass der Anbieter ihn bei eingeschalteter Beleuchtung hängen ließ.

Ein zweites Leben für Batterien von E-Autos? In Japan leuchten damit die ersten Straßenlaternen

Statt auf dem Schrottplatz zu landen, werden die gebrauchten Batterien von Nissans E-Autos dazu genutzt, strukturschwache Gebiete mit Licht zu versorgen.

Liverpool könnte die erste klimapositive Stadt der Welt werden

Mithilfe der Blockchain will die englische Stadt Liverpool nicht nur klimaneutral, sondern sogar klimapositiv werden.