Nachhaltige Kommunikation

Stell dir vor, es ist Streit, und keiner verliert... Geht das? Kommunikation ist Ausdruck sozialer Beziehungen und kann mehr oder weniger erfolgreich und nachhaltig gestaltet werden.
Nachhaltige Kommunikation als gewaltfreie Kommunikation
Die Gewaltfreie Kommunikation (GfK) nach Marshall Rosenberg ist eine Art des Umgangs miteinander, die den Kommunikationsfluss, der im Austausch von Informationen und für die friedliche Bearbeitung von Konflikten notwendig ist, erleichtert. Der Fokus liegt dabei auf Werten und Bedürfnissen, die alle Menschen gemeinsam haben. Das Gespräch soll so geführt werden, dass die Bedürfnisse & Werte der Beteiligten im Vordergrund stehen und diese kreativ und gewaltfrei erfüllt werden.
Das hat die Folge, dass die Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse der Gesprächspartner besser aufgenommen und verarbeitet werden und umgekehrt Missverständnisse vermieden werden. Dabei ist die gewaltfreie oder auch konstruktive Kommunikation als Grundhaltung gegenüber den Beteiligten zu verstehen und nicht als Manipulationsmittel, um andere in die "eigene Richtung" zu "überzeugen". Es geht darum, dass die individuellen Argumente gehört und verstanden werden. Im Kern zielt konstruktive Kommunikation darauf ab, eine "Win-Win"-Situation zu schaffen, sodass alle Gesprächspartner im Nachhinein ihre Bedürfnisse gewahrt sehen. Es gilt in der gewaltfreien Kommunikation Zwangsmittel zu vermeiden, damit sich die Gesprächspartner gemeinsam auf der gleichen "Augenhöhe" fühlen und aktiv und empathisch an der Kommunikation partizipieren.
Die Kommunikation kann so zu einem Instrument werden, dass die Beziehungen zwischen Menschen nachhaltig verändert und positiv beeinflusst. Weil die GfK versucht, Menschen miteinander zu verbinden und die Bedürfnisse der Menschen transparent zu machen, ist diese Technik eine sehr verbreitet Konfliktbewältigungs- und -bearbeitungsstrategie. Trotzdem richtet sich die Methode an alle, die erfolgreich "menschfreundlich" kommunizieren wollen – ob im Beruf, in der Schule, im Verein, im Großraumbüro oder im Konfliktfeld.
Wie gewaltfreie Kommunikation funktioniert: Respekt & Ehrlichkeit
Gewaltfreie Kommunikation geht davon aus, dass die befriedigendste Handlungsmotivation darin liegt, das Leben zu bereichern und nicht aus Angst, Schuld oder Scham etwas zu tun oder tun zu müssen, dass man eigentlich nicht möchte. Besondere Bedeutung kommt der Übernahme von Verantwortung zu – für getroffene Entscheidungen aber auch für dieVerbesserung der Beziehungsqualität im Allgemeinen.
Die eigenen Interessen durchsetzen, ohne andere zu verletzen? Die eigenen Bedürfnisse befriedigen, ohne andere zu schädigen? Grenzen setzen, ohne Gewalt anzuwenden?
Immer mehr Menschen glauben, dass das möglich ist und trainieren deswegen Gewaltfreie Kommunikation (GfK). Der Entwickler des Konzepts, Marshall Rosenberg, arbeitet seit Jahren erfolgreich in vielen Krisenregionen – mit Kindern und Erwachsenen, Schülern und Lehrern, Polizisten, straffällig gewordenen, Politikern & Diplomanten.
Schon Kinder können den Unterschied zwischen "Giraffensprache" und "Wolfssprache" lernen, denn das Prinzip ist einfach. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen, Situationen nicht wertend zu beschreiben, Gefühle auszudrücken und Bitten zu formulieren – in dem Bewusstsein, dass Ehrlichkeit mit Offenheit begegnet wird.
Wie kommuniziere ich konstruktiv?
GfK verbindet zahlreiche Kommunikationsstrategien, die aus vielen anderen Bereichen der Konfliktbearbeitung und der Mediation bekannt sind. Es geht darum, die Beziehung zwischen den Beteiligten qualitativ zu gestalten und im Falle aggressiven Verhaltens die Kommunikation gewaltfrei zu transformieren. Dabei wird hinter jeder Aggression ein Bedürfniss gesehen, welches ausgesprochen, geäußert und dann wahrgenommen werden kann.
Wie verhindern wir nun, dass der Mensch dem Menschen zum Wolf wird?
Erkenne die Bedürfnisse Deines Gegenübers
Das Geheimnis der Methode liegt im Erkennen von Bedürfnissen – der eigenen wie der Anderer. Denn im Grunde sind wir gar nicht so verschieden, wie wir oft meinen: Jeder Mensch braucht Nahrung, körperliches Wohlbefinden, Unterkunft, Sicherheit, Liebe, Spiel, Erholung, Autonomie und Sinn. Der Mensch ist von Natur aus auf das Miteinander in einer Gruppe angewiesen: Wir sind soziale Wesen, Kulturwesen, das Tier, welches seine Welt durch Sprache fasst, begreift, erfindet.
