Überfischung der Meere

Um die Fischbestände ist es schlecht bestellt: Die weltweite Nachfrage nach Fisch ist in den vergangenen Jahren explodiert, während die Fischbestände in den Weltmeeren dramatisch weiter schrumpfen.
Über 80 Prozent der Bestände, darunter Thunfischarten, Rotbarsch, Scholle oder Nordseekabeljau gelten nach Schätzungen der FAO trotz internationaler Regelungen und Fangquoten als überfischt, oder stehen unmittelbar davor. Sollte sich an der gegenwärtigen kommerziellen Fischereipolitik nichts ändern, werden die meisten Fischbestände bis zum Jahr 2048 kollabiert sein, so die düstere Prognose. Dieser Raubbau an den Meeren ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Doch wer ist schuld am Schwund der Fische?
Rund 16 kg Fisch verzehrt jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Ganz vorne auf der Beliebtheitsskala steht das Alaska-Seelachsfilet. Von 1950 bis 2003 hat sich der Fischverbrauch nach Angaben der „Food and Agricultural Organization (FAO)“ der Vereinten Nationen um sage und schreibe 600 % Prozent erhöht. Während der weltweite Fischkonsum 1950 noch bei 19 Millionen Tonnen lag, kletterte er im Jahr 2003 bereits auf 132 Millionen Tonnen.
Um den globalen Hunger nach Fisch zu stillen, wurden im Jahr 2006 laut jüngstem FAO- Report weltweit 92 Millionen Tonnen Fisch gefangen – wobei die tatsächliche Fangmenge weitaus höher liegen dürfte. Darüber hinaus wurden rund 51,7 Millionen Tonnen Fisch in Aquakulturen gezüchtet, die die Tiere aus ehemaligem Wildfang zunehmend ersetzen sollen.
Warum werden die Meere überfischt?

Die Gründe für die Überfischung liegen in wirtschaftlichen Interessen, einer zunehmenden Technologisierung der Hochseetrawler und im politischen Versagen des Beseitigens dieser Missstände.
- Das Ringen um die Fangquoten
Wirtschaftliche Interessen dominieren nach Ansicht von Umweltverbänden und entwicklungspolitischen Organisationen das jährliche Ringen um die Fangquoten. Während Island und Norwegen sich in Sachen Fangquoten für Fisch vorbildlich verhalten, liegen die Fangquoten der EU im Durchschnitt 35 % Prozent über der von der Wissenschaft empfohlenen Fangmenge.
Wie stark wissenschaftliche Empfehlung und politische Entscheidung im Einzelfall divergieren können wird deutlich im Fall des Kabeljaus (Dorsch). Der „International Rat für Meeresforschung“ (International Council for the Exploration of the Sea, ICES) empfahl im Jahr 2004 eine Fangmenge von höchstens 13.000 Tonnen für den Kabeljau (Dorsch). Die Fischereiminister legten schließlich eine Fangquote von 32.000 Tonnen fest, also weit mehr als doppelt soviel gegenüber der Empfehlung der Wissenschaft.
Am Beispiel des Blauflossen-Thunfisch wird in dramatischer Weise deutlich wohin dies führt. Der Bestand kollabierte laut R. Mielgo, einem ehemaligen Thunfisch-Händler, der heute als Whistleblower fungiert- bereits im Jahr 2007. 61,000 Tonnen Blauflossen-Thunfisch wurden 2006 gefangen. Eine Zahl, die zweimal so groß ist, wie die damaligen offizielle Fangquote der EU und der ICCAT vorgaben und vier mal so groß, wie die Zahl, die von Wissenschaftlern für eine nachhaltige Befischung empfohlen wurde. Heutzutage ist schätzungsweise nur noch 20% Prozent des ehemaligen Bestands an Blauflossenthun vorhanden. Im Jahr 2012 wird nach Mielgos Prognose der letzte Blauflossen-Thunfisch in die Netze der Hochseetrawler gehen und auf den Tellern edler Sushi Restaurants landen. Mehr dazu zu in Roberts Mielgos Berichten.

Grafik: World capture and aquaculture production (Quelle: FAO)
- Technologisierung
Auf den Weltmeeren befinden sich etwa 2,1 Millionen Schiffe auf Beutezug. Rund 23.000 davon sind hoch industrialisierte Trawler, die mit 3-D Sonargeräten und Satellitennavigation Fischgründe aufspüren und metergenau bis auf den letzten Fisch im Schwarm befischen können – ein Teufelkreis: Je stärker die Bestände zurückgehen, desto größer werden die Netze und moderner die Ausrüstungen.
- Zu viele Schiffe – Zu wenig Fische
Massive Überkapazitäten der Fangflotten führen außerdem zu hohem Druck auf die verbleibenden Fischbestände.
- Illegale Fischerei - Piratenfischer auf hoher See
500.000 Tonnen illegal gefangener Fisch kommt laut Expertenschätzungen jedes Jahr in der EU auf den Teller. Laut Schätzungen der IUCN wird rund ein Fünftel des weltweit gefangenen Fisches mit einem Marktwert von 23,5 Milliarden Dollar illegal aus dem Meer gezogen. Für einen einzelnen Blauflossen-Thunfisch wird heute mehr als 100,000 US$ auf dem japanischen Fischmarkt bezahlt.
Mit der zunehmenden Nachfrage aus Europa und Asien und sinkenden Fangquoten in den europäischen Gewässern wächst auch der Anreiz vieler Fischtrawler, ohne Genehmigung in fremden Gewässern zu fischen. Ins Visier geraten dabei zunehmend die Gewässer von Entwicklungsländern: Diese verfügen nur selten über ausreichende Möglichkeiten, ihre Gewässer vor Piraten-Fischern zu schützen. Guinea ist das Land mit dem höchsten Anteil an Piratenfischern weltweit. (Mehr dazu auf http://www.illegal-fishing.info/sub_approach.php?approach_id=27&subAppro... )
Illegale Fischerei hat nicht nur direkte Auswirkungen auf die lokalen Fischer vor Ort, sie wirkt sich auch verheerend auf die Entwicklung der verbleibenden Fischbestände aus, da Fänge nicht verbucht werden und künftige Quoten aus den vermuteten Beständen errechnet werden.
Die Folgen der Überfischung
Die kommerzielle Überfischung bedroht nicht nur das gesamte Ökosystem Meer, sondern gefährdet auch die Ernährungssicherheit vor allem in West- und Nordafrika.
Fisch ist Nahrungsquelle von 2,6 Milliarden Menschen
"Wir verspielen unsere wichtigste Nahrungsquelle, da weltweit etwa 2,6 Milliarden Menschen sich hauptsächlich von Fisch ernähren", warnt Achim Steiner, Direktor des Uno-Umweltprogramms. Denn Fisch ist nicht nur gesund. Weltweit ernähren sich ca. 2,6 Milliarden Menschen vor allem in Küstenregionen hauptsächlich von Fisch. Fisch deckt in Westafrika 50 – 80 % der Versorgung mit tierischem Eiweiß. Ein Kollaps der Bestände hat also nicht nur Auswirkungen auf das Ökosystem Meer, sondern dramatische Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit großer Bevölkerungsteile Westafrikas und Asiens. Besonders betroffen sind Bangladesch, Kambodscha, Äquatorialguinea, Französisch-Guayana, Gambia, Ghana, Indonesien und Sierra Leone.
Da EU Staaten und andere Länder ihre Nachfrage nach Fisch nicht mehr in den eigenen Gewässern stillen können, handelt die EU vor allem mit westafrikanischen Staaten wie dem Senegal regelmäßig Fischereiabkommen aus. Diese Internationalen Fischereiabkommen machen es möglich, den europäischen Bedarf an Fisch in den Gewässern Afrikas, der Karibik oder der Pazifischen Ländern (ACP) zu stillen. (Action Aid). Mit dramatischen Folgen für die lokalen Fischer und die Küstenbevölkerung. Die Kompensationszahlungen hingegen nützen häufig nur den Eliten der Länder. Durch den Aufkauf der Fischfangquoten anderer Staaten wird das Problem der Überfischung sogar noch über die EU Grenzen hinaus exportiert.
Piraterie erzeugt Piraterie
Überfischung entreißt den Fischern (es gibt mehr als 10 Millionen) ihre Arbeit und letztendlich die Lebensgrundlage, da unabhängig arbeitende Fischer nicht mit den hochmodernen fabrikgleichen Fisch-Trawlern konkurrieren können und auch der Fisch in ihren Gewässern immer weiter dezimiert wird. So weisen der EED und anderer NRO seit Jahren darauf hin, dass sich veramte Kleinfischer in Somalia zunehmend kriminellen Banden anschließen, da ihre Gewässer von den Hochseetrawlern leer gefischt wurden und der eigene Fang nicht mehr zum Überleben reicht. (Mehr Informationen dazu beim EED)
Beifang: Mitgefangen, mitgehangen