Der Unterschied zwischen "Wölfen" und "Giraffen" besteht darin, dass Giraffen es wagen, sich verletzlich zu zeigen. Die Bedürfnisse des Gegenübers zu erkennen, ernstzunehmen und nicht zu verurteilen ist daher ein zentrales Element konstruktiver Kommunikation. Es ist wichtig ein Klima der Offenheit und Ehrlichkeit zu etablieren: Die Beobachtung und Aufnahme der Äußerungen des Gegenübers werden zur Kenntnis genommen und nicht (vor-)verurteilt. Jeder kann seine Einschätzung der Situation formulieren, ohne "Kurzschlussreaktionen" der Anderen (Vorwürfe, Beschimpfungen, Abwertung, Drohungen, Kritik …) fürchten zu müssen. Gegenseitiges Zuhören, Respekt und Einfühlungsvermögen können so eine Vertrauensbasis für zukünftige Gespräche oder eine konstruktive Konfliktbearbeitung ermöglichen.
Nachdem die Situation beobachtet wurde, Gefühle und Bedürfnisse mitgeteilt sind, können auf Grund dieser Einschätzungen Bitten und Wünsche geäußert und diskutiert werden. Methoden des GfK sind demnach:
- Die Trennung von Beobachtung (Symptome) und Bewertung (Diagnose).
- Die Unterscheidung zwischen Emotionen & Gefühlszuständen einerseits und Rationalisierungen & Denken andererseits.
- Universelle, menschliche Bedürfnisse (Liebe, Wertschätzung, Vertrauen, Leben …) erkennen, die unser Handeln motivieren.
- Die ausdrückliche Formulierung von Bitten & Wünschen, die das sagen was wir auch wirklich wollen.
Verantwortung für das eigene Handeln kann in diesem Rahmen von gegenseitiger Achtung und Einfühlung übernommen werden, da die "wunden Punkte" angehört und ausgesprochen wurden und so adressiert werden können.
Kritische Anmerkungen
Gewaltfreie Kommunikation ist ein Konzept, dass erfreulicherweise nicht nur von Expertinnen und Experten der Konfliktbearbeitung oder Mediation angewandt werden kann.
Treten Eltern ihren Kindern, LehrerInnen ihren SchülerInnen und Vorgesetzte ihren Angestellten – aber auch Teampartner, Freunde und Gleichaltrige einander – in dieser Weise gegenüber, gibt es sicher weniger Konflikte im Alltag für Menschen in allen Altersstufen und Lebenslangen. Als negativ anzumerken ist allerdings, dass insbesondere die Menschen, die sich durch Akte der Gewalt durchs Leben schlagen und diese im Laufe vieler Jahre immer wieder "erfolgreich" angewandt haben, nie gelernt haben, sich respektvoll mit sprachlichen Mitteln auseinander zu setzen. Die sprachlichen Kapazitäten, Probleme gewaltfrei anzugehen, stehen ihnen mithin gar nicht zur Verfügung. Daher sollte in diesen Fällen auf einen besonderen Bedarf an Vermittlung durch geschulte Menschen und Trainer hingewiesen werden – ähnlich wie es der Gewaltforscher James Gilligan in seinem Buch "Preventing Violence" vorschlägt.
Nicht erst die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur frühkindlichen Entwicklung machen klar, dass kommunikative Fähigkeiten in den frühen Jahren der Kindheit im unmittelbaren Familienumfeld wesentlichen geprägt und erlernt werden. In diesem Sinne ist es unverzichtbar für eine friedlichere Welt, Kindern die gleichen Chancen auf den Weg zu geben, sich unabhängig vom sozialen Hintergrund ihrer Familie dieser sprachlichen Mittel zu bedienen, sie sich anzueignen und auch den Kleinsten mit Respekt und Offenheit entgegenzutreten. Dies ist ein Element des Urvertrauens gegenüber anderen Menschen, welches Kindern später ermöglicht Anderen selbst mit Wertschätzung und Empathie gegenüber zu treten.
Fazit
In der Praxis ist GfK ein lebenslanger Übungsweg, der Beziehungen intensiver machen, Partnerschaften bereichern, Kindererziehung erleichtern und Schule revolutionieren kann. Wer sich auf den Weg macht, die "Giraffensprache" zu erlernen, wird entdecken, wie viel nachhaltiger das tägliche Miteinander sein kann -– für sich und andere.
Quellen
- How to Practice Nonviolent Communication
- The Center for Nonviolent Communication
- van Gelder, S. (1998) "The Language of Nonviolence" Yes Magazine, Summer 1998
- Sauer, M. (2004) "Expert on conflict resolution believes nonviolence is in our nature" San Diego Union-Tribune, October 14, 2004.
- Kabatznick, R. and M. Cullen (2004) "The Traveling Peacemaker: A Conversation with Marshall Rosenberg." Inquiring Mind, Fall issue.
- Moore, P. (2004) "NonViolent Communication as an Evolutionary Imperative-The InnerView of Marshall Rosenberg" Alternatives, Issue 29, Spring.
- Simons, G. (2003) "Review of Nonviolent Communication" SIETAR Europa Newsletter, November