Seevögel, Wale, Rochen, Schildkröten und Delphine gehen zudem als Beifang in die Netzte der Hochseetrawler, um letztendlich als „Abfall“ tot oder sterbend wieder zurück in das Meer geworfen zu werden.
Mehr als 27 Mio. Tonnen Fisch und andere Meerestiere gehen jährlich als Beifang in die Netze der Trawler. Das entspricht in etwa 1/3 der Menge des gesamten gefangenen Fischs. Beifang ist das Ergebnis unselektiver Fangmethoden durch mehr als 100 km lange Angelschnüre und Schleppnetze.
Beifang ist nach Angaben des WWF eine der Hauptursachen für das Verschwinden von 89 Prozent der Hammerhaie und 80 Prozent der Weißen Haie aus dem Nordostatlantik. Über 300.000 Wale, Delphine und Tümmler sterben jedes Jahr als Beifang in Netzen und an den Haken der Leinen.
Sogar Albatrosse, Sturmvögel, Sturmtaucher und Pinguine werden Opfer. Der WWF schätzt, dass jährlich 300.000 Vögel ertrinken, weil sie nach den Ködern tauchen.
Grundschleppnetze, die über den Meeresboden gezogen werden, zerstören außerdem die Bodenflora, die Laichgebiete und damit die Regeneration der Fischbestände. Pro Jahr landen etwa 40 Tonnen Korallen als Beifang in den Netzen.
Beifangrechner des WWF.
Was nun? Hering statt Scholle?

Wer dem Sterben in den Ozeanen ein Ende setzten will, der sollte sich nicht auf den politischen Willen verlassen, sondern wissen, dass es sich bei der Schillerlocke um den bedrohten Dornhai handelt und so einige Fischarten wie Schwertfisch, Seeteufel oder Kabeljau/Dorsch definitiv nicht mehr auf Teller und Speisekarte gehören.
Auch sollte der bewusste Fischgenießer wissen, dass die Umweltbilanz des Hoffnungsträgers Aquakultur bedeutend schlechter ausfällt, als viele meinen. Denn auch in Bio-Aquakulturen braucht es für einen Kilo Lachs bis zu vier Kilogramm Futterfische... Um nur die derzeit von den Fischern erbeuteten Wildfische zu züchten, bräuchte man somit die vierfache Menge Fisch als Futter aus dem Meer, insgesamt gewaltige 320 Millionen Tonnen jährlich! Und: Auch diese Form der Kultivierung von Nahrungsmitteln geht mit hohen Emissionen in der ökologischen Umgebung einher, wie die Verschmutzung der Gewässer durch den Einsatz von Medikamenten und Düngemitteln oder der Schaffung eines Aquakulturgebietes in einem Terrain, das aufgrund hoher Artenvielfalt und Wasserqualität nicht für eine Kultivierung, sondern eher für ein Reservat genutzt werden sollte. Auch wenn die Verschmutzung der Gewässer durch ökologische Aquakulturen fast wegfällt, so bleibt immer noch die enorme Menge an "Futterfischen", die nur teilweise aus ökologischer Landwirtschaft abgedeckt werden kann.
Bewusste Konsumenten sollten daher auf Nachhaltige Fischerei und die „richtigen“ Fische setzten. Wie Du selbst die Fischbestände schützen kannst, erfährst Du hier.
Weiterführende Quellen und Links
- ActionAid international (2008), SelFISH Euope (pdf)
- FAO (2008), The State of World Fisheries and Aquaculture.
- Greenpeace, Überfischung
- Kafsack, Hendrick (2009, Kameras gegen die Überfischung der Meere (FAZ Net)
- Hamm, Magdalena (2010), Fische in Not (Zeit online).
- Mielgo, Robert (2008), The 2008 BlueFin Tuna Dossier.
- Oceana (2010), The Oceans' Pirate Fishermen (pdf).
- Oceana (2010), Fishing opportunities for the European Community Fleet in the Nort East Atlantic for 2010.
- Oceana (2009), Hungry Oceans: What Happens When The Prey Is Gone? (pdf).
- United Nations (2009), Marine stocks hurt by abandoned fishing gear, finds UN study.
- Illegal-Fishing.info
- United Nations (2009), UN report warns of dangers of over-fishing world’s top marine species
- Pew Environment Group: End of Overfishing.
Rima Hanano, RESET-Redaktion (2010)

